Alle Beiträge von Karsten

Digitalisierung an Bremer Schulen: Lernplattform, Endgeräte und nun?

Studierende der Grundschuldidaktik an der Universität Bremen entwickeln online zusammen mit Lehrer*innen digitalen Inhalt auf itslearning.

Zusammenfassung / Tldr;

Studierende an der Universität Bremen entwickeln in einem Online-Seminar digitale Fördermaterialien für Oberschüler der 5. und 6. Klassenstufe in Bremen. Die Grundlagen des Rechnens sowie Schreibens wurden als interaktive Übungs- und Wiederholungsangebote auf itslearning umgesetzt. Die Studierenden erstellten dabei betreut durch Lehrende der Oberschule am Park und dem Lab „Medienbildung & Bildungsmedien“ der Universität Bremen kreative und abwechslungsreiche digitale Angebote für die Fächer Mathematik und Deutsch auf itslearning. Besonders gut kamen bei den Schüler*innen ein interaktives Videoabenteuer, vielfältige digitale Übungsspiele sowie das eigene Gestalten von Erklärvideos an. Prof. Dr. Karsten D. Wolf und die Schulleiterin der Oberschule im Park Monika Steinhauer waren begeistert von dem Engagement der Studierenden in einer reinen Online-Veranstaltung. Organisiert wurde das Projekt über Videokonferenzen sowie den beiden Lernplattformen der Universität (stud.ip) sowie der Schule (itslearning). Die Materialien wurden in agiler Projektform entwickelt und in mehreren Iterationen mit Lehrenden, Schüler*innen und den Medienexperten an der Universität getestet und verbessert. Bereits im kommenden Wintersemester wird auf Basis der vorliegenden Materialien mit einer neuen Seminargruppe weiter entwickelt und erweitert. Der Plan ist, für alle Schüler*innen in Bremen auf itslearning digitales Übungsmaterial anzubieten, um Lücken aus der Grundschule möglichst selbstständig schließen zu können.

Die Lehramt-Studierenden haben kreative und abwechslungsreiche digitale Angebote für die Fächer Mathematik und Deutsch auf der Lernplattform itslearning erstellt. Sie wurden dabei betreut durch Lehrkräfte der Oberschule am Park und dem Lab „Medienbildung & Bildungsmedien“ der Universität Bremen. Besonders gut kamen bei den Schülerinnen und Schülern ein interaktives Videoabenteuer, vielfältige digitale Übungsspiele sowie das eigene Gestalten von Erklärvideos an.

Innovative Lernkonzepte gefragt

„Der durch die Corona-Epidemie erforderliche Digitalisierungs-Schub hat gezeigt, dass es beim digitalen Unterricht noch viele Baustellen gibt“, sagt Karsten D. Wolf, Professor für Medienpädagogik am Fachbereich Erziehungswissenschaften. „Digital unterstützter Unterricht ist nicht einfach klassischer Unterricht mit digitalen Mitteln – auch die Didaktik muss sich ändern. Deshalb bedarf es innovativer Ideen für die Aus- und Fortbildung von aktiven und zukünftigen Lehrkräften.“

An der Universität Bremen besteht bereits seit mehr als zwei Jahren eine Kooperation mit der Oberschule im Park, in der Studierende zusammen mit Lehrkräften der Oberschule die Potentiale digitaler Medien für das Unterrichten in heterogenen Klassen erkunden. Das Ziel ist, Konzepte und frei nutzbare Materialien für den Einsatz im Schulalltag zu entwickeln und zu erproben.

Ausgangssituation

Die Weichen für eine digital-unterstützte Schule in Bremen sind gestellt. Bereits 2015 wurde in Bremen eine standardisierte Lernplattform „itslearning“ eingeführt. Zunächst wurde diese insbesondere für die interne Schulorganisation genutzt. In den letzten Jahren hat sie – unterstützt durch Fortbildungsangebote des Zentrums für Medien am Landesinstitut für Schule –  zunehmend auch im Unterricht Einzug erhalten.

