{"id":84,"date":"2020-03-23T15:21:11","date_gmt":"2020-03-23T14:21:11","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/camus4solidarity\/?page_id=84"},"modified":"2021-03-12T09:26:25","modified_gmt":"2021-03-12T08:26:25","slug":"la-peste-1947","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/camus4solidarity\/camus-die-pest\/la-peste-1947\/","title":{"rendered":"La Peste (1947)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right\">[<a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/camus4solidarity\/files\/Uebersetzung-3-Ueber-das-Buch-1.pdf\">En Fran\u00e7ais<\/a> \/ <a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/camus4solidarity\/files\/Uebersetzung-2_Das-Buch_EN.pdf\">In English<\/a>]<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><span style=\"font-size: 10pt\">von Svantje Guinebert<\/span><\/p>\n<p>Albert Camus gelingt in seinem Werk <em>Die Pest<\/em> eine bemerkenswerte und kaum zu \u00fcbersch\u00e4tzende Meisterleistung &#8212; ein, wie ich finde, auch f\u00fcr jede*n Leser*in erstrebenswertes Kunstst\u00fcck: Camus verbindet Klarsicht, Geradlinigkeit und Realit\u00e4tssinn mit Optimismus, Menschenliebe und engagierter Solidarit\u00e4t im Angesicht katastrophaler Abgr\u00fcnde. Er verarbeitet in diesem Roman Beobachtungen und\u00a0 \u00dcberlegungen aus seiner pers\u00f6nlichen Erfahrung im besetzten Frankreich zur Zeit des Nationalsozialismus. Ein Verdacht oder eine Sorge, die Lekt\u00fcre dieses Romans liefe auf eine pessimistische und bedr\u00fcckende Auseinandersetzung allzu menschlichen Umgangs mit einer Katastrophe hinaus, best\u00e4tigt sich nicht: Camus bietet uns die Illustration und Reflexion von M\u00f6glichkeiten der Menschlichkeit, ohne Rekurs auf einen moralischen Zeigefinger, ohne je \u00fcbergriffig zu wirken, daf\u00fcr aber klar und kompromisslos humanit\u00e4r.<\/p>\n<p>Aus der Perspektive Rieux&#8216;, eines Arztes in der &#8222;ganz normalen Stadt&#8220; Oran, erfahren wir von mysteri\u00f6sen Vorkommnissen, die sich bald als Pestausbruch erweisen. In den folgenden Monaten sterben erst die Ratten in den Stra\u00dfen, bald aber auch die Menschen. Auch wenn einige Funktion\u00e4re sich zun\u00e4chst sehr schwer damit tun, die Katastrophe beim Namen zu nennen, ist jegliche Verdr\u00e4ngungstaktik erfolglos und bald kann es f\u00fcr die Einwohner der Stadt, die von der Au\u00dfenwelt abgeschnitten wird, nur noch darum gehen zu sterben, zu fl\u00fcchten &#8212; oder gemeinsam so gut es geht die Krankheit zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Entwaffnend und faszinierend ist dabei unter anderem, wie es Camus gelingt, anhand der verschiedenen, jeweils sehr eigenen und fein ausgearbeiteten Figuren viele verschiedene Stimmen laut werden zu lassen, die zusammen ein vielstimmiges Pl\u00e4doyer f\u00fcr Unvoreingenommenheit, Gro\u00dfmut und Menschlichkeit halten. Camus verdeutlicht: Es geht nicht darum, ein Held zu sein (&#8222;&#8230; aber wissen Sie, ich empfinde mehr Solidarit\u00e4t mit den Besieten als mit den Heiligen. Ich glaube, ich habe keinen Sinn f\u00fcr Heldentum und Heiligkeit. Was mich interessiert, ist, ein Mensch zu sein.&#8220; 1947<sup>1<\/sup>, 2013: 290), es geht auch nicht darum, sich auf die eine bestimmte Weise aufzuopfern (&#8222;Nichts auf der Welt ist es wert, sich von dem abzuwenden, was man liebt.