{"id":638,"date":"2024-10-13T19:27:49","date_gmt":"2024-10-13T17:27:49","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/?p=638"},"modified":"2024-11-07T12:55:00","modified_gmt":"2024-11-07T11:55:00","slug":"die-telefonzelle-im-schnoor-vom-fernsprecher-zur-blumeninsel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/2024\/10\/13\/die-telefonzelle-im-schnoor-vom-fernsprecher-zur-blumeninsel\/","title":{"rendered":"Die Telefonzelle im Schnoor &#8211; Vom Fernsprecher zur &#8222;Blumeninsel&#8220;"},"content":{"rendered":"<h2 style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 14pt\"><strong>Blogbeitrag zur Carearbeit um die Telefonzelle im Schnoor<\/strong><\/span><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 10pt\">von: Julius Salomon, Arne Sevenich &amp; Niclas Slapa<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Beschreibung der Praktik<\/b><\/p>\n<div id=\"attachment_644\" style=\"width: 235px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-644\" class=\"wp-image-644 size-medium\" src=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/1715779174931-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/1715779174931-225x300.jpg 225w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/1715779174931-768x1024.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/1715779174931-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/1715779174931-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/1715779174931-676x901.jpg 676w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/1715779174931-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><p id=\"caption-attachment-644\" class=\"wp-caption-text\">Abbildung 1: Die Telefonzelle (eigene Aufnahme)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Praktik, die untersucht wird, ist die Umnutzung einer ehemaligen Telefonzelle im Bremer Schnoor-Viertel zu einem Mini-Gew\u00e4chshaus. Der ehemalige Fernsprecher befindet sich an der Kreuzung Stavendamm, direkt gegen\u00fcber des B\u00e4renhauses im Schnoor. Eine Anwohnerin und zugleich Ladenbesitzerin im Schnoor-Viertel k\u00fcmmert sich um die Instandhaltung und Pflege der ehemaligen Telefonzelle. Diese Umgestaltung symbolisiert die Transformation eines urbanen Artefakts in einen Raum des \u00f6kologischen Engagements und der Pflege. Diese Praktik beinhaltet das Bepflanzen und Pflegen von Pflanzen in einem kleinen, gesch\u00fctzten Raum und die Schaffung eines \u00f6ffentlichen, teils zug\u00e4nglichen Naturraums. Ein \u00e4hnliches Beispiel, welches sich in der Internetrecherche gefunden hat, ist ein Fallbeispiel aus Berlin (Berliner Abendblatt 2018).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der Artikel &#8222;Visionscapes: combining heritage and urban gardening to enhance areas requiring regeneration&#8220; von Swensen\/Stafseng\/Nielsen (2022: 517-525) kann als Inspirationsquelle dienen, um die umgenutzte Telefonzelle im Bremer Schnoor-Viertel als Naturraum zu verstehen und zu kontextualisieren. Obwohl der Artikel sich spezifisch auf die Projekte in Bordeaux (Frankreich) und Oslo (Norwegen) konzentriert, bietet er allgemeine Erkenntnisse dar\u00fcber, wie historische Geb\u00e4ude und Strukturen in urbanen Umgebungen wiederverwendet und mit Gr\u00fcnfl\u00e4chen kombiniert werden k\u00f6nnen, um soziales und physisches Wohlbefinden zu verbessern und nachhaltige st\u00e4dtische Regeneration zu f\u00f6rdern. Dementsprechend kann die Telefonzelle im Bremer Schnoor-Viertel als ein Beispiel f\u00fcr die \u201cadaptive reuse\u201d von historischen Strukturen gesehen werden, indem die Telefonzelle in einen Naturraum verwandelt wird und die Funktion als gr\u00fcne Oase inmitten der Stadt \u00fcbernimmt\u00a0 (Swensen\/Stafseng\/Nielsen 2022: 512). Dies entspricht dem Konzept der Schaffung von \u201cVisionscapes\u201d, da es eine Vision umsetzt, die auf die Verbesserung der Lebensqualit\u00e4t und die Integration von Natur in die Stadt ausgerichtet ist (ebd.: 515).