Mit der Entscheidung des Bremer Senats, allen Lehrkräften und auch Schülerinnen und Schülern digitale Endgeräte in Form von Tablets bis zum Ende des Jahres bereitzustellen, werden – bei allen operativen Herausforderungen – zwei wichtige Anforderungen an eine funktionierende Digitalisierung von Schule erfüllt: Erstens bietet die Standardisierung auf eine Gerätegattung – genauso wie bei der Lernplattform –  Vorteile bei der notwendigen Fortbildung der Lehrenden und beim gemeinsam-unterstützenden Lernen in den Kollegien an den einzelnen Schulen. Zweitens sichern die Geräte eine verlässliche Ausstattung im Klassenraum und daheim. Es hängt nicht von den finanziellen Möglichkeiten der Eltern ab, welches Gerät Schüler*innen zur Verfügung steht.

Sowohl Lehrende an den Schulen als auch Lehramtsstudierende an der Universität sind dafür bisher nur unzureichend ausgebildet worden.

An der Universität Bremen besteht deshalb seit über zweieinhalb Jahren eine Kooperation mit der Oberschule im Park, in der Studierende zusammen mit Lehrenden der Oberschule die Potentiale digitaler Medien für das Unterrichten in heterogenen Klassen ausloten. Das Ziel sind die Erstellung und praktische Erprobung von Konzepten und frei nutzbaren Materialien für den realen Einsatz im Schulalltag. Das von der Karin und Heinz-Otto Peitgen Stiftung sowie der Iris und Hartmut Jürgens Stiftung geförderte Projekt konnte 2019 den mit 25.000€ dotierten Innovationspreis des Sieben-Faulen e.V. gewinnen.

Warum digitale Medien?

Die pädagogisch-didaktische Herausforderung ist das Unterrichten in Klassen, in denen die Schüler*innen sehr unterschiedliche Leistungsvoraussetzungen mitbringen und deren Leistungsunterschiede teilweise bis zu drei Schuljahren betragen. Ein klassischer Frontalunterricht ist hier nicht möglich, denn an welchem Kenntnisniveau sollte man sich orientieren? Im ersten Projektjahr in 2018 erkundeten die Studierenden die besonderen Möglichkeiten von Tablets im Schulalltag. Gemeinsam mit den Kolleginnen an der Kooperationsschule wurden didaktische und mediale Konzepte zum Lernen durch Erklären mit Videos entwickelt. Schüler*innen gestalteten im Rahmen einer von den Studierenden betreuten Projektwoche sehr erfolgreich Erklärvideos zu Themen aus der Schulmathematik. Es entstanden Erklärvideos zur Wahrscheinlichkeitsrechnung (z.B. zu Treffern bei Torschüsse oder den Inhalten von Lootboxen in Fortnite). Zwei Schüler*innen gewannen einen zweiten Preis auf einem Schulfilmfestival mit einem Erklärvideo zur Bruchrechnung.

Screenshot aus dem Video „Was hat Pizza Essen mit Bruchrechnen zu tun?“ von Zalal, Julia und Pascal (Quelle: Karsten D. Wolf & Patrick Jung)

 

 

Im zweiten Durchgang mit einer neuen Studierendengruppe aus der Grundschuldidaktik sollte dieses Konzept nun mit kommerziellen Übungsapps sowie eigenerstellten Selbstlernmaterialien auf itslearning kombiniert und für den zeitlichen Rahmen eines Schulvormittags adaptiert werden. Eine besondere Herausforderung war hier, wie man in nur vier Schulstunden die thematisch eingegrenzte Erklärvideoproduktion in heterogenen Lerngruppen anleiten und gleichzeitig aktive, verstehensorientierte Lernstrategien der Schüler*innen aufrecht erhalten konnte. Auch diese Konzepte wurden in der Schule erfolgreich erprobt.

Besonders befriedigend war für die Studierenden, mit wieviel Spaß und Erfolg sich die einzelnen Schüler*innen in ihre Gruppenarbeiten einbringen konnten. Selbst die Lehrenden waren überrascht über die „Performance“ einiger Schüler*innen vor oder hinter der Kamera im nicht immer beliebten Fach Mathematik.

 

Screenshot eines der erstellten Lernpfade zum Thema Umfänge berechnen (Quelle: Patrick Jung).

 

 

 

 


Coaching beim Drehen eines Mathe-Erklärvideos durch eine Studierende (Quelle: Patrick Jung). Die im digitalen Lernpfad eingeführte Requisite der Schatztruhe findet sich real wieder.