&#8220; 1947<sup>1<\/sup>, 2013: 237) &#8212; vielleicht kann es nur darum gehen, nicht auf der Seite der M\u00f6rder zu stehen und sich auf die Seite der Opfer zu stellen (&#8222;Ich kann \u00fcbrigens auch nicht behaupten, dass ich ihn kenne. Aber man muss sich gegenseitig helfen.&#8220; 1947<sup>1<\/sup>, 2013: 27. &#8222;Ich sage nur,\u00a0 dass es auf dieser Erde Plagen und Opfer gibt und dass man sich, so weit wie m\u00f6glich, weigern muss, auf Seiten der Plage zu sein. Das erscheint Ihnen vielleicht etwas simpel, und ich wei\u00df nicht, ob es simpel ist, aber ich wei\u00df, dass es wahr ist.&#8220; 1947<sup>1<\/sup>, 2013: 288).<\/p>\n<p>Neben der zugleich unaufgeregten und klaren Darstellung der Geschehnisse und des menschenfreundlichen Blicks auf die sehr unterschiedlichen Charaktere bestechen vor allem die Reflexionen der Figuren, die sich in diesem Roman zusammenfinden. Inmitten der Katastrophe bahnen sich zwischen einigen von ihnen Feundschaften an, durch die sie und die Leser*innen eingeladen werden, \u00fcber pers\u00f6nliches Gl\u00fcck und Opferbereitschaft, erstrebenswerte Ziele und erlaubte Mittel, \u00fcber wichtig und unwichtig nachzudenken. Hier offenbart sich in ausformulierter Form, was in die Zusammenstellung und Darstellung der Protagonisten bereits eingeflossen ist, n\u00e4mlich Camus&#8216; Idee des Werts eines jeden Einzelnen: Im Grunde finden wir in zahlreichen Konstellationen, Handlungen und Gespr\u00e4chen literarische Illustrationen seiner Idee der Revolte.<\/p>\n<p>Was hat es mit dieser Revolte auf sich? Gemeinhin wird Camus&#8216; Wirken in drei Schaffensphasen unterteilt: auf die Phase, in der das Absurde im Mittelpunkt steht (insbesondere in &#8222;Der Mythos des Sisyphos&#8220;, &#8222;Der Fremde&#8220;, &#8222;Caligula&#8220;), folgte diejenige der Revolte (insbesondere in &#8222;Der Mensch in der Revolte&#8220;), bevor in der dritten Phase (vor allem, eben leider unabgeschlossen, in &#8222;Der erste Mensch&#8220;) das Ma\u00df und die Liebe in den Vordergrund seines Denkens r\u00fccken. <em>Die Pest<\/em> l\u00e4sst sich der zweiten Phase zuordnen: der Roman ist eine Illustration dessen, was es hei\u00dfen kann, als Einzelner f\u00fcr die und mit den Mitmenschen engagiert so zu handeln, dass einer solidarischen Haltung, die aus der Erkenntnis einer grundlegenden menschlichen Gemeinsamkeit resultiert, gen\u00fcge getan wird. Die grundlegende Gemeinsamkeit besteht in dem, was menschliche Existenz f\u00fcr jeden Einzelnen und f\u00fcr alle gleicherma\u00dfen bedeutet &#8212; n\u00e4mlich als Mensch in einer Welt zu leben, in der notwendigerweise Fragen nach einem den Menschen \u00fcbersteigenden Sinn unbeantwortet, sowie Bed\u00fcrfnisse nach Gerechtigkeit und Gnade unerf\u00fcllt bleiben. Wir finden uns als empfindende und reflektierende Wesen in einer Welt wieder, die unser Verlangen nach einer (auch sinnstiftenden) Ordnung schlichtweg ignoriert: &#8222;Das Absurde entsteht aus diesem Zusammensto\u00df zwischen dem Ruf des Menschen und dem vernunftlosen Schweigen der Welt&#8220; (1942<sup>1<\/sup>, 2019: 40).