{"id":65,"date":"2020-03-19T18:47:49","date_gmt":"2020-03-19T17:47:49","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/camus4solidarity\/?page_id=65"},"modified":"2020-10-06T11:28:09","modified_gmt":"2020-10-06T09:28:09","slug":"zeitgeschehen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/camus4solidarity\/zeitgeschehen\/","title":{"rendered":"&#8230; und danach?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right\">[<a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/camus4solidarity\/files\/Uebersetzung-4-Und-danach.pdf\">En Fran\u00e7ais<\/a> \/ <a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/camus4solidarity\/files\/Uebersetzung-4_EN_Und-danach.pdf\">In English<\/a>]<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><span style=\"font-size: 10pt\">von Svantje Guinebert<\/span><\/p>\n<p>&#8222;W\u00e4hrend Rieux den Freudenschreien lauschte, die aus der Stadt aufstiegen, erinnerte er sich n\u00e4mlich daran, dass diese Freude immer bedroht war. Denn er wusste, was dieser Menge im Freudentaumel unbekannt war und was man in B\u00fcchern lesen kann, dass n\u00e4mlich der Pestbazillus nie stirbt und nie verschwindet, dass er jahrzehntelang in den M\u00f6beln und in der W\u00e4sche schlummern kann, dass er in Zimmern, Kellern, Koffern, Taschent\u00fcchern und Papieren geduldig wartet und dass vielleicht der Tag kommen w\u00fcrde, an dem die Pest zum Ungl\u00fcck und zur Belehrung der Menschen ihre Ratten wecken und zum Sterben in eine gl\u00fcckliche Stadt schicken w\u00fcrde.&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dies sind die Schlussworte aus Camus&#8216; <em>Die Pest<\/em>. Auch wir k\u00f6nnen &#8212; und sollten &#8212; uns der Frage stellen, wie das Ende der derzeitigen sogenannten Corona-Krise aussehen mag, welche langfristigen Folgen daraus erwachsen k\u00f6nnten und welche Konsequenzen wir als Einzelne, als Gesellschaft und als Weltgemeinschaft daraus ziehen wollen. Denn die Krise \u00f6ffnet den Blick auf Notwendigkeiten und Grundlegendes, dabei auch und gerade auf solche, die eine (teilweise) Wohlstandsgesellschaft \u00fcber lange Zeit verdr\u00e4ngen kann. Weitere, auch schon vor der Corona-Pandemie ersichtliche, zutiefst unsolidarische, ausgrenzende und ungerechte Gegebenheiten rufen nach einem klaren, unaufgeregten, menschenfreundlichen Blick, um stetig und konkret zu versuchen, auf das Bessere hin zu wirken.<\/p>\n<p>Camus geht es um Solidarit\u00e4t, und zwar <em>konkret<\/em> und <em>engagiert<\/em>. Auf unsere Gegenwart \u00fcbertragen hie\u00dfe das Solidarit\u00e4t auch \u00fcber die Krise hinaus. Wir m\u00fcssen uns als Gesellschaft z.B. fragen: In welchen Bereichen machen Optimierungsbestrebungen und Nutzenkalk\u00fcle Sinn, in welchen Zusammenh\u00e4ngen sind andere Formen praktischer Rationalit\u00e4t angemessener? Welche M\u00f6glichkeiten gesellschaftlicher und individueller Lebensf\u00fchrung wollen wir in den Blick nehmen, f\u00f6rdern, erfinden &#8212; nun da deutlich wurde, dass offensichtlich doch immer viel mehr m\u00f6glich ist, als es gemeinhin scheinen mag?<\/p>\n<p>Dabei braucht der Blick nicht allein auf Ungerechtigkeiten und Probleme gerichtet zu sein &#8212; denn an dem , was sich aus den derzeitigen Erfahrungen als Erkenntnis \u00fcber Gutes ziehen l\u00e4sst, sollten wir festhalten. Wenn die Rede davon ist, dass Einiges in dieser herausfordernden Zeit auch positive Seiten h\u00e4tte, ist oftmals von der &#8222;Entschleunigung&#8220; die Rede. Inwiefern kann und soll eine Entschleunigung beibehalten werden? Wer sind diejenigen, die zu ihrer Wahrung beitragen k\u00f6nnen? Was gilt es zu entschleunigen und welches sind Bereiche, in denen schnelles und z\u00fcgiges Handeln eine solche erst erm\u00f6glichen und gerecht werden lassen?