Wie ich Zeit lernte…

Als Kind schien die Zeit wie im Flug zu vergehen. Der Sommer hat gerade erst angefangen und dann hörte er schon direkt wieder auf. Meine Mutter sagte, dass sei, weil man so viel Spaß habe. Und sie hatte recht; Wenn man Spaß hat, läuft die Zeit für einen selbst schneller.

Von klein auf bekam ich die Zeit vermittelt. Man konnte sie nicht richtig begreifen, weil man noch nicht wusste, was sie ist, aber selbst bevor ich in der Schule über die Uhr lernte, wusste ich bestimmte Sachen über die Zeit. Wenn es dunkel wurde, wurde es Zeit ins Bett zu gehen. Wenn es hell wurde, Zeit aufzustehen. Nach dem Frühstück war es Zeit in den Kindergarten zu gehen und nach dem Mittagessen dort, war es Zeit nach Hause zu kommen.

Als dann das Thema Uhr in der Schule begann wusste ich zwar schon im Groben was Zeit ist, aber das Lesen der Uhr war dennoch etwas sehr Schweres für mich. Ich weiß nicht in welchem Alter ich die Uhr dann lesen konnte, allerdings brauchte ich immer Nummern auf der Uhr, wenn ich sie schnell lesen wollte. Durch meine gesamte Realschul- und Gymnasiumzeit hatte ich immer wieder die Situation, dass ich jemanden nach der Zeit gefragt habe und sie mir einfach eine Uhr ohne Zahlen hinhielten. Ich habe dann immer so getan als wüsste ich dann nach ein paar Sekunden welche Zeit es ist, dabei hätte ich in Wirklichkeit Ewigkeiten mit der Uhr gebraucht um dies herauszufinden. Mittlerweile ist dies kein so großes Problem mehr, aber es ist dennoch komisch, dies zuzugeben.

Als ich nach dem Abi in den USA war habe ich Zeit noch einmal ganz anders erlebt. Ich habe dort als Au Pair gearbeitet und ich hatte unterschätzt, wie viel Zeit ich habe, während die Kinder sieben Stunden in der Schule sind. Sieben Stunden erscheinen nicht viel, aber wenn man neu in einer Gegend ist, die Kultur und die Leute nicht kennt vergeht die Zeit sehr langsam, weil man nichts mit sich anzufangen weiß.

Durch Corona wurde ich dann direkt in das nächste Extrem geworfen. Zu dieser Zeit war ich zwar in einer anderen Familie, aber der Junge dort, war auch 7 Stunden am Tag in der Schule. Als Corona dann anfing und die Schulen dichtmachten war er dann plötzlich den ganzen Tag zu Hause. Der Vater musste arbeiten und eine Mutter gab es nicht mehr, weswegen ich dann die meiste Zeit mit ihm verbrachte. Er kam zu mir, wenn er aufwachte und abends brachte ich ihn zu Bett. Diese langen Tage haben zwar unsere Bindung vertieft, aber manchmal schien die Zeit einfach nicht zu vergehen. Ich war zwar die gesamte Zeit beschäftigt, aber als ich dann nicht mehr wusste, was ich mit ihm machen sollte, verging die Zeit zum Teil sehr schleppend und ich schaute dann auch schonmal jede Minute aufs Handy, um zu sehen, wie spät es ist.

Auch die Zeitverschiebung ist natürlich ein Teil wie ich die Zeit in Amerika wahrgenommen habe. Wenn man zu Hause jemanden erreichen wollte musste man immer die richtige Zeit abpassen und sich aufeinander abstimmen. Doch selbst da gab es manchmal Ungereimtheiten: Erstens wurde ich immer gefragt, ob ich „meine“ Zeit oder „ihre“ Zeit meine und zweitens stellt sich die Uhr in den USA später um, als hier in Deutschland, was bedeutet, dass zu zwei Zeiten im Jahr die Zeitumstellung fünf oder sieben Stunden beträgt, statt den normalen sechs Stunden.

Ich habe mal einen Film gesehen in dem die Hautdarstellerin die Welt erst kennenlernen musste, weil sie fern von dieser aufgewachsen war. Wir Menschen tun immer bestimmte Dinge wenn wir eine bestimmte Zeit auf der Uhr haben und die Darstellerin hat in diesem Sinne eine passende Frage über eine Armbanduhr gestellt, die ich nicht mehr aus dem Kopf bekam: „You let this little thing tell you what to do?“ – Gal Gadot

Ein weiteres Zitat über die Zeit: „Another lost boy trying hard to understand, why the kid in the mirror’s got a beard and a fear of his watch“ – Sam Johnson

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