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Sozialit\u00e4t dieser Praktik besteht nicht in der gemeinschaftlichen Pflege, sondern ist durch das Teilen von Ressourcen gekennzeichnet. Damit ist gemeint, dass die ehemalige Telefonzelle im Schnoor-Viertel ehrenamtlich gepflegt wird. Die konkreten Besitzverh\u00e4ltnisse lie\u00dfen sich nach umfassenden Bem\u00fchungen, auch seitens der Stadt Bremen, nicht kl\u00e4ren. Somit kann die ehrenamtliche Praktik auch als eine Form des Guerilla Gardening, also des urbanen G\u00e4rtnern, auf <i>fremdem<\/i> Grund verstanden werden (Cambridge Dictionary 2024: o.S.). Der Ort kann als ein Raum der sozialen Interaktion verstanden werden. Es geht hierbei allerdings nicht um den Austausch zwischen den Besucher*innen, sondern vielmehr um die Interaktion zwischen dem Mini-Gew\u00e4chshaus und den Passant*innen. Hierbei wird mit der Pflege der Telefonzelle ein Raum der Kommunikation und des Miteinanders geschaffen. Dies geht einher mit Vorstellungen von \u00c4sthetik und dem, was <i>sch\u00f6n<\/i> ist, da hier\u00fcber die Gespr\u00e4che und sozialen Interaktionen aufgebaut werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Beteiligte Akteur*innen<\/b><\/p>\n<div id=\"attachment_648\" style=\"width: 235px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-648\" class=\"wp-image-648 size-medium\" src=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/1728837997434-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/1728837997434-225x300.jpg 225w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/1728837997434-768x1024.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/1728837997434-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/1728837997434-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/1728837997434-676x901.jpg 676w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/1728837997434-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><p id=\"caption-attachment-648\" class=\"wp-caption-text\">Abbildung 2: Das benachbarte &#8222;B\u00e4renhaus&#8220;, ebenfalls bewachsen, mit der Regentonne rechts (eigene Aufnahme)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Care-Arbeit wird von einer Anwohnerin des Bremer Schnoor-Viertel durchgef\u00fchrt. Nach einem durchgef\u00fchrten Interview, festgehalten als Gedankenprotokoll, stellte sich heraus, dass sich die Person, welche sich um die Pflege der Telefonzelle k\u00fcmmert, sich insbesondere an dem Prozess erfreut, indem Passant*innen an der Telefonzelle stehen bleiben, Fotos machen und die ehrenamtliche Arbeit erkenntlich w\u00fcrdigen. Somit wird die Gruppe der Passant*innen hier als Ko-Akteur*innen definiert, die unterbewusst Einfluss auf die Intensit\u00e4t und Motivation der Person nimmt, die sich aktiv um die Pflanzen innerhalb der Telefonzelle k\u00fcmmert. Des Weiteren konnte durch eine teilnehmende Beobachtung festgestellt werden, dass die Telefonzelle Bestandteil von Stadtf\u00fchrungen im Schnoor-Viertel ist. Bei den Stadtf\u00fchrungen fallen Begriffe wie <i>gr\u00fcne Oase<\/i>, <i>Naturraum<\/i> oder <i>Umnutzung<\/i>. Somit wurden im Sinne der Bildung und Aufkl\u00e4rung die Personen, die Stadtf\u00fchrungen durchf\u00fchren als weitere Akteur*innen identifiziert. Diese k\u00f6nnen die \u00d6ffentlichkeit beziehungsweise die Teilnehmenden von Stadtf\u00fchrungen \u00fcber Pflanzenwachstum, Nachhaltigkeit und den Wert von Gr\u00fcnfl\u00e4chen in st\u00e4dtischen