Aktueller Projektstand

Das Ziel im aktuellen (dritten) Seminardurchlauf war nun, systematisch die drei Elemente Erklärvideos, individuell unterstützende digitale Lern- und Übungsmaterialien sowie Unterrichten in heterogenen Klassen auf itslearning zusammenzubringen. Thematisch sollten Grundlagen aus Deutsch und Mathe im Zentrum stehen. Hier sahen das Projektteam bestehend aus der Mathe-Lehrerin Ina Schäfer, der Deutsch-Lehrerin Laura Elsner sowie dem Team aus der Arbeitsgruppe Wolf den größten aktuellen Bedarf in Materialien zur Wiederholung von Grundlagen. Viele Schüler*innen kommen mit nicht ausreichenden Grundkenntnissen im Lesen, Schreiben und Rechnen in die Oberschule, welche in speziellen Übungsstunden aufgearbeitet werden sollen.

„Das Potential digitaler Medien liegt insbesondere beim individuellen Üben der Schüler*innen“, berichtet die Lehrerin Ina Schäfer. „Schüler*innen können ihr eigenes Tempo wählen, Erklärungen wiederholt anschauen und Übungsaufgaben ohne Zeitdruck oder beobachtet durch die Mitschüler*innen lösen.“.

Als mediendidaktischer Gestaltungsrahmen wurden auf itslearning sogenannte „Lernpfade“ genutzt. Der wissenschaftliche Mitarbeiter Patrick Jung, der das Projekt medientechnisch betreut, beschreibt die Vorteile von Lernpfaden: „Die Lernpfade auf itslearning erlauben es, nicht nur eine Sequenz von multimedialen und interaktiven Lerneinheiten bereitzustellen, sondern auch durch diagnostische Kurztests den Schüler*innen individuell an ihr Leistungsniveau angepasste Erklärungen und Vertiefungsaufgaben anzubieten!“. Wichtig waren auch in diesem Durchgang wieder die iterative Entwicklung und Testung vor Ort mit Schüler*innen und Lehrer*innen. Dies fiel dieses Jahr wegen der Corona-Epidemie besonders schwer.

Screenshot eines diagnostischen Tests zu Pronomen auf itslearning (Quelle: Karsten D. Wolf)

 

 

„Nachdem wir die zwei-semestrige Veranstaltung im Winter noch regulär durchführen konnten, mussten wir das Projekt Anfang des Sommersemesters komplett von einer Präsenzveranstaltung auf eine über Videokonferenzen und Lernmanagementsysteme betreute virtuelle Veranstaltungen umstellen.“, berichtet Prof. Wolf.

Gearbeitet, entwickelt und reflektiert wurde in wöchentlichen Videokonferenzen mit der Seminargruppe bzw. individuell in den neun Projektgruppen, die sich auf die thematischen Schwerpunkte für Mathematik und Deutsch verteilten. In Mathematik wurden Einheiten für die vier Grundrechenarten entwickelt. Im Fach Deutsch ging es um Artikel, Präpositionen, Nomen, Adjektive, Verben und Pronomen. Den Studierenden wurde vom Zentrum für Medien am Landesinstitut für Schule der Zugang zu itslearning ermöglicht, wodurch auch vorhandene Schulungsangebote zur Bedienung von itslearning durch die Studierenden genutzt wurden. Besonders hilfreich waren aber auch die Praxistipps der Lehrenden aus der Schule, die in eigen produzierten Tutorials typische Einsatzszenarien demonstrierten.

Screenshot eines Lehrtexts zu Deklinationstypen (Quelle: Karsten D. Wolf)

 

 

Für die Studierenden war die digitale Zusammenarbeit eine Herausforderung, die über eine Kombination aus Nutzung der Lernplattform der Universität (stud.ip), sozialen Medien wie WhatsApp sowie der Schulplattform itslearning gelöst wurde. So konnten die Studierenden in dem Seminar auf theoretischen Grundlagen basierend praktische Gestaltungserfahrung sammeln, welche einen nachhaltigen Beitrag zur digitalen Förderung von Schüler*innen in Bremen leisten soll.

„Es war sehr viel Arbeit, die digitalen Medien auf Basis medien- und fachdidaktischer Grundlagen fortlaufend zu entwickeln. Aber es hat uns auch sehr viel Spaß gemacht und ich denke, dass uns das Seminar ziemlich viel für unsere digitale Zukunft in der Schule gebracht hat.“, fasst Roman Uebachs die Erfahrung seiner Gruppe „Schriftliche Subtraktion“ zusammen.

