{"id":583,"date":"2024-10-10T17:35:04","date_gmt":"2024-10-10T15:35:04","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/?p=583"},"modified":"2024-11-07T13:39:33","modified_gmt":"2024-11-07T12:39:33","slug":"ein-zweites-zuhause","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/2024\/10\/10\/ein-zweites-zuhause\/","title":{"rendered":"Ein \u201ezweites Zuhause\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><strong><span style=\"font-size: 14pt\">Die Horner Spitze und der Verein Kinder, Wald und Wiese e.V. in Bremen als Beispiel f\u00fcr F\u00fcrsorge f\u00fcr Natur in der Stadt<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 10pt\">Autorinnen: Rebecca Sommer und Sarah Tilly<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Hier geht es zu den zugeh\u00f6rigen <a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/2024\/10\/10\/empirische-vignetten-beobachtungsprotokolle-zu-begehungen-der-horner-spitze\/\">empirischen Vignetten<\/a> und <a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/?p=599&amp;preview=true\">Werkzeugen<\/a>.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 12pt\"><strong>Wer ist der Verein \u201eKinder Wald und Wiese e.V.\u201c in Bremen?<\/strong><\/span><\/h3>\n<div id=\"attachment_584\" style=\"width: 686px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-584\" class=\"wp-image-584 size-large\" src=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/IMG_9957-1024x768.jpeg\" alt=\"\" width=\"676\" height=\"507\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/IMG_9957-1024x768.jpeg 1024w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/IMG_9957-300x225.jpeg 300w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/IMG_9957-768x576.jpeg 768w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/IMG_9957-1536x1152.jpeg 1536w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/IMG_9957-676x507.jpeg 676w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/IMG_9957.jpeg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 676px) 100vw, 676px\" \/><p id=\"caption-attachment-584\" class=\"wp-caption-text\">Selbstgebaute Wegweiser weisen zu den unterschiedlichen Aktivit\u00e4ten f\u00fcr ein vergangenes Fest auf der Horner Spitze. Eigene Aufnahme.<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify\">F\u00e4hrt man mit der Linie 6 zur Bremer Uni, passiert man auf H\u00f6he der Haltestelle Riensberg ein unscheinbar wirkendes St\u00fcck Stadtgr\u00fcn. Diese Fl\u00e4che, die Horner Spitze genannt wird, ist ein weitestgehend unbebautes, ca. 4 Hektar gro\u00dfes Gel\u00e4nde zwischen Stra\u00dfenbahngleisen, Bahndamm und Kleing\u00e4rten. Was nicht offensichtlich sein mag: Die Horner Spitze wird zu gro\u00dfen Teilen genutzt. Hier befindet sich ein Verein namens Kinder, Wald und Wiese e.V., dessen Ziel es ist, \u201eKindern und Jugendlichen aus der Stadt die Natur n\u00e4her zu bringen\u201c (Kinder, Wald und Wiese e.V. 2024). Der Verein h\u00e4lt Pferde, Ziegen und eine Katze und bietet verschiedene Freizeitaktivit\u00e4ten f\u00fcr Kinder und Jugendliche an: regelm\u00e4\u00dfige Pferdestunden, Gruppentreffen oder Ferienprogramme. Er ist au\u00dferdem Teil der \u201eB\u00fcrgerinitiative Horner Spitze\u201c, die sich f\u00fcr den Erhalt der Horner Spitze einsetzt. Denn das Gel\u00e4nde ist Pr\u00fcffl\u00e4che f\u00fcr die Bebauung und Nutzung als Gewerbegebiet (Die Senatorin f\u00fcr Bau, Mobilit\u00e4t und Stadtentwicklung &amp; Die Senatorin f\u00fcr Wirtschaft, H\u00e4fen und Transformation 2021). Gegen diese Entwicklung wehrt sich die Initiative. Die Horner Spitze repr\u00e4sentiert also nicht nur einen Flecken Natur in Bremen, sondern hat sich zu einem Politikum entwickelt. Wir wollen herausfinden, welche Beziehungen zwischen der Horner Spitze als Natur in der Stadt und dem Verein bestehen, in welcher Form F\u00fcrsorge (Care) stattfindet und was dies f\u00fcr die Menschen und Tiere im Verein und die Natur auf der Horner Spitze bedeutet.