Svetlana mit Kindern

Adam, Salomon und Svetlana auf der Schaukel im Garten des Kinderlandes.

Seit drei Wochen streiken nun schon Erzieherinnen und Erzieher in ganz Deutschland, um für höhere Gehalts- oder Besoldungsstufen zu kämpfen. Gestern gab es erste Annäherungen zwischen Gewerkschaften und der Vereinigung kommunaler Arbeitgeberverbände, doch wann der Streik endet, ist noch unklar. Und so bleiben viele Kindertagesstätten, die von den Kommunen getragen werden, weiterhin geschlossen. Laut „Radio Bremen“-Informationen gehen gut 10.500 Kinder in Bremen und Bremerhaven in eine Kita, die von der Stadt betrieben wird. Besonders prekär ist die Situation für alleinerziehende Eltern. Die sogenannte Notfallbetreuung soll diesen zwar bevorzugt unter die Arme greifen, doch die Kapazitäten reichen nicht aus.

Das Kinderland auf dem Campus wird daher zur Zeit mit Anfragen von studierenden Müttern und Vätern bombardiert, ob die Kinder nicht vorrübergehend dort abgegeben werden könnten. Doch auch das Kinderland hat wenig Kapazitäten. Allein für die reguläre Betreuung der Kinder von Studierenden, die nicht in Kitas untergebracht sind, gibt es lange Wartelisten. Svetlana (35) studiert Erziehungswissenschaften im Master. Sie hat Glück. Für ihre beiden Kinder konnte sie Betreuungsplätze im Kinderland ergattern. Sie ist alleinerziehende Mutter und als solche auch mit der Unterstützung durch das Kinderland schon reichlich strapaziert. Ohne diese könnte sie gar nicht studieren, sagt sie. Denn: „Das Kindeswohl ist wichtiger als das Studium für mich.“ Wie sie beides unter einen Hut kriegt, zeigt exemplarisch ein Einblick in Svetlanas Uni-Alltag.

 

Einblicke in einen Uni-Alltag mit Kind

Donnerstag, 28.5.2015

8.00 Uhr: Das Klingeln des Weckers bringt Leben in die Woltmershausener Wohnung. Svetlana ist alles andere als ausgeschlafen. Nicht nur die frühe Stunde ist Schuld daran; in der Nacht hat ihr jüngster Sohn wieder Terz gemacht. Salomon ist gerade mal ein Jahr alt. Durchschlafen tut er selten. Dafür reißt sein großer Bruder Adam (6) die Mutter mittlerweile nur noch äußerst selten aus dem Schlaf. Als beide Kinder aus den Betten raus sind, wird sich gewaschen und geduscht, angezogen und schließlich gefrühstückt. Während andere Studierende erstens später und zweitens entspannt mit nem Käffchen und einem Blick in die Zeitung oder sozialen Netzwerke starten, muss Svetlana morgens Druck machen, damit sie und ihre beiden Söhne rechtzeitig aus dem Haus kommen.

10.00 Uhr: Svetlana geht mit ihren Kindern zu einem Spielkreis in der Neustadt. Abgeben kann sie diese dort aber nicht. Sie bleibt vor Ort und passt auf, während Adam und Salomon mit Gleichaltrigen spielen.

12.00 Uhr: Zum Mittagessen geht es zur nahegelegenen SOS-Kinderdorfküche, die Kindern und ihrern Eltern gesundes Essen für kleines Geld bietet. Zwischen Spielkreis und Hörsaal reicht die Zeit einfach nicht, um nochmal nach Woltmershausen zu fahren. „Ich habe keine Zeit zu kochen,“ bedauert Svetlana. „Zur Uni ist es weit. Ich würde es sonst einfach nicht rechtzeitig zu meiner Veranstaltung schaffen.“

14.15 Uhr: Das Seminar zu Forschungsdesign und -methoden beginnt. Svetlana sitzt mit Collegeblock und Stift bereit – aber ohne Anhang. Ihre Söhne hat sie kurz zuvor im Kinderland abgegeben. Dies ist das einzige Betreuungsangebot, das Sventlana in Anspruch nimmt. Abgeholt werden Adam und Salomon heute nicht direkt im Anschluss an das Seminar. Es steht noch ein wenig eigenverantwortliches Arbeiten an.

