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Littérature sans domicile fixe 

 

Virginie Despentes: Vernon Subutex (2015)

In diesem Roman zeichnet die Autorin das Bild einer zutiefst verunsicherten Gesellschaft, in der trotz der permanenten Kommunikation über soziale Netzwerke alle Figuren einsam und desillusioniert erscheinen. Im Zentrum steht Vernon Subutex, ehemaliger Plattenladenbesitzer, beliebt und sorglos, bis er erst seinen Laden und dann seine Wohnung verliert, zunächst bei Freunden unterkommt und schließlich doch die Gandenlosigkeit der Obdachlosigkeit erleben muss.

Harold Cobert: Un hiver avec Baudelaire (2009)

Nachdem ihn seine Frau rausgeworfen und er seinen Job verloren hat, gerät Philippe in eine unaufhaltsame Abwärtsspirale bis er schließlich obdachlos auf der Straße landet. Der Roman erzählt in der Form kurzer tagebuchähnlicher Berichte in schnörkelloser Sprache von Philippes sozialem Abstieg, aber auch davon wie er mit Hilfe neuer Freunde auf der Straße, eines Hundes und der Lektüre von Baudelaire wieder zurück ins Leben findet.

Samuel Benchetrit: Le Coeur en dehors (2009)

Dieser Roman wird aus der Persepktive des 10-jährigen Charly erzählt, der in einer Parsier „banlieue“ lebt. Die Erzählung spannt sich über die Dauer eines Tages, der damit beginnt, dass Charly beobachtet wie seine Mutter von der Polizei abgeführt wird. Aus Angst vor der Polizei beschließt Charly nicht mehr in die Wohnung oder in die Schule zurückzukehren, sondern streift durch das Viertel auf der Suche nach seinem drogenabhängigen Bruder und Anhaltspunkten, weshalb seine Mutter verhaftet wurde. Charly führt den Leser durch die Räume der „banlieue“, durch unterirdische Kellersysteme der Hochhäuser, die alle nach französischen Schriftstellern und Dichtern benannt sind, durch die Schulhöfe und Betonbrachen, mit denen seine Lebensgeschichte verwoben ist. Seine Mutter soll in ihr Herkunftsland Mali abgeschoben werden, soviel erfährt Charly am Ende des Tages, was mit ihm passieren soll, bleibt offen.

Yannick Haenel: Les Renards pâles (2013)

Der Protagonist dieses Romans beschließt sich dem System des Arbeitsamtes in Paris zu entziehen und zieht von seiner Wohnung in sein Auto. Er verbringt seine Tage damit, durch das XX. Arrondissement von Paris zu spazieren und entdeckt dort Symbole und Schriftzüge, die eine Revolution ankündigen. Seine Wahrnehmung der Stadt und der Gesellschaft wird kritischer und er entdeckt andere Menschen, die sich unterdrückt und ausgegrenzt fühlen. Schließlich lernt er eine Gruppe von Sans-papiers kennen, die sich Renards pâles nennen, nach dem anarchischen Gott der Dogon aus Mali, und die die Anführer der sich ankündigenden Revolution sind. In diesem Roman werden beide im Fokus stehenden Figurengruppen beleuchtet und sie vereinigen sich in der Geschichte zu einer neuen revolutionären Kraft, die die Ungerechtigkeiten der aktuellen Politik zu bekämpfen versucht.

 

Corinne Dufosset: L’Abyssinie (2016) 

Monk ist ein Sans domicile fixe: In seinem Zelt träumt er von Wärme, einem richtigen Zuhause und einer großen Tasse Kaffee. Mit einer ernüchternden Ehrlichkeit eröffnet der Erzähler die Welt der Straße, ihre Unbarmherzigkeit, ihre Regeln und ihre Hoffnungslosigkeit. Die Schilderung der vier Jahreszeiten im Leben des urbanen Obdachlosen Monk offenbaren den vom Mangel geprägten Alltag ohne dabei in Voyeurismus oder Beschönigungen zu verfallen. Besonders interessant ist die Wahrnehmung der Stadt durch seine Streifzüge durch die unübersichtlichen und scheinbar endlosen Straßen der Stadt und die Visionen seiner abbessinischen Heimat, die sich über die urbanen Räume legen.