<!--more--><\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 12pt\"><strong>Was ist Care?<\/strong><\/span><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify\">Unsere Fragen beruhen auf einer theoretischen Konzeption von Care (F\u00fcrsorge). Dabei beziehen wir uns auf das Verst\u00e4ndnis von Joan C. Tronto (1993). Sie beschreibt Care als eine Praktik, \u201ea reaching out to something other than the self\u201d (Tronto 1993: 102). Diese Praktik setzt sich idealerweise zusammen aus vier Phasen: \u201eCaring About\u201c, der Erkenntnis \u00fcber Notwendigkeit von F\u00fcrsorge, \u201eTaking Care of\u201c, der Verantwortlichkeit, F\u00fcrsorge zu \u00fcbernehmen, \u201eCare-giving\u201c, der tats\u00e4chlichen Arbeit der F\u00fcrsorge-Leistung, und \u201eCare-receiving\u201c, der Beurteilung der Reaktion auf erhaltene F\u00fcrsorge (ebd.: 106ff.).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">F\u00fcrsorge hat individuelle Bedeutungen und Wirkungen. Puig de la Bellacasa schreibt dazu: \u201eTo care can feel good; it can also feel awful. It can do good; it can oppress.\u201d (2017: 1). Dabei endet F\u00fcrsorge nicht beim Menschen, sondern betrifft auch das mehr als Menschliche (ebd.). Zu \u201emore than human\u201c (mehr als Menschliches) z\u00e4hlen Nichtmenschen, andere Tiere und Lebewesen, Organismen, physikalische Kr\u00e4fte, spirituelle Entit\u00e4ten und Dinge, die neben den Menschen in der Natur existieren. Die Beziehungen zwischen Menschen und dem mehr als Menschlichen sind komplex und untrennbar miteinander verbunden. Die Autorin betont, dass F\u00fcrsorgepraktiken f\u00fcr mehr als Menschliches eine politische Dimension haben, die \u00fcber traditionelle ethische Perspektiven hinausgehen (ebd.).<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 12pt\"><strong>Was haben wir gemacht?<\/strong><\/span><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify\">Um die tats\u00e4chliche Arbeit auf der Horner Spitze zu dokumentieren, begleiteten wir eine Person, Jc., bei ihrem Stalldienst und halfen mit. Dabei handelte es sich um eine teilnehmende, offene und unstrukturierte Beobachtung (vgl. Flick 2007; Laatz 1993) mit autoethnografischer Dokumentation (vgl. Butz 2010). Nach einem \u00e4hnlichen Verfahren nahmen wir au\u00dferdem an einem Treffen der Jugendgruppe des Vereins teil. Durch die Offenheit unserer Forschungsmethodik entwickelte sich dieser zweite Beobachtungstermin in Teilen zu einem spontanen Go-Along-Interview mit einem Mitglied des Vereinsvorstandes, welches mit Ged\u00e4chtnisprotokollen und Fotos dokumentiert wurde.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 12pt\"><strong>Akteur:innen und Praktiken auf der Horner Spitze<\/strong><\/span><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify\">Wir konnten uns mit unterschiedlichen Akteur:innen unterhalten und Einblicke in deren Arbeitsaufgaben bekommen. Auf Grund der Gr\u00f6\u00dfe des Gel\u00e4ndes und der Diversit\u00e4t der Vereinsangebote konnten wir allerdings nicht alle Akteur:innen und Praktiken erfassen. Somit beschr\u00e4nkt sich unsere Untersuchung auf den Stalldienst und die Stalldienstleistende Jc., eine Jugendgruppe und deren Leiterin Jt., sowie das Vorstandsmitglied B. Jegliches Vereinsengagement geschieht ehrenamtlich, der Stalldienst aber gegen eine finanzielle Aufwandsentsch\u00e4digung.