{"id":9,"date":"2026-05-06T16:47:19","date_gmt":"2026-05-06T14:47:19","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/blogvonpauleggs\/?p=9"},"modified":"2026-05-06T16:47:19","modified_gmt":"2026-05-06T14:47:19","slug":"rv05-migrationgesellschaft-als-erziehungswissenschaftlicher-perspektive","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/blogvonpauleggs\/2026\/05\/06\/rv05-migrationgesellschaft-als-erziehungswissenschaftlicher-perspektive\/","title":{"rendered":"RV05 &#8211; Migrationgesellschaft als erziehungswissenschaftlicher Perspektive"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"western\">Migration als Normalfall in der Schule?<\/h3>\n<p>Die Vorlesung von Prof. Dr. Karaka\u015fo\u011flu hat verdeutlicht, dass Migration kein Randph\u00e4nomen, sondern eine zentrale Gestaltungsaufgabe f\u00fcr das deutsche Bildungssystem ist. Dass wir in einer Migrationsgesellschaft leben, zeigt allein der Blick auf die demografische Realit\u00e4t. Bundesweit weisen bereits 42,3 % der Schulpflichtigen eine Zuwanderungsgeschichte auf (Karaka\u015fo\u011flu, S.10)<\/p>\n<p>1. Migration fordert das deutsche Schulsystem grundlegend heraus, da dieses historisch auf dem Gedanken einer sprachlich und kulturell homogenen Nation basiert. Die Grafik zum \u201eSaldo der Wanderungen\u201c (Karaka\u015fo\u011flu, S.7) illustriert die kontinuierliche Dynamik von Ein- und Auswanderung seit 1955, die durch historische Ereignisse wie das Anwerbeabkommen oder Kriege gepr\u00e4gt ist. Diese Realit\u00e4t bricht die Logik einer \u201er\u00e4umlichen und zeitlichen Kontinuit\u00e4t von Bildung\u201c auf, bei der davon ausgegangen wird, dass jeder Lernende das System linear am selben Ort durchl\u00e4uft (vgl. Schroeder &amp; Seukwa 2018, S. 141). die Institution Schule dient traditionell dazu, eine gemeinsame nationale Identit\u00e4t und Sprache herzustellen. Anstatt Migration als Querschnittsaufgabe zu begreifen, reagiert das System oft nur mit nicht vorgesehenen Ma\u00dfnahmen, was die eigentlichen Routinen unangetastet l\u00e4sst und das bestehende System unhinterfragt l\u00e4sst(vgl. Karaka\u015fo\u011flu 2024, S. 42) .<\/p>\n<p>2. Um transnationale Mobilit\u00e4t besser zu ber\u00fccksichtigen, m\u00fcssten die klassischen Schulfunktionen nach (Fend 2009) transformiert werden. Die Qualifikationsfunktion sollte \u00fcber den nationalen Raum hinausgedacht werden sollen. Sch\u00fcler\/innen w\u00fcrden somit nicht also nur auf den inl\u00e4ndischen Arbeitsmarkt vorbereitet werden, sondern die Voraussetzung f\u00fcr eine selbstst\u00e4ndige Lebensf\u00fchrung in einer globalisierten Welt w\u00fcrde vermittelt werden, indem beispielsweise Mehrsprachigkeit als wertvolle Ressource statt als Defizit anerkannt wird. Genauso m\u00fcssten unterschiedliche Lernvoraussetzungen als Normalfall anerkannt werden. Statt ein homogenes nationales Sinnsystem zu reproduzieren, m\u00fcsste die Koh\u00e4sionsfunktion darauf abzielen, gesellschaftlichen Zusammenhalt zu f\u00f6rdern. Zugeh\u00f6rigkeit darf nicht an eine spezifische ethnische Herkunft gekn\u00fcpft sein, sondern sollte auf der Anerkennung vielf\u00e4ltiger biografischer Erfahrungen basieren.<\/p>\n<p>3. Das Fallbeispiel der Sch\u00fclerin verdeutlicht die Mechanismen von Othering: Der Lehrer ordnet ihr aufgrund ihres Aussehens pauschal ein rassistisches Kollektivmerkmal zu. Dies ist p\u00e4dagogisch hochproblematisch, da es die Sch\u00fclerin auf ein Stereotyp reduziert, das nichts mit ihrer tats\u00e4chlichen Lebensrealit\u00e4t zu tun hat. Aus meiner eigenen Schulzeit kenne ich \u00e4hnliche Situationen, in denen Mitsch\u00fcler\/innen<i> <\/i>ungefragt als \u201eExpert\/innen\u201c f\u00fcr die Politik oder Br\u00e4uche \u201eihrer\u201c L\u00e4nder herangezogen wurden, nur weil sie eine Migrationsgeschichte hatten. Als angehende Lehrkraft m\u00f6chte ich ein solches Schubladendenken vermeiden. Kultur ist nichts nat\u00fcrliches oder Biologisches, sondern wird in der t\u00e4glichen Interaktion zwischen Menschen immer wieder neu ausgehandelt und hergestellt. Sch\u00fcler\/innen m\u00fcssen als Menschen mit multiplen Identit\u00e4ten wahrgenommen werden und von unhinterfragten Anpassungsanforderungen sollte abgesehen werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Quellenverzeichnis:<\/p>\n<ul>\n<li>Fend, Helmut (2009): Neue Theorie der Schule. VS-Verlag f\u00fcr Sozialwissenschaften.<\/li>\n<li>Karaka\u015fo\u011flu, Yasemin (2024): Migration. Von der Krisendiagnose zum Transformationsanlass f\u00fcr das Bildungssystem. In: Zeitschrift f\u00fcr P\u00e4dagogik. Jg. 70, Heft 1. S. 38-48.<\/li>\n<li>Schroeder, Joachim &amp; Seukwa, Louis Henri (2018): Bildungsbiographien: (Dis-)Kontinuit\u00e4ten im \u00dcbergang. In: von Dewitz, N. et al. (Hrsg.): Neuzuwanderung und Bildung. Beltz, Juventa.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Migration als Normalfall in der Schule? Die Vorlesung von Prof. Dr. Karaka\u015fo\u011flu hat verdeutlicht, dass Migration kein Randph\u00e4nomen, sondern eine zentrale Gestaltungsaufgabe f\u00fcr das deutsche Bildungssystem ist. Dass wir in einer Migrationsgesellschaft leben, zeigt allein der Blick auf die demografische Realit\u00e4t. Bundesweit weisen bereits 42,3 % der Schulpflichtigen eine Zuwanderungsgeschichte auf (Karaka\u015fo\u011flu, S.10) 1. 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