6. Ehrlichkeit

Seitdem dieses Jahr angebrochen ist, verspüre ich einen intensiven Druck. Ich habe bereits in den Beiträgen geschrieben, dass ich mich an gewisse Momente zurück erinnere, wo es mir mit vielen Routinen gut ging und ich gerne wieder dort hin zurück möchte.
In der Realität habe ich in der letzten Woche gemerkt, dass ich einiges an meinen Ansprüchen runterschrauben muss. Diese Erkenntnis hat mich sehr sehr viel Zeit und Kraft gekostet. Dieses Gefühl „ganz oder gar nicht“ hat mich sehr stark eingenommen und auch oft gehindert, da ich mich nicht mit meinem Gewissen und meinen Plänen mit einem „Mittelmaß“ zufrieden geben konnte. In der zweiten Januarwoche hielt ich insgesamt 4 Tage hintereinander mit meinen Sporteinheiten und dem Ernährungsplan durch und danach hielten mich nicht nur eine üble Erkältung, sondern auch eine sehr überanspruchte Celina zurück, weiterzumachen. Selbst in dieser Zeiten, wo ich mich aufraffen konnte, hat mich die Überwindung so stark eingenommen, dass ich nichts mehr aufschreiben und den Moment auch irgendwie allein für mich genießen wollte. Ich denke hier ist es wichtig mir bewusst zu machen, dass es motivierend sein könnte, wenn ich dieses Material habe, da ich an schlechten Tagen darauf zurück greifen könnte..

Ich werde in den nächsten Tagen einen neuen Plan erstellen, da ich so zu keinen Ergebnissen kommen kann, denn es stresst mich extrem und zieht mich oft runter von „0 auf 100“ zu gehen, was ich mir in meiner Illusion oder meiner Tagträumerei sehr leicht vorgestellt habe. Diesen Beitrag zu erstellen hat schon sehr viel Überwindung gekostet. Nun bin ich aber bereit zu akzeptieren wie es gelaufen ist, dass ich mir oft zu hohe Ziele setze und mich dann lange mit dem Gefühl des „Versagens“ aufhalte und quäle. Dem wird nun ein Ende gesetzt, denn ich konnte mir viel Wissen und neue Inspiration aneignen und bin gespannt auf ein realistisches, angepasstes Selbstexperiment.

In dem Buch „Selbstoptimierung und Ambivalenz“ von Heide von Felden wird der Druck, den ich eine lange Zeit in mir hatte, gut erfasst. Es wird das „Rattenrennen“ (vgl . Pongratz 2001, S . 274) geschildert, welches dazu führt, dass sich Subjekte in lebenslangem Wettbewerb zu-einander begreifen und sich infolgedessen ständig zu optimieren versuchen. (vgl. S. 18 von Felden, Heide). Ich persönlich spüre diesen mentalen „Wettbewerb“. Ich neige dazu mich viel zu oft zu vergleichen und mich oftmals schlechter zu machen als ich eigentlich bin. Die heutigen Schönheitsideale spielen hier auch eine große Rolle, da viele davon schon unzähligen operativen Schönheitseingriffen unterlagen und von einer breiten Masse gefeiert werden. Es wird nur das „Perfekte“ gezeigt und man muss sich selber immer wieder klarmachen, dass vieles davon einfach nicht echt und auch nicht der Realität entspricht. Eine Statistik aus der Zeitschrift für Religionspädagogik (Nr. 17, aus dem Jahr 2018) spiegelt diese Erkenntnis sehr stark wider. In dem Artikel geht es um die Thematik „Werde, der du sein willst!“ Selbstoptimierung als Phänomen, seine Interpretation und religionspädagogische Strategien zum Umgang.

Diese Statistik wundert mich weniger als sie wollte. Es handelt sich um eine Statistik aus dem Jahr 2017 vom Neon Magazin zum Thema „Was würden sie an Ihrem Körper ändern?“ Es werden Menschen im Alter von 20-35 Jahren in Deutschland gefragt und anschließend werden die Ergebnisse prozentual in Balkendiagrammen verdeutlicht. Auch ich verspüre schon ewig einen Drang etwas an mir zu ändern, damit meine ich auf jeden Fall keine künstlichen Eingriffe (!!!), ich meine etwas an meinem Gewicht und meiner Erscheinung zu tun, sie also sportlicher zu machen. Es ist sehr schockierend, wie viele Menschen zwischen 20 und 35 Jahren ebenfalls etwas an sich verändern möchten und scheinbar mit dem was sie haben, unzufrieden sind.

