eine Gute, eine Schlechte

Um mal ein bisschen Einblick in den akademischen Aspekt meines aktuellen Uni Lebens zu geben,

folgen hier zwei kurze Erzählungen: Eine, die mich richtig glücklich macht, und eine, die meiner Stimmung grade kurz nen Dämpfer versetzt hat.

Ich weiß, bei einer guten und einer schlechten Nachricht macht es meistens Sinn, sich die schlechte zuerst sagen zu lassen, dann die gute, aber zweckens narrativer Übergangsvision machen wirs jetzt eben mal andersrum:

 

Was mich super freut, ist dass ich mit der Kombination meines Profil- und Komplementärfachs sehr, sehr zufrieden bin, und auch mit meiner Wahl von Veranstaltungen für dieses erste Semester – Immer wieder fällt mir angenehm auf, wie selbstverständlich sich Verknüfungen ergeben, nicht nur zwischen unterschiedlichen Seminaren (wie z.B. die Relevanz von Maurice Halbwachs und dem kollektiven Gedächtnis sowohl in „Einführung in KMÄB“ wie auch in „Medien und Rechte Gewalt“), sondern auch zwischen vielem, womit ich mich jetzt im Studium beschäftige, und Themen, deren gedankliche Basis bereits aus meinem FSJ im letzen Jahr stammen (z.B. Fragen wie „Woran und auf welche Art erinnern wir uns?“).

Die Synthese und Interdisziplinarität der Themenfelder, die nun im universitären Kontekt meine Gedanken ordnet (und/oder durcheinanderbringt!) überschneidet sich zusätzlich oft mit dem, was bei mir sonst so im Leben los ist, was mich sowie schon länger, oder auch ganz akut, beschäftigt.

Eine dieser Möglichkeiten zur erweiterten Auseinandersetzung mit einem Thema, welches mich schon eine Weile interessiert, war die Aufgabe, für mein Seminar zur „Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten“ ein beliebiges Buch aus der Uni Bib zu wählen, und uns ein paar Fragestellungen einfallen zu lassen, bei deren Beantwortung uns die gewählte Lektüre helfen könnte.

Ich konnte mich kaum entscheiden zwischen Optionen im Bereich der nachhaltigen und inklusiven Stadt- und Raumplanung, sodass ich mir im Endeffekt doch etwas anderes wählte – „the female gaze. women artists making their world“.

Für mich persönlich eine super Wahl; spannend und inspirierend, weiter in wissenschaftlichem Kontext zum female gaze zu recherchieren. Also erstmal Literatur suchen, und dabei eine Datenbank Empfehlung einer meiner Dozenten ausprobieren; Ich suche also nach dem Schlagwort des Female Gaze, finde ein paar, aber wenige Titel, und versuche, meine Optionen zu erweitern, indem ich das Synonym(?) der Female Perspective probiere – und das ist der Moment, indem meine Recherchemotivation ziemlich eingeknickt ist –

Während ich gehofft hatte, mehr Artikel zu finden, die sich mit der viel zu lange viel zu vernachlässigten, erfrischenden, empathischen, intuitiven und erlernten Perspektive weiblicher und weiblich gelesener Personen auf alle relevanten Felder von Kunst bis in die Politik auseinandersetzen, mit den Stimmen und Werken von Profesorinnen und Aktivistinnen,
sehe ich mich stattdessen konfrontiert mit Titeln wie

„Neurobiology of Repdroduction in the Female Rat: A Fifty-Year Perspective“

„The Female Circumcision Controversy: An Anthropological Perspective“

„Eradicating Female Genitalia Mutilation: A UK Perspective“

„Get inside Her: The Female Perspective: Dirty Secrets from a Woman on How to Attract, Seduce and Get Any Female You Want“

„Female Corpses in Crime Fiction: A Transatlantic Perspective“

„Women’s Medicine: Family Planning and British Female Doctors in Transnational Perspective, 1920-70“

 

Ich finde eine fünfzigjärhige, eine antropologische, eine aus dem vereinigten Königreich, zwei transatlantsiche – die einzige Perspektive, die wirklich weiblich zu Wort kommt: Eine Anleitung zur Verführung.

Ich möchte nicht die Validität oder Qualität der genannten Artikel hinterfragen, sie dienen lediglich als veranschaulichendes Beispiel dafür, dass die weibliche Perspektive in der Wissenschaft noch immer „klassich“ weiblich Konnotationen von Familienplanung, von Reproduktion, Attraktion & Attraktivität, von Opfer und Objekt mit sich trägt, statt die Fülle an Facetten aufzufächern, in denen Frauen etwas zu sagen haben.

Zugegebenermaßen habe ich mich, zweck dieses Blogposts, auch ein kleines bisschen in das stimmungsstörende Moment dieses ernüchternden Ergebnisses zum synonymen Suchbegriff hineingesteigert, und das Thema ist ein weit wichtigeres, als dass ich ihm innerhalb dieser Zeilen angemessend Raum und Bedeutung geben könnte, doch der Grundgedanke dahinter ist und bleibt mir im Hinterkopf. Dir auch?

Ist dieses dumpfe Bewusstsein, dass als weibliche gelesene Person die Wahrnehmung, die andere Menschen von dir haben, immer schwerer zu wiegen scheint, als deine eigene Wahrnehmung der Welt,

nicht sogar ein essenzieller Aspekt dessen, was den „female gaze“ ausmacht, und wie er sich in Kunst, Kultur und Kritik manifestiert?

 

 

 

2 thoughts on “eine Gute, eine Schlechte

  1. Wow, voll das spannende Thema und auch richtig nice wie ne Kolumne geschrieben, ich seh dich schon bei Spiegel Online haha!
    Aber echt, ich kann das total nachvollziehen, wie befremdlich diese Titel sind, und wie traurig es ist, dass das dann als female perspective gilt bzw, dass es sich überhaupt noch immer so abgrenzen muss. Aber auch cool, dass ihr in dem Seminar so was machen könnt und man dann angeregt ist, auf solche Erkundungen zu gehen 🙂

  2. na das ist ja mal ein Text.
    Ich bin ehrlich beeindruckt von der Leichtigkeit deiner Texte und gleichzeitig wie Faktenbasiert diese sind.
    Mich hat dein Text echt mitgerissen und die Namen und Quotes die du zu dem Thema unter anderen gefunden hast schmerzen mich. Zu wahr ist das was du sagst, zu furchtbar das so viele Menschen immer noch für eine Frau die oben genannten Perspektiven sehen oder der Annahme sind, dass würde Frauen ausmachen.
    Als hätten diese Personen niemals von einer Frida Kahlo gehört, einer Angela Merkel, einer Kleopatra oder Rosa Luxemburg.

    Ich wünsche ihnen und der Gesellschaft ein schnelles und unsanftes Erwachen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.