Sie wehren sich gegen den zunehmenden Einfluss der EU, sie hassen Homosexuelle, sie wollen in Polen die Todesstrafe wieder einführen. Die PiS-Partei [Partei für „Recht und Gerechtigkeit“] gehört nach übereinstimmenden Meinungen vieler Experten zum rechten Rand des Parteienspektrums. Dass in Polen Alternativen auf dem Wahlzettel stehen, die noch weiter rechts zu verorten sind, setzt dieser Tatsache nichts entgegen, obgleich der Bremer Uniprofessor Zdzislaw Krasnodebski gestern immer wieder betonte, wie viele Menschen im EU-Parlament doch noch zu seiner Rechten säßen. Der Soziologe und Polonist, der ausgerechnet im Bereich der Integrierten Europastudien doziert, trat an der Seite von EU-Parlamentskollegin Ulrike Trebesius (AfD) auf, um über die Ausrichtung ihrer gemeinsamen Fraktion EKR [Europäische Konservative und Reformer] zu reden. Die EULe war vor Ort, bis es hieß: „Verschwinden Sie!“ …

Wer sich von Parlamentariern zu seiner Rechten distanziert, muss sich konsequenter Weise auch von deren Gedankengut distanzieren, selbst wenn es von den eigenen Wählern und Parteigenossen geteilt wird. Ansonsten muss man seinen Stuhl nehmen und ehrlicher Weise zu den Menschen rücken, von denen man sich mit dem altbekannten „Wir sind ja keine Nazis, aber…“ ohnehin nur unglaubwürdig distanziert. Dies gilt gleichermaßen für PiS und AfD. Da letztere aber im Hinblick auf die Wahlen für die Bremische Bürgerschaft schon mitten im Wahlkampf steckt, möchte man seine Wählerschaft natürlich nicht verprellen. Mitdiskutanten aus dem Publikum einer Veranstaltung wie der gestrigen abzukanzeln gilt daher wohl als unfein. Als der unglaubliche Bullshit, der so an das Podium herangetragen wurde, also die Grenzen des Erträglichen überschritt, ergriff ich als Journalist das Wort. Das ist zwar nicht die feine Art, aber die Rolle des neutralen Beobachters musste ich einfach aufgeben, als sich zuletzt die Phrasen aus dem Publikum an NS-Rethorik bedienten und niemand daran dachte, diesem Menschen das Mikrofon zu entziehen. Aber immer der Reihe nach…

Nachdem am Donnerstag der AStA [Allgemeiner Studierendenausschuss] vom Rektorat der Uni eine klare Positionierung zu dem fragwürdigen politischen Engagement von Professor Krasnodebski gefordert hatte, machte ich mich zwecks Artikels über diese Begebenheit an die Recherche über die PiS, Krasnodebski und seine politischen Mitstreiter. Als ich auf allerhand gruselige Zitate und Programmpunkte stieß, entschied ich mich, meinen Freitagabend für eine Tätigkeit zu opfern, die eigentlich auf meiner Favoritenliste direkt hinter „sich die Finger mit der Kneifzange amputieren“ kommt: Ich stattete der selbsternannten „Alternative für Deutschland“ einen Besuch ab. Ihre Veranstaltung mit dem Titel “AfD und PiS: Gemeinsam für Europa?” fand im Swissôtel am Hillmannplatz statt. Begleitet wurde ich von zwei Freund*innen, von denen eine nach dem Gusto der AfD wohl nicht blond und blass genug war. Vielleicht war es aber auch die Tatsache, dass wir beiden Herren keine kleinkarierten Oberhemden trugen, die dazu führte, dass uns eine ergraute Dame mit finsterer Mine im Foyer abfing, uns kritisch musterte und sagte:

„Darf ich fragen, wo Sie hinwollen?“

-„In den Saal ‚Zürich 3′“, entgegnete ich.

„Zu der EKR? Es tut mir leid, aber ich glaube Sie gehören nicht zu uns…„, erwiderte sie abfällig.

-„Aber das ist doch eine öffentliche Podiumsdiskussion“, beharrte ich.

Doch sie blieb hartnäckig: „Naja, aber wer sind Sie denn?“

„Wir sind Bürger“, stellte ich kurz und knapp klar. Mehr sollte es eigentlich nicht bedürfen, einer öffentlichen Veranstaltung beizuwohnen.