Umgebungen aufkl\u00e4ren. Als weiterer Aktant konnte die Regentonne in Abbildung 2 identifiziert werden, welche das Wasser f\u00fcr das Gie\u00dfen der Pflanzen bereitstellt. Diese steht sinnbildlich f\u00fcr das Bewusstsein der Hauptakteurin \u00fcber die Bedeutung der (Wasser-)Kreislaufwirtschaft in der Natur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Unterschiede zwischen den Akteur*innengruppen lassen sich differenziert in Motivationen, Handlungen, Wahrnehmung und deren Einfluss betrachten. W\u00e4hrend die Person, welche die Pflege der Pflanzen aktiv praktiziert und die Telefonzelle somit gestaltet, eine tiefe pers\u00f6nliche Bindung und Verantwortungsgef\u00fchl f\u00fcr die Pflege der Pflanzen hat, erleben Passant*innen die Telefonzelle eher passiv, als Teil ihrer allt\u00e4glichen Umgebung oder als gelegentliches Highlight. Stadtf\u00fchrer*innen nutzen die Telefonzelle eher als touristische Attraktion, indem Wissen mit historischem oder \u00f6kologischem Hintergrund vermittelt wird. Dementsprechend sieht die ehrenamtliche Pflegerin die Telefonzelle als lebendiges Projekt, welches in dem gef\u00fchrten Interview mit der Person deutlich wurde. Anzunehmen ist, dass Passant*innen hingegen die Telefonzelle oft als kurzes visuelles Erlebnis wahrnehmen, w\u00e4hrend Stadtf\u00fchrer*innen sie m\u00f6glicherweise als Teil des kulturellen Erbes und als Beispiel f\u00fcr kreative Stadt\u00f6kologie betrachten k\u00f6nnten. Hinsichtlich des Einflusses hat die ehrenamtliche Pflegerin einen direkten Einfluss auf das Erscheinungsbild und die Gesundheit der Pflanzen. Passant*innen beeinflussen die Telefonzelle indirekt durch ihre Reaktionen und m\u00f6glicherweise durch Interaktionen. Stadtf\u00fchrer*innen wiederum pr\u00e4gen die Wahrnehmung und das Verst\u00e4ndnis der Telefonzelle bei Tourist*innen und anderen Zuh\u00f6renden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Bedeutung der Praktik<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die umfunktionierte Telefonzelle im Bremer Schnoor-Viertel hat mehrere Bedeutungen und politische Implikationen, die auf verschiedenen Ebenen analysiert werden k\u00f6nnen. Diese umfassen \u00f6kologische, soziale, kulturelle und politische Dimensionen und zeigen, wie ein kleines Projekt gr\u00f6\u00dfere gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen und Diskussionen ansto\u00dfen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><i>\u00d6kologische Bedeutung: <\/i>Die Pflege der Pflanzen in der Telefonzelle tr\u00e4gt zur F\u00f6rderung der urbanen Biodiversit\u00e4t bei, indem sie eine gr\u00fcne Oase inmitten der st\u00e4dtischen Umgebung schafft und die \u00f6kologische Resilienz der Stadt erh\u00f6ht. Die Pr\u00e4senz und Pflege der bepflanzten Telefonzelle erh\u00f6ht das Bewusstsein der \u00d6ffentlichkeit f\u00fcr Umwelt- und Naturschutzfragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><i>Soziale Bedeutung: <\/i>Das Engagement einer ehrenamtlichen Pflegerin kann als Vorbild dienen und andere Bewohnende dazu ermutigen, sich ebenfalls f\u00fcr ihre Umwelt zu engagieren. Dies kann zu einer st\u00e4rkeren sozialen Koh\u00e4sion innerhalb des Viertels beitragen. Die Telefonzelle dient als Gespr\u00e4chsanlass und Bildungsinstrument. Zum Beispiel bewirken Stadtf\u00fchrungen eine verst\u00e4rkte Interaktion zwischen verschiedenen Akteur*innen und zur Verbreitung von Wissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><i>Kulturelle Bedeutung: <\/i>Die umfunktionierte Telefonzelle ist ein Beispiel f\u00fcr den kreativen Umgang mit st\u00e4dtischem (Gr\u00fcn-)Raum und den Erhalt kultureller Artefakte. Durch die Integration von Natur in ein kulturelles Objekt wird