<\/p>\n<h4 style=\"text-align: justify\"><em><span style=\"font-size: 12pt\">Stalldienst<\/span><\/em><\/h4>\n<p style=\"text-align: justify\">Der Stalldienst wird t\u00e4glich morgens und abends verrichtet. Jc. ist eine der Ehrenamtlichen und \u00fcbernimmt pro Woche einen Vormittagsdienst, der sich aus standardisierten Abl\u00e4ufen zusammensetzt. Beim morgendlichen Dienst muss zuerst Pferdefutter, versetzt mit auf das jeweilige Pferd abgestimmten N\u00e4hrstoffen und Kraftfutter, angemischt werden. Im Gegensatz zu den anderen Pferden, die nur Heu und Gras fressen, bekommen drei der Pferde auf Grund ihres Alters Zusatzfutter. W\u00e4hrend das Futter einweicht, werden die drei Pferde an ihrer Futterstelle angebunden, die Katze, die auf dem Gel\u00e4nde lebt, mit Dosenfutter gef\u00fcttert. Die Futterbottiche werden mit Schubkarren zur Pferdekoppel geschoben und den Pferden hingestellt. Danach werden die Pferd\u00e4pfel von den Koppeln aufgesammelt und auf Schubkarren zum Misthaufen gefahren. Zwischendurch m\u00fcssen Wasserkanister an einem gemeinschaftlichen Wasserhahn des angrenzenden Kleingartenvereins aufgef\u00fcllt werden. Danach wird f\u00fcr die Pferde eine weitere Portion Futter angemischt und zur Futterstelle gebracht. Au\u00dferdem werden die St\u00e4lle der Ziegen ausgemistet. Zum Schluss folgen Aufr\u00e4umarbeiten, um alle Materialien f\u00fcr den n\u00e4chsten Stalldienst am Abend vorzubereiten.<\/p>\n<h4 style=\"text-align: justify\"><em><span style=\"font-size: 12pt\">Vorstand und Vereinsarbeit<\/span><\/em><\/h4>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Arbeit im Vereinsvorstand l\u00e4sst sich im Gegensatz zum Stalldienst nicht auf einen standardisierten Arbeitsablauf runterbrechen. B. selbst sagt, er mache \u201eeigentlich alles\u201c, und dass die Arbeit im Verein auch ziemlich chaotisch sein k\u00f6nne. Er k\u00fcmmert sich einerseits um administrative Angelegenheiten des Vereins: Verwaltung, Koordination, Finanzen, Mitgliederbetreuung, Kommunikation (derzeit viel mit den Verantwortlichen der Baustelle auf dem Gel\u00e4nde), Social Media und Digitalisierung. Andererseits erledigt er viele Arbeiten, die auf dem Vereinsgel\u00e4nde anfallen, wie z.B. Reparaturen, (Um-)Gestaltung des Gel\u00e4ndes, Pflege der Fl\u00e4che und Transport von Materialien. F\u00fcr viele Arbeiten, wie z.B. das Traktor fahren, seien spezifische F\u00e4higkeiten oder Kenntnisse notwendig, daher kann B. diese schwer an andere Engagierte abgeben.<\/p>\n<h4 style=\"text-align: justify\"><em><span style=\"font-size: 12pt\">Jugendgruppe<\/span><\/em><\/h4>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Jugendgruppe trifft sich einmal in der Woche, mitmachen k\u00f6nnen Jugendliche im Alter von 12 bis 17 Jahren. Dabei sind die Aktivit\u00e4ten vielf\u00e4ltig und werden von den Jugendlichen selbst bestimmt. Das Einbinden und Reiten der Pferde ist, im Gegensatz zu den Reitgruppen, zweitrangig, denn die Vereinstiere sind mittlerweile alt und k\u00f6nnen zum Teil nicht mehr oder nur noch von Kindern geritten werden. Daher besch\u00e4ftigt sich die Jugendgruppe insbesondere mit der Gestaltung und Pflege der \u201eWiese\u201c, wie sie die Vereinsfl\u00e4che nennen. In der Vergangenheit haben sie Sitzm\u00f6glichkeiten aus alten Paletten gebaut, bei Veranstaltungen mitgeholfen und zuletzt mehrere Hochbeete gebaut. Sie haben noch viele Pl\u00e4ne zur Aufwertung des Gel\u00e4ndes. Doch sie treffen sich auch zum Basteln, Filme schauen oder Kochen, wie auch an jenem Tag, an dem wir die Gruppe begleitet haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Teilnahme an der Jugendgruppe soll, angelehnt an klassische Jugendtreffs, f\u00fcr jede:n zug\u00e4nglich sein und ist daher kostenlos. Sie wird von ehrenamtlichen Helfer:innen geleitet, die dies teils schon seit vielen Jahren machen. Die Gruppenleiter:innen sind f\u00fcr die Planung und Durchf\u00fchrung der verschiedenen Pferdegruppen, Kinder- und Jugendgruppen oder Ferienfreizeiten zust\u00e4ndig.