Sie beratschlagte sich kurz mit einem Mann im Anzug vor den Türen des Saales. Schließlich ließ man uns passieren, verwies aber bedrohlich darauf, dass wir uns zu benehmen hätten und die Diskussion nicht stören sollten. Der Herr im Anzug blieb, während wir in einer der vielen leeren Reihen saßen und der Dame und den Herren auf dem Podium geduldig zuhörten, unentwegt in unserer Nähe stehen und starrte uns an. So geht die AfD also mit mündigen Bürgern um…

Zunächst einmal wurden eine halbe Stunde lang Plattitüden ausgetauscht. Bürokratieabbau, dem Willen der Bürger wieder eine Stimme geben, man sei so unglaublich tolerant und weltoffen, weil Deutsche mit Polen diskutierten, man sich sogar eine Fraktion teile… und so weiter und so fort. Auf europapolisicher Ebene sind sich AfD und PiS relativ einig: Möglichst wenig Europa, alles selber machen, weil man’s selbst halt besser kann. Professor Krasnodebski verwickelte sich zwar ein paar mal in Widersprüche, als er zum Beispiel für Aufrüstung plädierte und die NATO als Schutzherren Europas anpries, er sich allerdings mit der AfD einig war, dass man keine gemeinsame europäische Armee wolle, um nicht die Konflikte anderer mit auszufechten. Man sprach über Frankreich und seine Altlasten in Afrika. Dass allerdings dort und überall auf der Welt „unsere“ Soldaten bereits für fremde Interessen unter NATO-Kommando stationiert sind, schien den Populist*innen auf dem Podium in keinem Widerspruch hierzu zu stehen.

Der Tagesordnungspunkt Eurokrise brachte eben so wenig Unerwartetes wie Geistreiches hervor. Immer wieder versuchte Professor Krasnodebski jedoch, seiner Position Glaubwürdigkeit zu verleihen, indem er seine Sätze mit Floskeln wie diesen versah: „Bei einem Forschungsaufenthalt stellte ich fest…“, „Mein Professorenkollege…“, „Für mich als Soziologen…“. Doch seine Beobachtungen und Schlüsse blieben leider aus soziologischer Sicht relativ arm. So belächelte er die Linken im EU-Parlament, die „interessanterweise“ oft mit den Abgeordneten rechts von ihm gleich abstimmten, wobei er nicht erwähnte, dass ihre Anliegen womöglich andere sind. Bei einer Ja/Nein-Abstimmung wird schließlich nicht ersichtlich, ob Abgeordnete gegen eine europäische Maßnahme stimmen, weil sie Europa generell ablehnen, oder weil sie die Maßnahme für eine weitere Unterwerfung Europas unter kapitalistische Interessen halten.

Als sich die Podiumsdiskussion, die bis hierhin eigentlich eher eine Aneinanderreihung von Monologen der Politiker*innen mit gelegentlichen bestätigenden Zwischenrufen aus dem Publikum geblieben war, endlich den angekündigten Themen Bildungs- und Familienpolitik zuwandt, demaskierten sich die zuvor selbstbeweihräucherten -ach so toleranten- Hauptdiskutanten schneller, als vermutet. Man prangerte die nicht mehr wahrnembare Familienpolitik an, betonte die Wichtigkeit der Ehe als Keimzelle unserer Gesellschaft und die Gefahr von Kinderlosigkeit. Der Wert von Liebe und gegenseitiger Fürsorge und Verantwortung wurde damit stumpf auf deren Beitrag zur Reproduktion der gesamtgesellschaftlichen Arbeitskraft runtergebrochen. In diese Rechtfertigung der kapitalistisch begründeten Heteronormativität wurden begeisterte sarrazinistische Zwischenrufe aus dem Publikum wie „Deutschland schafft sich ja quasi ab!“ dankend eingebaut. Meine Halsschlagadern dehnten sich allmählich aus. Und schließlich wurde auch dem Menschen noch das Wort erteilt, der mir zuvor schon als ultranational aufgefallen war, um folgendes Statement von sich zu geben, das ich trotz der Magenkrämpfe, die es mir bereitet, versuche, im Wortlaut wiederzugeben:

„Schauen Sie sich doch mal in Deutschland um! Das kann doch nicht sein, dass hier nur noch ausländische Kinder zur Welt kommen. Die Frauen, die hier herkommen, sind doch schon hochschwanger, entbinden quasi noch am Flughafen. Und so haben die Türkinnen Deutschland mit der Scheide erobert.