<\/p>\n<p>Es ist bemerkenswert und beachtlich, zu wieviel Einschr\u00e4nkungen und Verhaltens\u00e4nderungen unsere Gesellschaft bereit ist, wenn es darum geht, die Ausbreitung eines Virus zu bek\u00e4mpfen. Viele fragen, warum Umstellungen und Einbu\u00dfen solcher Gr\u00f6\u00dfenordnung angesichts der Klimakatastrophe und des Leids gefl\u00fcchteter Menschen nicht m\u00f6glich schienen &#8212; es wird zuk\u00fcnftig schwieriger werden, sich auf Gewohnheitsrechte und Alternativlosigkeiten zu berufen. Beeindruckend und nachwirkend k\u00f6nnte auch der Eindruck sein, wie pl\u00f6tzlich sich f\u00fcr sicher Gehaltenes aufl\u00f6sen und wie schnell Freiheiten beschnitten werden k\u00f6nnen. Welche Freiheiten werden im Verlauf der Corona-Bek\u00e4mpfung beschnitten, welche sind unantastbar, welche m\u00fcssen im Anschluss wieder erstritten werden? Nach der Krise kann das Zur\u00fcckgewinnen von vormals selbstverst\u00e4ndlichen Freiheiten schwierig werden &#8212; vor allem angesichts zur\u00fcckliegender Erfahrungen eines Rufs nach einem st\u00e4rker regulierenden Staat. Welche Formen der Regulierung sind mit Solidarit\u00e4t und Freiheit zu vereinbaren, welche sind ungerecht, verzichtbar, gef\u00e4hrlich, sch\u00e4digend? Und was, wenn der Ruf nach St\u00e4rke, vielleicht sogar nach starken politischen Figuren, etwa aufgrund finanzieller Sorgen und beruflicher Engp\u00e4sse, nach der Krise stark wird?<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens nach dem Abebben des Gr\u00f6bsten, wenn der Virus erfolgreich bek\u00e4mpft oder zumindest in seinen Auswirkungen gemildert ist, gilt es, das Geschehene und Erlebte sowie das Zuk\u00fcnftige zu reflektieren und reflektierend zu begleiten. Existentielle N\u00f6te, \u00c4ngste und Schwierigkeiten k\u00f6nnen dahin wirken, Parteien, Ideologien und Positionen Aufschwung zu geben, die nach einer Aufhebung des Rechts- und Sozialstaats rufen. Wie l\u00e4sst sich verhindern, dass Ungerechtigkeit und Armut nach der Krise nicht ebenso oder noch schlimmer werden als zuvor? Camus verarbeitet unter dem Begriff der Pest die Besatzung Frankreichs durch die Nationalsozialisten und die Geschehnisse des Zweiten Weltkriegs; f\u00fcr uns gilt es zu verh\u00fcten, dass auf den Coronavirus eine solche oder \u00e4hnliche Form der Pest wieder auflebt.<\/p>\n<p>Was kann es also hei\u00dfen, nach Pest und Corona das Gute zu wahren und das Schlechte zu verhindern? Welche M\u00f6glichkeiten und Verantwortungen der Mitwirkung haben Wissenschaftlicher*innen und Universit\u00e4ten diesbez\u00fcglich?<\/p>\n<p>In anderen Worten: Wie l\u00e4sst sich eine Wiederkehr der Pest &#8222;zum Ungl\u00fcck und zur Belehrung der Menschen&#8220; &#8212; sei es in Form eines Virus oder einer menschenverachtenden Ideologie &#8212; verhindern und auf menschenfreundliche und solidarische Art bek\u00e4mpfen?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[En Fran\u00e7ais \/ In English] von Svantje Guinebert &#8222;W\u00e4hrend Rieux den Freudenschreien lauschte, die aus der Stadt aufstiegen, erinnerte er sich n\u00e4mlich daran, dass diese Freude immer bedroht war. 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