Links: Tom Robin Hoffman verteilt „RESIST!“-Broschüren, Rechts: Bernd Scholz-Reiter in seinem Büro; Fotos und Montage von Jan-Niklas Sievers

„RESIST! Wissenschaftsplan 2020“ titelte das Pamphlet der Fachschaft Psychologie und des AStA, das kürzlich überall auf dem Campus verteilt worden ist. Die Herausgeber*innen rufen darin zum erneuten Protest gegen den Wissenschaftsplan (WP 2020) auf. Dem folgte eine Infowoche zur Mobilisierung der Studierenden Mitte November. Und nun? Das Pamphlet verspricht: „Wir nehmen den Wissenschaftsplan nicht einfach so hin und werden mit allen Mitteln und auf allen Wegen versuchen, Kürzungen und Streichungen von Studienangeboten zu verhindern!“ Aber lässt sich an dem beschlossenen WP 2020 noch rütteln? Was ist die Rolle des Rektorats in dem Kampf gegen Kürzungen? Und warum soll der Studiengang Psychologie abgesägt werden? Die EULe hat mit hochschulpolitisch aktiven Studierenden und Prof. Dr. Bernd Scholz-Reiter über „Amputationen“, „Rasenmähermethode“ und Sachzwänge gesprochen.

Der Universität fehlt Geld. Viel Geld. Das bedeutet konkret ein strukturelles Defizit, beziehungsweise einen Investitionsstau seit 2007 von etwa 8 Millionen Euro. Der Akademische Senat (AS) prognostiziert unter Anbetracht steigender Kosten bis 2020 sogar eine Finanzierungslücke von 16 Millionen Euro. Dabei wurde der WP 2020 von Bildungs- und Wissenschaftssenatorin Quante-Brandt doch so gefeiert. Aber sie feiert alleine. Dass die Mehrausgaben in den Bereichen Forschung und Lehre nicht nur keine Ausfinanzierung sondern sogar weitere Einschnitte eben dieser bedeuten, war nicht nur der Studierendenschaft von Anfang an klar. Bis zuletzt hatten Studierende demonstriert, protestiert und vor der Bürgerschaft kampiert Doch seit August ist der WP 2020 beschlossene Sache. Trotzdem will sich die Studierendenvertretung AStA nicht geschlagen geben. Die Umsetzung des Planes ist noch – euphemistisch gesagt – eine Frage der Ausgestaltung. Das heißt: Welche Studiengänge werden geschlossen, welche zusammengekürzt? Auch die Fachschaft Psychologie ruft erneut zum Protest auf. Diesem Fachbereich wird womöglich bereits das Grab geschaufelt.