Ein Raunen ging durch den Saal. Da hat wohl jemand zu deutlich ausgesprochen, was so viele AfD-Wähler denken. Diese zu verprellen, traute man sich allerdings nicht – der Mann durfte und wollte weiterreden. Ich hatte genug gehört und stand auf. Lautstark teilte ich dem Saal sinngemäß mit: „Das ist doch nicht zu fassen! Wollen Sie sich das noch länger anhören? Diese Frau [auf sie zeigend] wollte uns Studierende hier vorhin nicht reinlassen. Vielleicht weil eine Freundin von mir, die noch bis eben hier saß, aber sich Ihre letzten geistigen Ausfälle zum Glück nicht mehr anhören musste, ausländische Wurzeln hat, vielleicht weil wir nicht Ihrem Kleidungsstil entsprechen… Und diesem Mann verschaffen Sie hier Gehör. Ein Nazi ist bei Ihnen ein willkommener Gast?! Ich hoffe, dass hier Presse anwesend ist und den Menschen aufzeigt, was hier propagiert wird! Sie müssen sich verantwortlich zeigen, für das was hier propagiert wird und für das, was Ihre Parteikollegen propagieren! Wie können Sie sich eine Fraktion mit einer Partei teilen, Frau Trebesius, und wie können Sie sich von einer Partei aufstellen lassen, Herr Krasnodebski, die Homosexuelle mit Nekrophilen, Sodomisten und Pädophilen gleichsetzt. Ist das ihr Verständnis von Toleranz?“

In der Zwischenzeit hatte sich eine Traube von Menschen – allen voran der für uns abgestellte Beobachter im Anzug – geblildet, die auf mich einredeten, dass ich mich zurücknehmen oder am besten gehen solle. „Verschwinden Sie doch!“, riefen auch Leute durch den Saal, die nicht direkt um mich herumstanden. Die Atmosphäre war von äußerst ekelhaft schlagartig in äußerst bedrohlich umgeschlagen. Ich sagte, dass ich gehen werde. Nicht der Aufforderung folgend, sondern weil ich mir den Dreck nicht weiter anhören konnte. Eine Antwort auf meine gut recherchierten und daher wie ich finde berechtigten Anschuldigungen wollte ich jedoch noch hören. Was folgte, waren jedoch keine Distanzierungen, sondern feiges Manövrieren von Ulrike Trebesius, die ihren polnischen Kollegen vor eben jenen bewahrte, indem sie zu Verstehen gab, wir müssten die religiösen Ansichten unserer Nachbarn einfach akzeptieren. Das reichte mir und meiner Begleitung. Wir ergriffen die Flucht. Meine Hoffnung bleibt weiterhin, dass Journalist*innen in der Lage sein werden, menschenverachtende politische Parteien wie AfD und PiS zu demaskieren. Die AfD, die mit ihrem „Mut zur Wahrheit“ wirbt, bedient sich immer wieder des im Nationalsozialismus geprägten Begriffes der „Lügenpresse“, um eben jene Journalist*innen zu denunzieren. Wenn ich durch meine originalgetreue Schilderung des gestirgen Abends nun in den Augen der AfD Teil dieser „Lügenpresse“ bin, dann bin ich stolz darauf, weil sie hiermit eben jene Menschen honorieren, die den tatsächlichen „Mut zur Wahrheit“ haben.

Mut sollte meiner Meinung nach aber auch das Rektorat haben. Den Mut, sich zu Werten zu bekennen, die durch die ausbleibenden Distanzierungen von Professor Krasnodebski mit Füßen getreten werden. Der AStA hatte vom Rektorat eine Reaktion auf den angekündigten Auftritt Professor Krasnodebskis gefordert. Der Auftritt mit all seinen zu erwartenden und unerwarteten Unglaublichkeiten sollte den Druck auf das Rektorat nun noch einmal erhöhen, Stellung zu beziehen – gegen Homophobie und Rassismus, für Mesnchenrechte und Frieden.

2 Kommentare
  1. Hannah
    Hannah sagte:

    Danke für diesen Bericht und natürlich besonders, dass du es dir angetan hast, dort aufzuschlagen! Super Artikel… Da kann man echt nur den Kopf schütteln, dass Prof. Krasnodebski unkommentiert vom Rektorat so agieren kann.

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