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 12pt\"><strong>Die Bedeutung von Care f\u00fcr die Horner Spitze<\/strong><\/span><\/h3>\n<div id=\"attachment_585\" style=\"width: 381px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-585\" class=\"wp-image-585\" src=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/IMG-20240613-WA0034-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"371\" height=\"495\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/IMG-20240613-WA0034-225x300.jpg 225w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/IMG-20240613-WA0034-768x1024.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/IMG-20240613-WA0034-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/IMG-20240613-WA0034-676x901.jpg 676w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/IMG-20240613-WA0034.jpg 1500w\" sizes=\"auto, (max-width: 371px) 100vw, 371px\" \/><p id=\"caption-attachment-585\" class=\"wp-caption-text\"><span style=\"font-size: 8pt\">Das Pferd Major. Eigene Aufnahme.<\/span><\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify\">Aus unseren Beobachtungen lassen sich vielschichtige Care-Beziehungen zwischen den menschlichen und mehr-als-menschlichen Akteur:innen auf der Horner Spitze sowie die Bedeutungen dieser herausarbeiten. Sowohl unter den Mitgliedern der Jugendgruppe als auch bei Jc.\u2018s Stalldienst-Arbeit zeigen sich pers\u00f6nliche Verbindungen zu den Pferden. Jc. \u00e4u\u00dferte, dass sie die Pferde vermisst habe, und sprach mit ihnen oder \u00fcber sie in einem verniedlichenden Tonfall. Die Jugendlichen erz\u00e4hlten von den individuellen Charaktereigenschaften der Pferde und erinnerten an bereits verstorbene Tiere. Steele et al. (2019) beschreiben diesen Beziehungstyp zwischen menschlichen und mehr als menschlichen Wesen als Konzept des \u201eFreundes\u201c, das auf emotionalen Verflechtungen und F\u00fcrsorge beruht. Die von den Akteur:innen geteilte, auch wenn subjektive, Perspektive ist es, dass auf der \u201eWiese\u201c mehr auf die individuellen Bed\u00fcrfnisse der Pferde geachtet werde als im klassischen Reitstall, wovon sich auch die Reitgruppen abgrenzen w\u00fcrden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nach Trontos vier Phasen des Caring praktiziert der Verein \u201eCaring About\u201c und \u201eTaking Care of\u201c, da er sein Wirken eng mit den gebotenen Tier- und Naturerfahrungen verkn\u00fcpft hat und dementsprechend die Verantwortung tr\u00e4gt, f\u00fcr die gehaltenen Tiere, aber auch die genutzte Fl\u00e4che, F\u00fcrsorge zu leisten. Der Verein delegiert das \u201eCare-giving\u201c unter den Freiwilligen, welche die tats\u00e4chliche Care-Arbeit leisten. Der Aspekt des \u201eCare-receiving\u201c l\u00e4sst sich schwer f\u00fcr Au\u00dfenstehende evaluieren, Erz\u00e4hlungen und Beobachtungen liefern aber Hinweise. Die Pferde reagieren w\u00e4hrend des Stalldienstes aufmerksam und neugierig auf Menschen auf der Koppel, laufen ihnen entgegen oder zeigen Ungeduld, w\u00e4hrend sie auf ihr Futter warten. Im Kontrast dazu steht die Interaktion der Katze, die auf jeglichen Ann\u00e4herungsversuch von Menschen mit Fauchen reagiert \u2013 au\u00dfer bei der F\u00fctterung. Die Ziegen reagieren kaum auf die Personen, die ihren Stall s\u00e4ubern, jedoch erz\u00e4hlt B., dass Ziegen, die der Verein in der Vergangenheit hatte, viel \u00e4lter geworden seien, als Ziegen \u201ein Gefangenschaft\u201c normalerweise werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">B. vermittelt ein Selbstverst\u00e4ndnis des Vereins, welches \u00fcber die Tierhaltung hinausgeht, sondern mit der Horner Spitze als Fl\u00e4che verflochten ist. Weil das Gel\u00e4nde nicht an die Wasserversorgung angeschlossen ist, wird mit Regenwasser, einer Grundwasserpumpe und Wasser aus einem zentralen Hahn des Kleingartenvereins gearbeitet. Als Toilette steht eine Komposttoilette zur Verf\u00fcgung. Doch trotz der Verantwortung, der sich der Verein gegen\u00fcber des mehr als Menschlichen angenommen hat, stellt B. die Sicherheit der Menschen, insbesondere der Kinder, \u00fcber die F\u00fcrsorge zur Natur: er hat eine Genehmigung erhalten, auch w\u00e4hrend der Brutzeit der V\u00f6gel Wiesenfl\u00e4chen zu m\u00e4hen, um den sonst vom hohen Gras verdeckten Teich sichtbar zu halten.