<\/p>\n<p>Sich der Hoffnung auf und des Bed\u00fcrfnisses nach Gerechtigkeit aber &#8212; trotzdem! &#8212; nicht zu entledigen, eben nicht aufzugeben, sondern den Wert zu erkennen und zu w\u00fcrdigen, der darin steckt, dass der Mensch fragen, hoffen und entsprechend handeln kann, darin besteht die von Camus geforderte Revolte. &#8222;F\u00fcr jegliche Existenz erhebt sich der Sklave, wenn er urteilt, dass durch einen bestimmten Befehl ihm etwas abgesprochen ist, was ihm nicht allein geh\u00f6rt, sondern allen Menschen gemein ist, in dem allen Menschen, auch seinen Unterdr\u00fcckern und Beleidigern, eine Gemeinschaft bereitet ist&#8220; (1951<sup>1<\/sup>, 2020: 30). Bemerkenswerter Weise gibt Revolte wohl verstanden auch gleich die Grenze ihrer eigenen Ausf\u00fchrung und Durchsetzung mit: Da es im Grunde und letztendlich darum geht, den Menschen aufgrund seines Freiheits- und M\u00f6glichkeitskerns zu w\u00fcrdigen, kann es in Akten der Revolte niemals darum gehen, einen Einzelnen &#8212; sei er Henker, Richter, Opfer oder Zeuge &#8212; zu opfern und damit seiner M\u00f6glichkeit, etwas (wieder) gut zu machen, zu berauben.<\/p>\n<p>Damit ist klar, dass es mit Camus nicht darum gehen kann, im Namen einer gro\u00dfen Sache oder f\u00fcr eine abstrakte Idee auch nur einen einzelnen Menschen zum Tode zu verurteilen (was durchaus nicht nur per Gerichtsentscheid geschieht, auch im Alltag kann ein Handeln der Verurteilung eines Anderen zum Tode gleichkommen). Hannah Arendt schrieb sinngem\u00e4\u00df, das absolut Gute g\u00e4be es nicht, das absolut B\u00f6se aber durchaus, und zwar dann, wenn jemand glaube, er habe das absout Gute gefunden. Wenn Revolte darauf basiert, dass ein*e Jede*r in ihrem Kern bewahrt und geachtet werden soll, so ist damit auch eine Absage an die r\u00fccksichtslose Durchsetzung einer Idee des Guten formuliert. Zum Guten geh\u00f6rt auch, das andersartige Gutsein Anderer zu w\u00fcrdigen.<\/p>\n<p>Nicht zuletzt in diesem Sinne k\u00f6nnen wir die vielen verschiedenen Personen, die in diesem Roman gegen <em>Die Pest<\/em> k\u00e4mpfen (und zum Teil verlieren) als Beispiele f\u00fcr individuelles Fragen und Suchen sowie f\u00fcr individuelles Finden, nicht im heroischen Sinne heldenhafter, aber im Camus&#8217;schen Sinne menschenw\u00fcrdiger und menschenw\u00fcrdigender Wege begreifen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Camus (1942<sup>1<\/sup>, 2019): <em>Der Mythos des Sisyphos<\/em>. Hamburg: Rowohlt, 2019 [Original: <em>Le Mythe de Sisyphe<\/em>, Paris: Gallimard, 1942].<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Camus (1947<sup>1<\/sup>, 2013): <em>Die Pest<\/em>. Hamburg: Rowohlt, 2013 [Original: <em>La Peste<\/em>, Paris: Gallimard, 1947].<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\">Camus (1951<sup>1<\/sup>, 2020): <em>Der Mensch in der Revolte. Essays<\/em>. Hamburg: Rowohlt, 2020 [Original: <em>L&#8217;Homme r\u00e9volt\u00e9<\/em>, Paris: Gallimard, 1951].<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[En Fran\u00e7ais \/ In English] von Svantje Guinebert Albert Camus gelingt in seinem Werk Die Pest eine bemerkenswerte und kaum zu \u00fcbersch\u00e4tzende Meisterleistung &#8212; ein, wie ich finde, auch f\u00fcr jede*n Leser*in erstrebenswertes Kunstst\u00fcck: Camus verbindet Klarsicht, Geradlinigkeit und Realit\u00e4tssinn mit Optimismus, Menschenliebe und engagierter Solidarit\u00e4t im Angesicht katastrophaler Abgr\u00fcnde. 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