 

 

 

Update: 25.02.2020

Ich habe nun, für mich, in den letzten Wochen ein gesundes Maß für dieses Selbstexperiment festlegen können. Montags und Freitags sind Tage, an denen ich etwas für mich tue, wie beispielsweise in den Wald gehen (dort spazieren und joggen), meine Gedanken niederschreibe oder einfach nur die Ruhe wahrnehme. Mehr dazu in dem Teil des Blogs zu „Bewegung und Rituale“!

 

27.02.2020

Wie ich mich fühle, wenn ich das Wort Selbstoptimierung höre und daran denke:

Das Wort an sich löst wirklich schlechte Stimmungen in mir aus. Mit dem Experiment wurde mir deutlich, wie schrecklich es ist, sich unter Druck zu setzen. Ich habe wahnsinnig viel für mich gelernt, da ich mittlerweile sagen kann, dass meine anfängliche „Faszination“ für die Selbstoptimierung eigentlich eine.. ja schon irgendwie eine Lüge ist. Mich fasziniert bei vielen Menschen, die es schaffen beispielsweise gesund zu leben, regelmäßig Sport zu treiben etc. eigentlich eher die Begeisterung und die Kraft, die diese Menschen ausstrahlen. Ich habe gemerkt, dass es mich unglaublich fasziniert und erfüllt Zeit im Wald zu verbringen. Mal joggend, mal spazierend, mal sitzend. Ich denke man kann aus sich erst das Beste rausholen, wenn man mit sich im Reinen ist und nicht, wenn man sich für ein Experiment vornimmt sich selbst zu optimieren. Das ist wie der Jojo-Effekt, wenn man abnimmt. Es kommt durch eine apprupte, wenig tiefgründige Umstellung des Lebensstils zu einer oberflächlichen, halbherzigen Veränderung und die ist nur zweckbedingt. Ich spüre mich wirklich sehr, wenn ich an meinem Blog arbeite und meine Gedanken dazu sortiere und das bringt mir sehr viel! Eine Selbstoptimierung muss erstmal mental voranschreiten und dann kann ich mich mit gutem Gefühl um meinen Körper etc. kümmern!

Ich habe vor diesem Experiment einen sehr unterhaltsamen Artikel gelesen. Dieser trägt den Titel „Eure Selbstoptimierung kotzt mich an“ von , veröffentlicht bei der Zeit Online. Hier wird genau dieses Phänomen, welches ich mit meiner Forschung untersuchen möchte auf eine sehr ehrliche und direkte Art und Weise belächelt beziehungsweise kritisiert. Ich kann mich mittlerweile mit einigen Zeilen gut identifizieren: „Immer wird mir überall gezeigt, was ich noch alles tun kann, um irgendwie besser zu werden. Immer wird mir überall suggeriert, dass ich noch nicht gut genug bin, es wahrscheinlich auch nie sein werde, wenn ich nicht Produkt XY kaufe, mir App XY herunterlade, mich nach Plan XY ernähre und nicht mindestens alle zwei Wochen detoxe. Aber können wir nicht einfach mal chillen? Können wir nicht einfach mal zufrieden sein?“ Diese Gedanken regen mich zum Nachdenken an und ich finde mich in den Worten wieder, da ich zwischenzeitlich an einem Punkt war, wo ich die ganzen Dinge für die Selbstoptimierung leid war.

 

 

Ein Gedanke zu „6. Ehrlichkeit

  1. Hallo Celina,
    beim Durchstöbern deines Blogs und besonders beim Lesen dieses Beitrags, bin ich von deiner Ehrlichkeit begeistert. Dir selbst einzugestehen, dass du nicht alles was du dir für das Experiment vorgenommen hast, sofort umsetzten konntest, sehe ich als einen großen Schritt. Und damit auch als ein Teil deines Experimentes, denn sich das „scheitern“ einzugestehen braucht, wie du ja auch geschrieben hast, viel Kraft und Mut. Und damit wird auch der Druck an einem „selbstoptimiertem ich“ deutlich, der Druck alles perfekt machen zu wollen. Ich denke, deine gewonnene Erkenntnis wird dich nun insgesamt weiter nach vorne bringen und dir neue Motivation geben.

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