<\/p>\n<div id=\"attachment_586\" style=\"width: 292px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-586\" class=\"wp-image-586 \" src=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/IMG-20240624-WA0147-169x300.jpg\" alt=\"\" width=\"282\" height=\"501\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/IMG-20240624-WA0147-169x300.jpg 169w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/IMG-20240624-WA0147-576x1024.jpg 576w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/IMG-20240624-WA0147-768x1365.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/IMG-20240624-WA0147-864x1536.jpg 864w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/IMG-20240624-WA0147-676x1202.jpg 676w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/files\/IMG-20240624-WA0147.jpg 1080w\" sizes=\"auto, (max-width: 282px) 100vw, 282px\" \/><p id=\"caption-attachment-586\" class=\"wp-caption-text\"><span style=\"font-size: 8pt\">Der &#8222;Ausgleichst\u00fcmpel&#8220; auf der Horner Spitze. Eigene Aufnahme.<\/span><\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify\">An verschiedenen Orten des Gel\u00e4ndes erz\u00e4hlt B., was dort einmal stand oder gemacht wurde, z.B. ein Fu\u00dfballplatz, was dort geplant ist, z.B. Hochbeete, aber auch, welche Form die Fl\u00e4che dort ohne Einwirken des Vereins hatte oder hat. Ein prominentes Beispiel ist der T\u00fcmpel, der urspr\u00fcnglich im n\u00f6rdlichen Teil des Gel\u00e4ndes stand. Dieser musste f\u00fcr Fernw\u00e4rmebauarbeiten entfernt werden, stattdessen wurde als \u201eAusgleich\u201c ein Teich auf der anderen Seite der Wiese geschaffen. Dieser habe laut B. jedoch zwei Jahre zur Wiederbelebung gebraucht, und er gehe davon aus, dass die Tiere aus dem alten T\u00fcmpel nicht \u201eumgezogen\u201c, sondern gestorben seien. An der Stelle des alten T\u00fcmpels ist jetzt, nach den Bauarbeiten, ein neuer Teich angelegt, dessen Belebung wohl \u00e4hnlich lange dauern werde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der T\u00fcmpel repr\u00e4sentiert im Kleinen die gr\u00f6\u00dfere politische Debatte um die Horner Spitze und den Verein. Er zeigt, dass etablierte Naturfl\u00e4chen nicht einfach ausgeglichen werden k\u00f6nnen. Zwar kann die Schaffung des Ausgleichs als Care-Praktik interpretiert werden \u2013 immerhin wird Naturraum an anderer Stelle wieder hergestellt \u2013 dennoch wurde ein bestehendes \u00d6kosystem zerst\u00f6rt. Solche Care-Praktiken sind ambivalent (vgl. Puig de la Bellacasa 2017) und zeigen hier negative Auswirkungen. Auch wird auf politischer Ebene die Gleichg\u00fcltigkeit dieser Art von Care deutlich: Natur wird als austauschbar gesehen. Dabei wird vergessen, dass der Verein ohne die Natur auf der Horner Spitze nicht in seiner jetzigen Form existieren und wirken k\u00f6nnte. Die Jugendlichen nennen die \u201eWiese\u201c ihren \u201esafe space\u201c, ihr \u201ezweites Zuhause\u201c. So wird auch verst\u00e4ndlich, warum sich der Verein trotz des Angebots einer Umsiedelung gegen eine potenzielle Bebauung wehrt.