Screenshots aus zwei von den Studierenden unterschiedlich gestalteten Erklärvideos zur Addition und Multiplikation (Quelle: Karsten D. Wolf)

Trotz der aktuell beschränkten Zugangsmöglichkeiten konnten die iterativ entwickelten Lernpfade betreut durch die Lehrerinnen in Form einer Live-Erprobung an der Schule eingesetzt werden. An drei aufeinanderfolgenden Schultagen testeten Schüler*innen die erstellten Materialien und gaben wichtige Rückmeldungen zur Verständlichkeit, zur Funktionalität und nicht zuletzt zur Akzeptanz. Dabei kamen auch andere Lehrende in der Projektschule in Kontakt mit dem Projekt.

„Das Interesse bei unseren Kolleg*innen an itslearning ist durch das Projekt definitiv gewachsen.“, berichtet Ina Schäfer, „Ganz konkret die vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten sowie die Konzentration der Schüler*innen mitzuerleben war sehr überzeugend!“.

 

 

 

Screenshot unterschiedlicher Übungsformate in Mathematik (Klecksaufgabe, Rechenmauern) in einem Lernpfad in itslearning (Quelle: Karsten D. Wolf)

Die Ergebnisse der Studierenden kamen nicht nur bei den Schüler*innen an. „Ich bin sehr begeistert von dem Engagement der Studierenden,“ betont die Schulleiterin Monika Steinhauer, „das Material ist sehr abwechslungsreich und umfassend geworden!“.

Die Studierenden erfassten systematisch die grundlegenden Inhalte der entsprechenden Bildungspläne und stellten entsprechende Übungen und Erklärungen auf itslearning bereit. Dafür produzierten sie eigene Erklärvideos, Testaufgaben sowie auch ein interaktives Videoabenteuer, in dem viel subtrahiert werden muss. Neben den mediendidaktischen Überlegungen spielten hier auch fachdidaktische Kenntnisse zur pädagogischen Förderdiagnostik eine wichtige Rolle.

Screenshot aus einem von den Studierenden im Interaktions-Standard H5P implementierten interaktiven Video-Lernabenteuer (Quelle: Karsten D. Wolf)

 

 

Screenshot einer interaktiven Aufgabe innerhalb des Video-Lernabenteuers (Quelle: Karsten D. Wolf)
Screenshot einer interaktiven Abfrage innerhalb des Hypervideo-Formates (Quelle: Karsten D. Wolf).

 

Nächste Schritte

Aktuell reflektieren die Studierenden noch die Rückmeldungen der Schüler*innen aus dem Praxistext und überarbeiten ihre Materialen, die Ende September abgegeben werden. Neben Anregungen zur weiteren Verbesserung wurden auch technische Probleme aufgedeckt, wenn z.B. die itslearning App bei der Darstellung von Lernpfaden auf dem iPad Probleme machte. Die dabei entstandenen Fehlerberichte werden an den Hersteller von itslearning weitergereicht.

„Im nächsten Durchgang werden wir uns nun neben der weiteren Verfeinerung der digitalen Inhalte vor allem mit der didaktischen Einbindung in hybride Lernsettings beschäftigen, bei der jetzt ja alle Schüler*innen eigene Tablets haben.“, ergänzt Prof. Wolf. Dann sollen die Materialien auch über die Schule hinaus für eine weitere gemeinsame Entwicklung freigegeben werden und im Rahmen partizipativer Fortbildungsveranstaltungen wie z.B. dem Bremer BildungsBarcamp vorgestellt werden.

 

 

Preview #08: Mit Erklärvideos mehr Zeit für das Unterrichten gewinnen?

OK, ich glaube wir sind uns einig – wir möchten alle auch wieder LIVE und Face-to-Face unterrichten! Aber vielleicht könnte man ja einige positive Erfahrungen aus dem Corona-Lockdown mit in die F2F-Unterrichtssituation rüberretten.

Und da bietet sich natürlich das Flipped-Classroom-Konzept an (es gibt übrigens ein tolles Buch zum Flipped Classroom Konzept „Flipped Classroom – Zeit für Deinen Unterricht“ hrsg. von Julia Werner, Christian Ebel, Christian Spannagel und Stephan Bayer – das kostet beim Bertelsmann Verlag 25€, aber beim Christian kriegt ihr es für lau).


