{"id":26,"date":"2026-08-25T20:16:18","date_gmt":"2026-08-25T18:16:18","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/blogvonpauleggs\/?p=26"},"modified":"2026-08-25T20:16:18","modified_gmt":"2026-08-25T18:16:18","slug":"abschlussreflexion-zur-baumhet-ringvorlesung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/blogvonpauleggs\/2026\/08\/25\/abschlussreflexion-zur-baumhet-ringvorlesung\/","title":{"rendered":"Abschlussreflexion zur BAUMHET Ringvorlesung"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Ich war zu Beginn der Ringvorlesung vor allem gespannt, wie sich die theoretische Konzepte, die wir kennen lernen w\u00fcrden auf den Alltag im Klassenzimmer \u00fcbertragen w\u00fcrden. Ich war erst skeptisch, ob sich theoretischer Anspruch und praktische Umsetzung vereinbaren lie\u00dfen. Im Laufe des Semesters kam ich zu der Erkenntnis, dass Heterogenit\u00e4t nicht nur eine Herausforderung f\u00fcr die Lehrkraft darstellt. Sie verlangt vielmehr eine grundlegende p\u00e4dagogische Haltung. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Trotz meiner Vorerfahrung im Arbeitsalltag Schule habe ich mir zu Beginn des Semesters erhofft, kalkulierbare Rezepte f\u00fcr den Unterricht zu finden. Schnell wurde mir aber bewusst, dass gerade die bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Einstellung und ein positives und inklusives Schulethos die entscheidende Zutaten f\u00fcr den t\u00e4glichen Umgang mit Diversit\u00e4t sind (vgl. Humphrey et al. 2006, S. 306). <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Besonders aufschlussreich fand ich den Gedanken, dass eine gelungene Beziehungsarbeit den Grundstein legt, um die individuellen Lernprozesse in ihrer Komplexit\u00e4t \u00fcberhaupt erst effektiv begleiten zu k\u00f6nnen. Ich erlangte die Erkenntnis, dass die Erstausbildung lediglich den Startpunkt einer lebenslangen Professionalisierung bildet, in der die reflexive Selbstforschung eine zentrale Rolle einnimmt (vgl. Albert 2016, S. 43). Dabei habe ich gelernt, dass mein eigenes professionelles Selbstverst\u00e4ndnis ma\u00dfgeblich davon abh\u00e4ngt, wie offen ich mich den wechselseitigen Interaktionen mit den Lernenden stelle und dabei mein subjektives p\u00e4dagogisches Wissen stetig kritisch hinterfrage (vgl. Kelchtermans 2009, S. 257).<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Die Ringvorlesung hat uns keine Step-by-Step Anleitung zum Umgang mit Heterogenit\u00e4t geboten, sondern versucht uns Wege zu zeigen wie man im Feld Schule Ungleichheit verringert, anstatt sie zu reproduzieren. Besonders \u00fcberzeugt hat mich der Anspruch, erziehungswissenschaftliche und fachdidaktische Perspektiven am gemeinsamen Gegenstand \u201eHeterogenit\u00e4t&#8220; zu verbinden und den Blick auf die kollegiale Zusammenarbeit in der Schule zu richten. Genau diese Verbindung habe ich f\u00fcr meine beiden F\u00e4cher Kunst und Franz\u00f6sisch versucht herzustellen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Im Fach Kunst ist die \u00e4sthetische Bildung weit mehr als die Besch\u00e4ftigung mit Kunstwerken oder der praktischen Arbeit. Durch spielerisches Gestalten sammeln die Kinder \u00e4sthetische Erfahrungen. Wenn die Lehre von der Wahrnehmung den Kern des Faches bildet und \u00e4sthetisch alles ist, was unsere Sinne bewegt, dann ist Heterogenit\u00e4t im Kunstunterricht keine Ausnahme, sondern der Normalfall. Die Wahrnehmung eines Menschen ist immer subjektiv, es gibt kein richtig oder falsch. Didaktisch hei\u00dft das f\u00fcr mich, proaktiv zu planen. Materialien und Methoden werden nicht nur f\u00fcr eine \u201eDurchschnittsklasse\u201c, sondern f\u00fcr unterschiedliche Lernvoraussetzungen der SuS vorbereitet, mit Zwecken wie F\u00f6rderung, Kompensation oder Pr\u00e4ferenz einzelner Lernender (vgl. Schmidt-Borcherding, S. 33).