die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart betont und die Innovationsf\u00e4higkeit innerhalb einer Stadt hervorgehoben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><i>Politische Implikationen: <\/i>Das Projekt verdeutlicht, dass nicht alle st\u00e4dtischen Ver\u00e4nderungen von oben gesteuert werden m\u00fcssen, sondern dass auch individuelle Aktionen signifikante Auswirkungen haben k\u00f6nnen. St\u00e4dte k\u00f6nnten vermehrt auf B\u00fcrgerinitiativen beziehungsweise Bottom-up-Strategien setzen und diese gezielt f\u00f6rdern, um die \u00f6kologische Qualit\u00e4t des urbanen Raums zu verbessern. Grundlegend kann die Telefonzelle Diskussionen \u00fcber Umweltpolitik und nachhaltige Stadtplanung entfachen und als Modell f\u00fcr kreative Stadt\u00f6kologie dienen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wie beschrieben hat die Praktik weitreichende Implikationen \u00fcber ihre unmittelbare Handlung hinaus. Sie f\u00f6rdert das Bewusstsein f\u00fcr unter anderem \u00f6kologische Themen und zeigt, wie st\u00e4dtische R\u00e4ume f\u00fcr nachhaltige Praktiken umgestaltet werden k\u00f6nnen. Die Praktik ist wirkm\u00e4chtig f\u00fcr Stadtnaturen, da sie konkrete Beispiele f\u00fcr nachhaltiges Handeln liefert und zur Nachahmung f\u00fcr kleinr\u00e4umiges Gardening anregt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In der lokalen Gemeinschaft kann es zu Nutzungs- und Interessenkonflikten kommen, indem die Telefonzelle als Gr\u00fcnraum zu Diskussionen dar\u00fcber f\u00fchren k\u00f6nnte, wie \u00f6ffentliche R\u00e4ume genutzt und gestaltet werden sollten. Manche k\u00f6nnten argumentieren, dass die Telefonzelle anders genutzt werden k\u00f6nnte, zum Beispiel als \u00f6ffentlicher B\u00fccherschrank oder f\u00fcr andere soziale Zwecke. Dar\u00fcber hinaus k\u00f6nnen auf stadtplanerischer Ebene Konflikte bei der Priorisierung von \u00f6kologischen oder wirtschaftlichen Interessen entstehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die umfunktionierte Telefonzelle als Gr\u00fcnraum leistet einen positiven Beitrag zur Strategie \u201cCentrum Bremen 2030+\u201d, indem sie zur F\u00f6rderung urbaner Biodiversit\u00e4t beitr\u00e4gt und das Mikroklima verbessert (SKUMS\/SWAE\/IHK 2021: 15). Des Weiteren sind Initiativen, wie die <i>Umwelt Bildung Bremen<\/i>, zur F\u00f6rderung gr\u00fcner Projekte und Wissensweitergabe in urbanen R\u00e4umen zentral f\u00fcr die nachhaltige Stadtentwicklung Bremens (Umwelt Bildung Bremen 2024). Die Telefonzelle kann als Modell f\u00fcr solche Initiativen dienen und zur (Umwelt-)Sensibilisierung der Bev\u00f6lkerung, insbesondere der Anwohner*innen, beitragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Care-\/Sorgearbeit<\/b><\/p>\n<div id=\"attachment_629\" style=\"width: 235px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-629\" class=\"wp-image-629 size-medium\" src=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/1726230754684-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/1726230754684-225x300.jpg 225w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/1726230754684-768x1024.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/1726230754684-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/1726230754684-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/1726230754684-676x901.jpg 676w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/1726230754684-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><p id=\"caption-attachment-629\" class=\"wp-caption-text\">Abbildung 3: Das &#8222;Innere&#8220; der Telefonzelle. Gut erkennbar ist das Vogelhaus (links) und die Bepflanzung (eigene Aufnahme)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Sorgearbeit