 

Eva Kavian: Je n’ai rien vu venir (2015)

Momo ist hyperaktiv und das kommt gelegen: wenn er nicht damit beschäftigt ist Personen vor dem Suizid zu retten, kümmert er sich um Ramon, der unter seiner Mutter und seiner Alkoholsucht leidet. Aber am häufigsten plaudert er mit den Besuchern der Résidence, einem Aufenthaltszentrum für die Schiffbrüchigen der Stadt und des Lebens. Eines Tages kommt Jacques, ein gezeichneter Sechzigjähriger, mit seinen Geschichten: „Ich habe es nicht kommen sehen. Was anderes sollte man sagen?“ Vieles, ohne Zweifel…

 

Jean-Claude Izzo: Le soleil des mourants (1999)

Dieser Roman erzählt die Geschichte von einem Obdachlosen namens Rico, dessen Freund Titi unter einer Bank am Bahnhof erfroren ist. Dieses Ereignis ist der Ausgangspunkt, von dem aus Rico beginnt seinen Lebensweg zu erzählen, der ihn schließlich auf die Straße gebracht hat. Um der Trauer und den Erinnerungen zu entkommen, bricht Rico mit einem Freund in den Süden Frankreichs auf. Dort lernt er einen jungen Geflüchteten kennen, für den er zu einer Art Vaterfigur wird und der sich um ihn kümmert, als es ihm zunehmend schlechter geht. Jean-Claude Izzo beschreibt die Erbarmungslosigkeit des Lebens auf der Straße und spürt den Gründen nach, die dazu führen, dass ein Mensch obdachlos wird.

 

Ibrahim Alabi Oridota: À Paris dans la peau d’un SDF (2011)

In diesem Erfahrungsbericht erzählt der Autor von seinen Wochen als Sans domicile fixe in Paris, die er aufgrund einer einstweiligen Verfügung durchleben muss. Er lernt die Orte kennen, an denen Obdachlose leben oder Schutz für die Nacht suchen. Und er lernt die Menschen kennen. Aus der Perspektive der vorübergehenden Obdachlosigkeit beschreibt er wie in einer soziologischen Studie die Menschen und Orte, die ihm begegnen. Und es ist doch keine wissenschaftliche Studie, sondern für ihn das Mittel in seiner Notlage Ruhe zu bewahren und die Wochen bis zu seiner Gerichtsverhandlung zu überstehen.

 

Fiona Thibeaux: Plus forte que la rue (2014)

Bei diesem Text handelt es sich ebenfalls um einen Erfahrungsbericht, in dem die Autorin erzählt wie sie mit 16 Jahren schwanger wird, mit 19 Jahren ihre Mutter tot in ihrer Wohnung auffindet und schließlich traumatisiert zu einer Obdachlosen wird. Es folgen sechs Jahre, in denen sie als Drogenabhängige auf der Straße, in Notunterkünften und in besetzten Häusern lebt. Der Erfahrungsbericht bietet einen Einblick in das Leben als Frau auf der Straße und die traumatischen Erlebnisse, die dazu führen, dass ein Mensch sich nicht aus der Drogenabhängigkeit und Obdachlosigkeit befreien kann.

 

Olivier Adam: À l’abri de rien (2007)

Dieser Roman erzählt von einer psychisch-labilen Frau, die Halt in einer Gruppe von freiwilligen Helferinnen für die in der Stadt obdachlos lebenden sans-papiers findet. Sie opfert sich zunehmend für die überwiegend jungen Männer auf, die auf ihrem Weg nach Großbritannien in der nordfranzösischen Kleinstadt gestrandet sind. Schließlich erleidet sie einen erneuten Zusammenbruch als das Hilfscamp aufgelöst wird und alle Geflüchteten abtransportiert werden, wobei ihr engster Freund auf der Flucht vor den Polizisten überfahren wird. Der Text verbindet die Hoffnungslosigkeit der jungen Frau in der trostlosen Kleinstadt mit der aussichtslosen Situation der sans-papiers und bietet keine Flucht aus dem Gefühl der Hoffnungslosigkeit.

 

Delphine de Vigan: No et moi (2011)

Dieser bereits verfilmte Jugendroman erzählt von der Freundschaft der 13-jährigen Protagonistin Lou mit einer jungen Obdachlosen. Das besondere dieses Romans ist die sensible Perspektive der Protagonistin, aus der die Situation der Obdachlosen No betrachtet wird. Lou versucht No zu helfen, indem sie ihre Eltern überredet sie bei sich aufzunehmen und merkt schnell, dass es nicht reicht ihr ein Dach über dem Kopf zu bieten. Auch in diesem Roman werden die spezifischen Problematiken für Frauen auf der Straße beleuchtet.

 

Jean Echenoz: Un an (1997)

Dieser Roman erzählt die Geschehnisse eines Jahres aus dem Leben einer jungen Frau nachdem sie neben ihrem toten Lebensgefährten aufgewacht ist. Sie flüchtet vor dem Ereignis und den polizeilichen Ermittlungen und erlebt einen permanenten Abstieg mit dem Versiegen ihrer finanziellen Rücklagen. Jean Echenoz‘ präszise und bildhafte Sprache offenbart in einem einzigen Fluss die Erlebniswelt der Protagonistin und verdeutlicht dadurch, wie diese sich nicht aus der Abwärtsspirale befreien kann.