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 12pt\"><strong>Literatur<\/strong><\/span><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 8pt\">Butz, D. (2010). Autoethnography as sensibility. In: The Sage Handbook of Qualitative Research in Human Geography, Hrsg. D. DeLyser, S. Aitken, S. Herbert, M. Crang &amp; L. McDowell, 138-155.\u00a0London:\u00a0Sage.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 8pt\">Die Senatorin f\u00fcr Bau, Mobilit\u00e4t und Stadtentwicklung &amp; Die Senatorin f\u00fcr Wirtschaft, H\u00e4fen und Transformation (2021). Einigung Regierungskoalition zum GEP2030. Bremen. <a href=\"https:\/\/www.senatspressestelle.bremen.de\/sixcms\/media.php\/13\/20211007_Koa%20GEP2030_FINAL.pdf\">https:\/\/www.senatspressestelle.bremen.de\/sixcms\/media.php\/13\/20211007_Koa%20GEP2030_FINAL.pdf<\/a><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 8pt\">Flick, U. (2007). Qualitative Sozialforschung: eine Einf\u00fchrung. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 8pt\">Kinder, Wald und Wiese e.V. (2024). \u00dcber uns. <a href=\"https:\/\/kinderwaldundwiese-bremen.de\/ueber-uns\/\">https:\/\/kinderwaldundwiese-bremen.de\/ueber-uns\/<\/a> (Abgerufen 30.07.2024)<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 8pt\">Laatz, W. (1993) Empirische Methoden: ein Lehrbuch f\u00fcr Sozialwissenschaftler. Thun: Verlag Harri Deutsch.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 8pt\">Pitt, H. (2018). Questioning care cultivated through connecting with more-than-human communities, Social &amp; Cultural Geography, 19:2. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1080\/14649365.2016.1275753\">https:\/\/doi.org\/10.1080\/14649365.2016.1275753<\/a><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 8pt\">Puig de la Bellacasa, M. (2017). Matters of care: Speculative ethics in more than human worlds. Minneapolis: University of Minnesota Press.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 8pt\">Steele, W., Wiesel, I., &amp; Maller, C. (2019). More-than-human cities: Where the wild things are. Geoforum.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 8pt\">Tronto, J. C. (1993). Moral Boundaries. A Political Argument for an Ethic of Care. New York: Routledge. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.4324\/9781003070672\">https:\/\/doi.org\/10.4324\/9781003070672<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Horner Spitze und der Verein Kinder, Wald und Wiese e.V. in Bremen als Beispiel f\u00fcr F\u00fcrsorge f\u00fcr Natur in der Stadt Autorinnen: Rebecca Sommer und Sarah Tilly Hier geht es zu den zugeh\u00f6rigen empirischen Vignetten und Werkzeugen. Wer ist der Verein \u201eKinder Wald und Wiese e.V.\u201c in Bremen? F\u00e4hrt man mit der Linie 6 [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":15877,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_bbp_topic_count":0,"_bbp_reply_count":0,"_bbp_total_topic_count":0,"_bbp_total_reply_count":0,"_bbp_voice_count":0,"_bbp_anonymous_reply_count":0,"_bbp_topic_count_hidden":0,"_bbp_reply_count_hidden":0,"_bbp_forum_subforum_count":0,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-583","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-care-praktiken","post-preview"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/583","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/15877"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=583"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/583\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":739,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/583\/revisions\/739"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=583"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=583"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/bremerstadtnaturen\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=583"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}