f\u00fcr die ehrenamtliche Pflegerin besteht im regelm\u00e4\u00dfigen Gie\u00dfen, Pflegen und \u00dcberwachen der Pflanzen in der Telefonzelle. F\u00fcr diese Akteurin ist die Pflege der Telefonzelle ein Ausdruck pers\u00f6nlicher Hingabe und Engagements. Zum einen wurde im Interview mit dieser Person die pers\u00f6nliche Erf\u00fcllung erw\u00e4hnt, indem eine tiefe Zufriedenheit erreicht wird durch die Schaffung und Erhaltung von einem gr\u00fcnen <i>Paradies<\/i> inmitten des urbanen Raums. Zum Anderen wird die Pflege-Praktik als Beitrag zur Gemeinschaft gesehen, indem andere Menschen sich daran erfreuen und gleichzeitig zur Versch\u00f6nerung des \u00f6ffentlichen Raums beitr\u00e4gt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Es lassen sich verschiedene Arten der Sorgearbeit beim gew\u00e4hlten Beispiel beobachten. Besonders hervorzuheben sind die Schaffung und Pflege von st\u00e4dtischen Gr\u00fcnanlagen, die zur Verbesserung der Lebensqualit\u00e4t dienen k\u00f6nnen. Dar\u00fcber hinaus lassen sich auch Arten der kulturellen Sorgearbeit nachweisen. Durch den Schutz und die Pflege historischer Geb\u00e4ude, Denkm\u00e4ler oder kultureller St\u00e4tten, wie es die ehemalige Telefonzelle ist, bleibt das kulturelle Erbe erhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Akteurin, die sich um die Pflege der Telefonzelle k\u00fcmmert, beschreibt ihre Sorgearbeit als einen Akt der F\u00fcrsorge f\u00fcr die Telefonzelle, als einen \u00e4sthetischen Ort und als Beitrag zu einer lebenswerteren Stadt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Jedoch muss auch festgehalten werden, dass die Care-Arbeit nicht von allen Passant*innen anerkannt wird. So l\u00e4sst sich anhand des Interviews regelm\u00e4\u00dfiger Diebstahl der Spendenkasse feststellen. Das Fotoessay verdeutlicht zudem Schmierereien beziehungsweise Graffiti an der Au\u00dfenwand sowie sichtbare Einbruchsspuren. Um dem entgegenzuwirken, wird der Ort von der sorgenden Person mit einem Kettenschloss an der T\u00fcr verriegelt. Diese Form des <i>Schutzes<\/i> kann ebenfalls als eine Art der Care-Arbeit, n\u00e4mlich der Sorge um den Schutz der Pflanzen, gedeutet werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Theoretische Einordnung der Praktik<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Es k\u00f6nnen Bez\u00fcge zu verschiedenen Theorien der beschriebenen Sorgepraktik hergestellt werden. Zun\u00e4chst l\u00e4sst sich unter dem Oberbegriff <i>Posthuman Turn\/Posthuman Geographies<\/i> festhalten, dass dieser darauf abzielt die traditionellen Mensch-zentrierten Ans\u00e4tze zu hinterfragen und die Beziehungen zwischen Menschen und nicht-menschlichen Entit\u00e4ten zu erforschen. Die Telefonzelle als Naturraum ist ein Ort, an dem die Grenzen zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Akteur*innen verschwimmen. Die Pflanzen, die Telefonzelle selbst, die ehrenamtliche Pflegerin und weitere Akteur*innen interagieren miteinander und schaffen ein hybrides Netzwerk. Hierbei f\u00fchrt die Sorge um Pflanzen zu einer Beziehung zwischen den Sorgenden und der Umwelt (Volkart 2024: 114-115). Auch zeigt sich, dass f\u00fcr die Passant*innen der blo\u00dfe Anblick der Telefonzelle eine emotionale Ber\u00fchrung ausl\u00f6st &#8211; ein Bewusstsein f\u00fcr die \u00c4sthetik der Pflanzen und die Sch\u00f6nheit dessen, was eigentlich in der Stadt, an diesem Ort gar nicht sein sollte (ebd.: 117). Diese durch Begegnungen geschaffenen Beziehungen und Formen des Miteinander beschreibt Yvonne Volkart (2024) in eindrucksvoller Art und Weise, was exemplarisch auf die Telefonzelle \u00fcbertragen werden kann: <i>\u201cDiese offenen Momente des Zusammenkommens von vielen \u2013 Menschen, Pflanzen, Beton etc. \u2013 schaffen einen \u00e4sthetischen \u00dcberschuss, der nicht kognitiv verstanden werden muss, aber momenthaft andere Handlungs- und Existenzm\u00f6glichkeiten im Jetzt aufscheinen l\u00e4sst.