Universitätsrektor Scholz-Reiter weist darauf hin, dass sich dieser Studiengang aufgrund der Altersstruktur der Professor*innen durch Ausbleibende Neubesetzung vakant werdender Stellen, hier am leichtesten ein Zweig der Uni absägen lasse, beteuert allerdings, es sei noch alles offen. Er hatte zuvor die „Inkonsistenz“ eines Papiers der Haushaltskommission des AS beklagt, in dem Einsparungen in Fächern, Instituten, die keinen Fachbereichen zugeordnet sind, und bei den zentralen Kosten vorgeschlagen worden sind, aber er bei den konkreten Maßnahmen die Fächer nicht mehr erwähnt sah. „Fächer heißt letztenendes eigentlich Professuren [streichen]. Und jetzt muss man halt gucken: Wo erbringt man diese Professuren? Von der Psychologie ist in diesem Papier überhaupt nicht die Rede gewesen. Das ist der nächste Schritt, den die Haushaltskommission noch erarbeiten muss,“ erklärte Scholz-Reiter in seinem Büro. Andernorts, in der Holzhütte namens GW3, erzählte man uns, der Rektor habe das „Prüfen kritischer Studiengänge“ wieder in das Papier der Haushaltskommission reingedrückt. Tom Robin Hoffmann von der hochschulpolitischen Gruppierung LiSA traf sich dort mit der EULe und forderte mehr Widerstand gegen die Kürzungspolitik auch von Scholz-Reiter. Er bringt sich wie viele andere politisch Aktive an der Uni Bremen regelmäßig auf den studentsichen Aktiventreffen ein. Immer donnerstags zwischen 14 und 16 Uhr wird auf den Treppen im GW2-Gebäude über Politik und mögliche Aktionen gesprochen. Mit einer Mail richtete Tom das Plädoyer an alle Aktiven: „Der Rektor steht mit seinen forschen Kürzungsideen nicht nur unseren Interessen entgegen, auch im AS kann er sich für Studiengangsschließungen nicht auf eine Mehrheit verlassen. Außerdem: Warum lehnt er die Kürzungsvorgaben der Stadt nicht ab? Halle hat‘s vorgemacht: Auf Grund von massiven Protesten hat sich das Rektorat der Uni dort geweigert, die Pläne der Stadt umzusetzen – und ist damit durchgekommen!“ Doch Scholz-Reiter hält von diesem Vorschlag nichts. Wenn das Geld, was der Universität zur Verfügung steht, nicht planmäßig eingesetzt werden sollte, so würden die zunächst freiwerdenden Stellen nicht besetzt werden können, da die Universität für die Freigabe von Stellen von der senatorischen Behörde abhängig sei. „Das hätte dramatische Auswirkungen auf die Handlungsfähigkeit der Universität und dramatische Auswirkungen auch auf die Studiengänge, und zwar auf sehr viele Studiengänge“, verteidigt der Rektor seinen Kurs. Flächendeckend ein bisschen was wegnehmen, das bezeichnet er als die „Rasenmähermethode“, die er ablehnt und zieht stattdessen eine andere unschöne Metapher heran: Die „Amputation“. Werden nun also einzelne Studiengänge ganz abgesägt? Und wenn ja, wie viele? Die vorgesehenen Einsparungen in den Fachbereichen können durch die Schließung des Studiengangs Psychologie alleine noch nicht gedeckt werden. In der Kampfschrift „RESIST!“ wird daher auch vor weiteren Schließungen und vor allem einem erkennbaren Schema gewarnt, was diesen zugrunde liege: „Wir stellen und gegen die Kürzungen ALLER Studiengänge. […] Es kann nicht sein, dass die nur diejenigen Studienangebote erhalten bleiben, die einen vermeintlichen wirtschaftlichen Nutzen für die Uni haben. […] Ein breites Bildungsangebot darf auf keinen Fall im Zusammenhang stehen mit dem ökonomischen Nutzen für ‚großzügige‘ Geldgeber*innen.“ Viele Aktive sehen unter anderem durch die Exzellenzinitiative die Unabhängigkeit der Wissenschaft und durch den zeitintensiven Konkurrenzkampf um Drittmittel die Qualität der Lehre gefährdet. Der Wissenschaftsplan 2020 manifestiere diese Verwertungslogik. Psychologie auf den Prüfstand zu stellen, sei allerdings vom Rektorat nicht im Hinblick auf ihre Rentabilität ins Spiel gebracht worden, beteuert Scholz-Reiter. Ganz abgesehen davon, würde auch er als Rektor den Studiengang gerne erhalten wissen, aber es handele sich um „finanzpolitische Vorgaben, die unter anderem auch einem Haushaltsnotlageland geschuldet sind. Aber“, pflichtet er den Herausgeber*innen der Broschüre gegen den WP 2020 bei, „man muss auch feststellen, dass natürlich der Stellenwert der akademischen Bildung in der Politik manchmal nicht so gesehen wird, wie wir uns das wünschen.“ Was dem Rektorat aber in dem Pamphlet unterstellt wird, ist, dass „die Uni-Leitung bis zur letzten Minute auf Intransparenz“ setze. „Denn wo die Menschen nicht wissen, was auf sie zukommt, kann sich auch kein Widerstand bilden“, heißt es dort. Warum bezieht das Rektorat also nicht klarer öffentlich Position gegen die ganz konkreten Einschnitte, die der Wissenschaftsplan mit sich bringt? Politisches Taktieren? Resignation? So oder so, bleibt es Sache der Studierenden, Widerstand zu bilden. Oder – um es mit den Worten der Fachschaft Psychologie und des AStA zu sagen: „Solidarität statt Konkurrenz! Es kann alle Fächer treffen. […] Zeigt Solidarität mit eurer Uni! Engagiert euch in euren Stugen und unterstützt die Fachschaft Psychologie!“

0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.