So, nachdem ihr eben 25€ gespart habt und immer noch weiterlest: wieso solltet Ihr jetzt diese gesparten 25€ direkt in UNSER Buch investieren? 🙂 Also zunächst ist ja unser Erklärvideobuch sozusagen das Pendant zu dem Flipped Classroom Buch nur zu Erklärvideos. Deshalb setzen wir uns in diesem Kapitel speziell mit dem Aspekt der Videogestaltung und des Videoeinsatzes im Flipped Classroom auseinander.

Wir beginnen mit einem Interview mit Jon Bergman von flglobal.org – zusammen mit Aaron Sams wird der als Begründer und Pionier des Flipped-Classroom Konzepts angesehen! Der räumt dann im Interview auch gleich mal mit dem Vorurteil auf, dass man Flipped-Classroom immer mit Erklärvideos macht.

„Viele Lehrende flippen auch mit Texten. So nutzt z. B. Eric Mazur in Harvard die Plattform Perusall, auf der Studierende gemeinsam Texte als Vorbereitung auf den Unterricht lesen und dabei sozial miteinander interagieren. Das ist ein wichtiges Element des Flipped Learnings, die Vorbereitung in einem sozialen Kontext zu gestalten. Die Studierenden bereiten sich also nicht nur individuell darauf vor, sondern innerhalb eines sogenannten Social-Reading-Prozesses. Online wird gemeinsam gelesen und sich dabei intensiv über die Inhalte des Textes ausgetauscht. Das ist ein sehr starkes Konzept für den Flipped Classroom.“ – Jon Bergman

Wir sprechen weiter über Flipped Learning 3.0 sowie über „ideale“ Erklärvideos für den umgedrehten Klassenraum.

Um danach überhaupt noch relevanten Inhalt zu haben, führte ich ein ausführliches Interview mit Christian Spannagel, dem dunklen Lord des Flipped Classrooms. Wir sprechen über die Qualität von Erklärvideos und wie man sie besser macht, ob es Grenzen dafür gibt, was man mit Erklärvideos erklären kann (Fazit: sehr viel weniger als die Verteidiger der Buchkultur so meinen), ob man zu allen Erklärvideos thematische Übungsplattformen bereitstellen könnte (Antwort: Nein) sowie wie man eigentlich Schülerinnen und Schüler dazu bringt, sich auf den Flipped Classroom vorzubereiten:

„Beispielsweise kommen Schüler/innen in die Schule und sind nicht vorbereitet, sie haben die Hausaufgabe nicht gemacht. Dann könnte ich das natürlich genauso sanktionieren, wie ich das bei anderen nicht gemachten Hausaufgaben machen würde. Speziell im Flipped Classroom kann ich aber so vorgehen, dass die Schülerin/der Schüler…“ – Christian Spannagel

…hey, das nennt man einen Cliff-Hanger! OK, es gibt noch zwei Sätze 🙂

„…sich das Video an einem Rechner in der Ecke oder auf einem Tablet erstmal anschauen muss, während die anderen schon an den Aufgaben arbeiten. Und anschließend kommt sie/er zu mir und erklärt mir als Lehrkraft im Zweiergespräch, was er gerade im Video gesehen hat. Und das ist eine Situation, die eigentlich kein/e Schüler/in haben will.“ – Christian Spannagel

Und da das Kapitel schon so gut angefangen hat, haben wir noch mehr Flipped Classroom Schwergewichte im Buch. Sebastian Schmidt von flippedmathe.de spricht über seine ersten Schritte mit der Methode, seinen Erfahrungen und was er in den letzten Jahren in der Schulpraxis dazu gelernt hat:

„In meinem ersten Versuch ließ ich das Video frontal in der Klasse ablaufen. (…) Auch mein zweiter Versuch, alle Schüler/innen am eigenen Gerät im eigenen Tempo das Video ansehen zu lassen, war aus denselben Gründen wenig hilfreich. (…) Im dritten Anlauf konzipierte ich dann wieder meine normalen Unterrichtsstunden und setzte das Video nur am Nachmittag zur Nachbereitung und zum Erstellen eines Hefteintrages ein. Dann hörte ich vom Flipped Classroom und setzte das Video nun auch zur Vorbereitung ein. Das sind vier Ansätze, und wie ich heute weiß, vier falsche Ansätze, denn ich versuchte einen Platz für mein Video in meinem Unterricht zu finden und konzipierte meine Unterrichtsstunden um das Video herum.“ – Sebastian Schmidt

Heute setzt er Videos so ein, das möglichst viel Zeit für mehr Kommunikation, kritisches Denken, Kreativität und Kollaboration didaktisch „freigeschaufelt“ wird. Dazu gib er neben vielen Erfahrungen auch Tipps zur technischen Umsetzung.