15.45 Uhr: Svetlana sucht sich einen Arbeitsplatz in der Nähe des Kinderlandes zwecks Vor- und Nachbereitung des Seminarstoffes. „Ich habe dieses Semester zwei Seminare. Auf die muss ich mich vorbereiten und ich muss am Ende in beiden eine Leistung erbringen. Mir fehlt auch bei zwei Seminaren schon die Zeit, die anfallende Arbeit gründlich zu erledigen. Ich frage mich, ob zwei Seminare zu viel sind in meiner Situation. Zeit für mich habe ich jedenfalls gar nicht,“ erklärt Svetlana.

18.00 Uhr: Adam und Salomon werden aus dem Kinderland abgeholt. Dann fährt ihre Mutter mit ihnen zu einer Freundin. Auch diese hat ein Kind. So kommen beide, Svetlana und ihre Kinder auf ihre Kosten. Das Abendessen wird gemeinsam zu sich genommen. Danach geht es bald zurück nach Woltmershausen.

21.00 Uhr: Svetlana, Adam und Salomon kommen zu Hause an. Obwohl es erst kürzlich Essen gab, stellt Svetlana sich nochmal an den Herd. Sie staunt selbst: „Egal, wie spät es ist: Bevor die Kinder zu Bett gehen, muss ich immer noch Haferbrei machen. Adam hat immer Hunger!“

ca. 22.00 Uhr: Während Svetlana Salomon zu Bett bringt, schläft Adam schon auf dem Sofa ein. Es war ein langer Tag für alle drei. Wenn in den Kinderzimmern das Licht ausgegangen ist, liest Svetlana immer noch ein Weilchen. Manchmal ein Buch, heute jedoch nur Mails und Facebook-Nachrichten. Sie muss am nächsten Morgen wieder früh raus. Gegen 23.00 Uhr schließlich fallen ihr die Augen zu. Für die alleinerziehende Mutter geht ein weiterer anstrengender Tag zu Ende. Doch beschweren will sie sich nicht. „Ich komme aus einem anderen Land, wo das Leben viel härter ist. Und das kann ich natürlich nicht vergessen,“ erklärt Svetlana, die erst nach einem abgebrochenen Studium in Russland nach Deutschland kam. „Dadurch erscheint mir das Leben zwar anstrengend – und das ist es manchmal wirklich – aber allgemein sind die Bedingungen hier, um zu Leben und sein Leben mit Kindern zu gestalten, viel besser, als dort, wo ich herkomme. Und so denke ich: Ja, das ist doch schön, dass ich all das hier machen kann. Ich kann studieren ohne Hindernisse. Es gibt Unterstützung: Finanzielle und die Kinderbetreuung. Es ist einfach der Blickwinkel. Ich weiß das zigtausende Menschen auf der Welt studieren möchten, aber das nicht können, weil es kein Geld und keine kostenlose Bildung gibt. Und wenn ich versuchen würde, in Russland zu studieren… mit Kindern – das ist fast undenkbar.“

Während die kommunalen Kindergärten bestreikt werden, kann sich Svetlana weiterhin auf die Unterstützung des Kinderlandes verlassen. Hier arbeiten keine Erzieher*innen, sondern studentische Hilfskräfte.Was diese studieren, ist zweitrangig. Die Begeisterung und die Eignung für den Umgang mit Kindern sind die Auswahlkriterien für die Mitarbeiter*innen im Kinderland. Svetlana ist mit der Betreuung jedenfalls vollkommen zufrieden. Die Kinder würden sich immer auf das Kinderland und einzelne Mitarbeiter*innen freuen. In einer Kindertagesstätte hätte sie ihre Söhne zwischenzeitlich zwar auch versucht, unterzubringen, aber dort sei die Betreuung bei weitem nicht so inividuell und das Personal von den großen Gruppen und der verhätlnismäßig schlechten Bezahlung gestresst und demotiviert gewesen. Vielleicht wurde es also höchste Zeit für einen Streik. Auch über die Gender-Zusammensetzung des Kinderlandpersonals ist Svetlana erfreut: „Es ist auch sehr gut, dass das Kinderland immer versucht, auch Männer zu engagieren und das klappt super. Mal will Adam unbedingt zu einer bestimmten männlichen Person, mal zu einer weiblichen. Und ich fühle mich privelegiert. Dadurch dass mein Kind mit den Betreuer*innen ‚arbeiten‘ darf, die es gerne hat – wirklich gerne.“ Und wenn die Kinder glücklich sind, lässt es sich als Mutter doch deutlich leichter studieren. Das Studium mit Kindern ist also möglich. Sogar wenn man alleinerziehend ist. Nur die Regelstudienzeit lässt sich natürlich nicht einhalten. Svetlana hat ihr Masterstudium vor 6 Semestern begonnen…

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