\u201d (<\/i>Volkart 2024: 117)<i><br \/>\n<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Es geht also um viel mehr als das blo\u00dfe Pflegen und die Sorge um Pflanzen. Es wird ein ganzes Beziehungsnetz und eine emotionale, \u00e4sthetische Aufladung der Telefonzelle erzeugt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Dar\u00fcber hinaus l\u00e4sst sich auch Haraways Konzept der <i>Naturecultures<\/i> einordnen. Sie betont, dass Natur und Kultur untrennbar miteinander verbunden sind, vielmehr stellt sich Natur als ein Konstrukt individueller Kultur(en) und Gedanken: <i>\u201cNature cannot pre-exist its construction.\u201d<\/i> (Haraway 1992: 296). So ist das, was als <i>nat\u00fcrlich<\/i> wahrgenommen wird, h\u00f6chst subjektiv und individuell. Jedoch ist festzuhalten, dass kulturelle Praktiken (das Pflegen der Pflanzen) und nat\u00fcrliche Prozesse (das Wachstum der Pflanzen) untrennbar miteinander verbunden sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zudem l\u00e4sst sich die Telefonzelle in den Diskurs der More-Than-Human-Debatte einordnen. So wird eine Beziehung sowohl zwischen der sorgenden Person und den Pflanzen, als auch zwischen den Pflanzen und den Passant*innen deutlich, die einen Blick hin zu mehr-als-menschlichen Netzwerken schwenken. St\u00e4dte werden hier betrachtet als <i>\u201cmutually constitutive\/hybrid\/networked\u201d<\/i> (Steele et al. 2019: 411). Auch die Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) nach Latour betont die Bedeutung von Netzwerken aus menschlichen und nicht-menschlichen Akteur*innen, welches eine Form urbaner Assemblage darstellt (Nimmo 2011: 109). Die Pflege der Pflanzen innerhalb der Telefonzelle ist ein Prozess, der hybride Netzwerke st\u00e4ndig neu formt und stabilisiert. Hierbei spielt auch die Regentonne als ein Aktant in diesem Netzwerk eine Rolle. Diese Allt\u00e4glichkeit, die dabei mitschwingt, l\u00f6st Maria Puig de la Bellacasa und versteht diese Care-Arbeit nicht nur als Assemblage, sondern mehr noch als eine Art <i>\u201cethico-political attitude in the everyday doing of knowledge practices\u201d<\/i> (Puig de la Bellacasa 2017: 18). Sprich, Care-Arbeit differenzierter und neu zu verstehen, als eine rein relationale Beziehung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das ausgew\u00e4hlte Fallbeispiel gibt Anlass dazu, verst\u00e4rkt einen relationalen Charakter in die Debatte einzunehmen und nicht nur die Beziehung zwischen Pflegendem und Gepflegtem in Augenschein zu nehmen, sondern auch weitere, passiv im Netzwerk eingebundene Akteur*innen und Aktant*innen zu umfassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 8pt\">Literaturverzeichnis<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 8pt\">Berliner Abendblatt (2018): Englische Telefonzelle soll wieder an die Promenade kommen. In: Berliner Abendblatt vom 16.01.2018. Online abrufbar unter: <a href=\"https:\/\/berliner-abendblatt.de\/service\/englische-telefonzelle-soll-wieder-an-die-promenade-kommen-id70325\">https:\/\/berliner-abendblatt.de\/service\/englische-telefonzelle-soll-wieder-an-die-promenade-kommen-id70325<\/a> <sup class='footnote'><a href='#fn-638-1' id='fnref-638-1' onclick='return fdfootnote_show(638)'>1<\/a><\/sup>.