Und dann haben wir noch Felix Thein und Carsten Fähnrich interviewt, welche nicht für den Ernst Klett Verlag Erklärfilme herstellen, sondern auch eine eigene App Taschenlehrer auf dem Markt haben. Die beiden beschreiben ein phasenorientiertes Konzept der Nutzung von Erklärvideos im Flipped Classroom sowie die Nutzung von Übungsaufgaben passend zu den Videos zur Aktivierung der Schülerinnen und Schüler.

Mein eigenes Fazit: ich hab noch was dazugelernt 🙂

Alles im Detail ab sofort nachzulesen:

[Verlagsinfos | Bestellen]

Preview #07: Alle Beiträge, alle Autorinnen und Autoren…

Falls Ihr Euch fragt: ist da was für mich dabei in dem Buch, dann könnt ihr Euch hier ausführlich anschauen, wer im Buch so alles zu Worte kommt. Ich denke, dass wir eine gute Mischung von bekannten Stimmen aus der Erklärvideo-Szene zusammenbekommen haben inkl. einiger echter exklusiven Interviews, wie z.B. dem „Vater“ der Erklärvideos Lee LeFevre.

Hier also das ausführliche Inhaltsverzeichnis (welches hier sogar ausführlicher als im Buch selbst ist!):

Wie verändern Erkärvideos Bildungsprozesse? – Die neue Erklär- und Lernkultur / Stephan Dorgerloh & Karsten D. Wolf (7-11)
2 Früher Bildungsfernsehen, heute YouTube? – Erklärvideos als modernes Bildungsformat

2.1 Zur Geschichte des Bildungsfernsehens – Entwicklungen, Hoffnungen und Einschätzungen aus heutiger Sicht / Gerhard Tulodziecki (12-17)

2.2 Sind Erklärvideos das bessere Bildungsfernsehen? / Karsten D. Wolf (17-24)

2.3 Bildungsfernsehen und Erklärvideos erfolgreich gestalten – Interviews mit den Produzierenden

Mit Wissenschaft ins HauptprogrammJoachim Bublath im Gespräch mit Karsten D. Wolf (25-26)

Veritasium: eine neue Generation des Wissenschaftsfernsehens auf YouTube / Derek Muller im Gespräch mit Karsten D. Wolf (27-31)

Unorthodoxes Erklären: der Mathe-Rapper DorFuchs / Johann Carl Beurich im Gespräch mit Karsten D. Wolf (32-34)

Als Lehrer auf YouTubeKai Schmidt im Gespräch mit Karsten D. Wolf (34-38)

Der SimpleClub: effiziente Vorbereitung auf die Klassenarbeit oder modernes Lernwerkzeug? / Alex Giesecke im Gespräch mit Karsten D. Wolf (38-41)

Erklärvideos auf die leise Art: das Format musstewissen auf Funk / Nicole Valenzuela im Gespräch mit Karsten D. Wolf (42-45)

3 Informelles lernen mit Erklärvideos aus wissenschaftlicher Sicht

3.1 Erklärvideos als autodidaktische Lernressource / Karsten D. Wolf (46-48)

3.2 Erklärvideos auf YouTube: Was machen die Rezipierenden aus den Videos? / Katrin Valentin (49-53)

3.3 Ist YouTube das ideale Werkzeug für interessensbasiertes Lernen? / Mizuko Ito im Gespräch mit Karsten D. Wolf (53-56)