<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\"><span style=\"font-size: medium\">F\u00fcr Franz\u00f6sisch erschien mir vor allem die Einheit zur Mehrsprachigkeit als sinnvoll. Mehrsprachigkeit ist nicht als Defizit, sondern als Kompetenz und sprachliche Praxis zu verstehen, und die Vorstellung einer perfekten, ausgewogenen Balance der Sprachen gilt heute als \u00fcberholt (vgl. Garcia 2018; Cenoz 2013). Gleichzeitig hat mich die kritische Diskussion des Begriffs \u201eDeutsch als Zweitsprache&#8220; daf\u00fcr sensibilisiert, wie schnell sprachbezogene Zuschreibungen stigmatisieren und Lernende an den Rand positionieren k\u00f6nnen (vgl. Daase 2026, S. 12). Im Franz\u00f6sischunterricht m\u00f6chte ich die Mehrsprachigkeit daher als Ressource nutzen. Beispielweise \u00fcber Sprachvergleiche und die Reflexion der eigenen Sprachbiografie und darauf achten, defizitorientierte Zuschreibungen zu vermeiden, sondern die Ressourcen der lernenden anerkennen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Die Ergebnisse des Forschungsprojekts \u201eInklusion im Resonanzraum Schule&#8220; unterstreichen, dass Professionalisierung im Kontext von Inklusion dialogische und reziproke Resonanzbeziehungen braucht (vgl. Steffens 2026, S. 19). Das deckt sich mit meinen eigenen Schulerfahrungen. Wenn sozial-emotionale Antwortverh\u00e4ltnisse fehlen, entsteht eine Spirale fortschreitender Distanzierung, und das Lehrer-Sch\u00fcler-Verh\u00e4ltnis wird als hierarchisch, herabsetzend erlebt (ebd., S. 12). Dabei sollte beachtet werden, dass es hier nicht die Schuld einzelner Lehrkr\u00e4fte trifft, sondern die bestehenden institutionellen Verh\u00e4ltnisse. Daraus ergibt sich die Konsequenz, dass Beziehungsgestaltung vor allem dort gelingt, wo Lehrkr\u00e4fte ihre institutionelle Rolle nicht zu ernst nehmen, und Fehler mit Humor nehmen k\u00f6nnen und authentisches Interesse an den Lernenden signalisieren. Als Lehrkraft t\u00e4tig zu sein bedeutet also auch, Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler pers\u00f6nlich kennenzulernen (vgl. Dewsbury et al 2022, S. 4).<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Uns wurde das letzte Semester \u00fcber die Komplexit\u00e4t von Heterogenit\u00e4t vermittelt. Der ma\u00dfgeblich pr\u00e4gendste Faktor ist meiner Meinung nach die soziale Herkunft. Unfairer weise entscheidet sie oft \u00fcber den Bildungserfolg eines Menschen. Eine Familie aus den untersten zehn Prozent der Gesellschaft braucht durchschnittlich bis zu sechs Generationen, um eine mittlere Einkommensklasse zu erreichen (OECD 2018, S. 27). Die Institution Schule wirkt diese Ungleichheit aktiv mit. Etwa durch schlechtere Benotung bei gleicher Leistung oder durch \u00dcbergangsempfehlungen, die auf Einsch\u00e4tzungen der sozialen Herkunft beruhen. Dazu kommen kognitive Unterschiede zwischen Lernenden sowie psychosoziale Belastungen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Viele dieser Feststellungen waren mir pers\u00f6nlich bereits vertraut. Dass die Schule ein heterogener Raum ist und nicht jede und jeder Lernende die gleichen Voraussetzungen mitbringt, war f\u00fcr mich keine neue Erkenntnis. Trotzdem war es interessant, die dahinterliegenden Konzepte systematisch zu vertiefen, wie zum Beispiel das \u201ePassungsproblem&#8220; zwischen Institution Schule und Lebenswirklichkeit der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler. Was ich mir jedoch zus\u00e4tzlich gew\u00fcnscht h\u00e4tte, ist ein Thema, das meiner Erfahrung nach im schulischen Diskurs oft ausgeblendet oder gar vermieden wird: der Umgang mit S\u00fcchten und Drogenmissbrauch. Das ist ein unsch\u00f6nes Thema mit dem ich im Kontext Schule trotzdem viel zu oft konfrontiert worden bin. Doch Handlungskonzepte f\u00fcr den Umgang mit Suchterkrankungen und Substanzmissbrauch im schulischen Alltag fehlten vollst\u00e4ndig. Dabei sto\u00dfen Beziehungsarbeit und F\u00f6rderung dort an ihre Grenzen, wo Lehrkr\u00e4fte nichts \u00fcber die Belastungen ihrer Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler wissen, beziehungsweise nicht wissen, wie sie angemessen reagieren k\u00f6nnen Die Ringvorlesung hat diese Perspektive jedoch nicht aufgegriffen, dabei geh\u00f6rt Suchterfahrung zu den Lebensrealit\u00e4ten, die Heterogenit\u00e4t im Klassenzimmer ganz konkret pr\u00e4gen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Aus dem Seminar ergeben sich f\u00fcr mich mehrere offene Fragen. Mich interessiert, wie adaptive Unterrichtsplanung sich im Alltag tats\u00e4chlich umsetzen l\u00e4sst, ohne Lehrkr\u00e4fte zu \u00fcberfordern? Die Forschung zeigt, dass Lehrkr\u00e4fte das Unterrichten in heterogenen Klassen als eine der gr\u00f6\u00dften Herausforderungen empfinden, auf die sie sich nicht hinreichend vorbereitet f\u00fchlen \u2014 hier braucht es gr\u00fcndliche Aus- und Weiterbildung (vgl. Dumont 2018, S. 267). Au\u00dferdem frage ich mich inwiefern man Beziehungsarbeit strukturell in der Institution Schule verankert werden k\u00f6nnte, statt vom individuellen Engagement von einzelnen zu vertrauen. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\"><span style=\"font-size: medium\">R\u00fcckblickend hat die Ringvorlesung mein Verst\u00e4ndnis von Schule bereichert.. Ich nehme mit, dass Schule Ungleichheit entweder reproduzieren oder verringern kann und dass ich als angehende lehrkraft durch Beziehungsarbeit, Partizipation und fachdidaktische Offenheit Einfluss darauf habe, welche der beiden Richtungen mein Unterricht einschl\u00e4gt. Zugleich habe ich verstanden, dass professionelles Handeln nicht mit dem Studium abgeschlossen ist, sondern reflexive Selbstforschung eine Lebensaufgabe bleibt (Albert 2016, S. 12). <\/span><\/span><\/p>\n<h3 class=\"western\">Literaturverzeichnis<\/h3>\n<p>Albert, S. (2016). Die Bedeutung der reflexiven Selbstforschung f\u00fcr die Professionalisierung von Lehrpersonen. <i>HiBiFo \u2013 Haushalt in Bildung &amp; Forschung<\/i>, 5(4), 35\u201346. <a href=\"https:\/\/www.google.com\/search?q=https:\/\/doi.org\/10.3224\/hibifo.v5i4.25693\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/doi.org\/10.3224\/hibifo.v5i4.25693<\/a><\/p>\n<p>Cenoz, J. (2013). Defining Multilingualism. <i>Annual Review of Applied Linguistics<\/i>, 33, 3\u201318. <a href=\"https:\/\/www.google.com\/search?q=https:\/\/doi.org\/10.1017\/S026719051300007X\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/doi.org\/10.1017\/S026719051300007X<\/a><\/p>\n<p>Daase, A. (2026). Mehrsprachigkeit als Ausgangspunkt schulischer Bildung [Ringvorlesung]. Universit\u00e4t Bremen.<\/p>\n<p>Dewsbury, B. M., Swanson, H. J., Moseman-Valtierra, S., &amp; Caulkins, J. (2022). Inclusive and active pedagogies reduce academic outcome gaps and improve long-term performance. <i>PLoS ONE<\/i>, 17(6), e0268620. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1371\/journal.pone.0268620\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/doi.org\/10.1371\/journal.pone.0268620<\/a><\/p>\n<p>Dumont, H. (2018). Individuelle F\u00f6rderung im Unterricht [Vortrag]. Universit\u00e4t Bremen.<\/p>\n<p>Garc\u00eda, O. (2018). The multiplicities of multilingual interaction. <i>International Journal of Bilingual Education and Bilingualism<\/i>, 21(7), 881\u2013891. <a href=\"https:\/\/www.google.com\/search?q=https:\/\/doi.org\/10.1080\/13670050.2017.1386616\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/doi.org\/10.1080\/13670050.2017.1386616<\/a><\/p>\n<p>Humphrey, N., Bartolo, P., Alec, P., Calleja, C., Hofsaess, T., Janikova, V., &amp; Wetso, G. (2006). Understanding and responding to diversity in the primary classroom: an international study. <i>European Journal of Teacher Education<\/i>, 29(3), 305\u2013318. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1080\/02619760600795122\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/doi.org\/10.1080\/02619760600795122<\/a><\/p>\n<p>Karaka\u015fo\u011flu, Y., &amp; Barasi, D. (2026). Aggression, Bullying, Mobbing in der Schule [Ringvorlesung]. Universit\u00e4t Bremen.<\/p>\n<p>Kelchtermans, G. (2009). Who I am in how I teach is the message: self-understanding, vulnerability and reflection. <i>Teachers and Teaching: Theory and Practice<\/i>, 15(2), 257\u2013272. <a href=\"https:\/\/www.google.com\/search?q=https:\/\/doi.org\/10.1080\/13540600902875332\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/doi.org\/10.1080\/13540600902875332<\/a><\/p>\n<p>Schmidt-Borcherding, F. (2022). Die kognitiven Dimensionen von Lernerfolg: Intelligenz vs. Vorwissen [Ringvorlesung]. Universit\u00e4t Bremen.<\/p>\n<p>Steffens, J. (2026). Partizipation und Beziehungsgestaltung (Projekt \u201eInklusion im Resonanzraum Schule\u201c) [Vortrag]. Universit\u00e4t Bremen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich war zu Beginn der Ringvorlesung vor allem gespannt, wie sich die theoretische Konzepte, die wir kennen lernen w\u00fcrden auf den Alltag im Klassenzimmer \u00fcbertragen w\u00fcrden. Ich war erst skeptisch, ob sich theoretischer Anspruch und praktische Umsetzung vereinbaren lie\u00dfen. 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