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 8pt\">Cambridge Dictionary (2024): guerilla gardening. Online aufrufbar unter: <a href=\"https:\/\/dictionary.cambridge.org\/de\/worterbuch\/englisch\/guerrilla-gardening\">https:\/\/dictionary.cambridge.org\/de\/worterbuch\/englisch\/guerrilla-gardening<\/a> <sup class='footnote'><a href='#fn-638-1' id='fnref-638-1' onclick='return fdfootnote_show(638)'>1<\/a><\/sup>.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 8pt\">Haraway, Donna (1992): The Promises of Monsters: A Regenerative Politics for inappropiate\/d others. In: Crossberg, L.; Nelson, C.; Treichler, P. (1992): <i>Cultural Studies<\/i>. New York. Routledge Verlag. ISBN: 9780415903455. S. 295-337.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 8pt\">Nimmo, R. (2011): Actor-network theory and methodology: social research in a more-than-human world. In: <i>Methodological Innovations Online<\/i> 6 (3). DOI: 10.4256\/mio.2011.010 S. 108-119.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 8pt\">Puig de la Bellacasa, M. (2017). Matters of care: Speculative ethics in more than human <\/span><span style=\"font-size: 8pt\">worlds. Minneapolis: University of Minnesota Press.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 8pt\">SKUMS\/SWAE\/IHK (2021): Strategie Centrum Bremen 2030+. Lebendige Mitte zwischen <\/span><span style=\"font-size: 8pt\">Wall und Weser. Bremen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 8pt\">Steele, W., Wiesel, I., &amp; Maller, C. (2019). More-than-human cities: Where the wild things <\/span><span style=\"font-size: 8pt\">are. In: <i>Geoforum<\/i> 106. DOI: https:\/\/doi.org\/10.1016\/j.geoforum.2019.04.007 S. 411-415.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 8pt\">Swensen, G.\/Stafseng, V. E.\/Simon, V. K. (2022): Visionscapes: combining heritage and <\/span><span style=\"font-size: 8pt\">urban gardening to enhance areas requiring regeneration. In: <i>International Journal of <\/i><i>Heritage Studies<\/i> 28 (4). DOI: http:\/\/dx.doi.org\/10.1080\/13527258.2021.2020879 S. 511-537.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 8pt\">Umwelt Bildung Bremen (2024): Zum Thema. Bildung f\u00fcr nachhaltige Entwicklung. Bremen: <\/span><a href=\"https:\/\/www.umweltbildung-bremen.de\/zum-thema-bildung-fuer-nachhaltige-\"><span style=\"font-size: 8pt\">https:\/\/www.umweltbildung-bremen.de\/zum-thema-bildung-fuer-nachhaltige- <\/span><\/a><span style=\"font-size: 8pt\">entwicklung.html <sup class='footnote'><a href='#fn-638-3' id='fnref-638-3' onclick='return fdfootnote_show(638)'>3<\/a><\/sup>.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 8pt\">Volkart, Y. (2024): G\u00e4rtnern als Praxis des Sorgens und des Werdens. In: Baier, A.; M\u00fcller C.; Werner, K. (2024): Unterwegs in die Zukunft. Anstiftung. Transcript Verlag. Bielefeld. 2024. ISBN: 978-3-8376-7163-6. S. 111-124.<\/span><\/p>\n<div class='footnotes' id='footnotes-638'>\n<div class='footnotedivider'><\/div>\n<ol>\n<li id='fn-638-1'>07.2024 <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-638-1'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-638-2'>07.2024 <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-638-2'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-638-3'>07.2024 <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-638-3'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<\/ol>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Blogbeitrag zur Carearbeit um die Telefonzelle im Schnoor von: Julius Salomon, Arne Sevenich &amp; Niclas Slapa Beschreibung der Praktik Die Praktik, die untersucht wird, ist die Umnutzung einer ehemaligen Telefonzelle im Bremer Schnoor-Viertel zu einem Mini-Gew\u00e4chshaus. Der ehemalige Fernsprecher befindet sich an der Kreuzung Stavendamm, direkt gegen\u00fcber des B\u00e4renhauses im Schnoor. 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