3.4 Ist YouTube gut für die Bildung? / Neil Selwyn im Gespräch mit Karsten D. Wolf (56-61)

4 Was sind Kriterien für gute Erklärvideos?

4.1 Zur Lernpsychologie von Erklärvideos: Theoretische Grundlagen / Florian Schmidt-Borcherding (63-70)

4.2 Didaktische Kriterien für gute ErklärvideosChristoph Kulgemeyer (70-75)

4.3 Was macht ein gutes Erklärvideo aus? / Sandra Schön und Martin Ebner (75-80)

4.4 Lessons learned bei der Erstellung von Erklärvideos / Lee LeFever im Gespräch mit Karsten D. Wolf (80-83)

4.5 Erklärvideos als digitale Vertretungslehrkraft? Lernplattformen müssen mehr als Erklärvideos bieten! / Stephan Beyer im Gespräch mit Stephan Dorgerloh (83-86)

5 Mit Erklärvideos unterrichten? – Erfahrungsberichte aus der Schulpraxis

5.1 Erklärvideos in Grundschulen

5.1.1 Lernvideos schon in der Grundschule? Erkenntnisse aus einem praxisnahen Forschungsprojekt / Thomas Seidel (88-93)

5.1.2 Erzähl-, Lese- und Schreibkompetenz fördern durch kreative Medienarbeit mit dem iPad / Michael Lund & Jennifer Reiske (93-98)

5.2 Erklärvideos in Sekundarschulen

5.2.1 Implementation von (Lern-)Videos am Beispiel der Alemannen Gemeinschaftsschule WutöschingenJohannes Zylka (98-104)

5.2.2 Lernvideos in Mathematik und Latein am Klaus-Groth-Gymnasium / Jörg Jesper und Konstantin Eggert (105-107)

5.3 Erklärvideos in der beruflichen BildungSimone Manz-Matthiesen (108-109)

5.4 Einsatz von Erklärvideos in besonderen Schulsettings

5.4.1 Selbstgedrehtes und Trainingslager: Lernvideos in der SportschuleKerstin Paul (110-112)

5.4.2 Trotz langer Abwesenheit mit Lernvideos und Lernplattform zum KlassenzielAlexandra Kück (113)

5.5 Video kann mehr – weitere unterrichtsbezogene Einsatzmöglichkeiten von Erklärvideos / Felix Thein & Carsten Fähnrich (114-116)

6 Mehr Zeit für den Unterricht gewinnen? – Videoeinsatz am Beispiel des Flipped-Classroom-Konzepts

6.1 Quo Vadis Flipped Classroom? / Jon Bergman im Gespräch mit Karsten D. Wolf (118-120)

6.2 Erklärvideos als Vorbereitung für soziale Interaktion im KlassenraumChristian Spannagel im Gespräch mit Karsten D. Wolf (121-126)

6.3 Aus der Praxis: Beispiele für funktionierendes Flippen mit Erklärvideos

6.3.1 Flipped Classroom – mit Videos besser unterrichten? / Sebastian Schmidt (127-130)

6.3.2 Den Unterricht auf den Kopf stellen? Mit Flipped Classroom Zeit gewinnen und Gelehrtes vertiefenMarkus Christian (130-132)

6.3.3 Flipped MatheFelix Thein & Carsten Fähnrich (132-137)

7 Wie Erklärvideos und Lehrfilme bereitstellen? – Eine Vorstellung aktueller Angebote

7.1 Zwischen OER-Dienstleister und Bildungs-Netflix: Das Institut für Film- und Bild in Wissenschaft und Unterricht (FWU) / Michael Frost im Gespräch mit Karsten D. Wolf (139-143)

7.2 Der richtige Film zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Von der Bildstelle zum Medienportal emuTUBE / Paul D. Bartsch (143-150)

7.3 mebis macht Bildung digital /Franziska Hübler, Simon Leicht, Iris Luber, Thomas Ludwig, Wolfgang Plank & Thomas Ströse (150-157)

7.4 Andere Länder, andere Formate / Stephan Dorgerloh (157-160)

8 Mehr Erklärvideos in die Lehrerbildung! / Stephan Dorgerloh & Karsten D. Wolf (161-163)

8.1 Lernen durch Erstellen von Stop-Motion-Videos – Strategien aus dem naturwissenschaftlichen UnterrichtMoritz Krause & Ingo Eilks (163-170)

8.2 Lernvideos in der LehrerbildungBjörn Nolte (170-178)

8.3 Videos in der Aus- und Fortbildung von LateinlehrkräftenUlf Jesper (179-181)

8.4 Lehrer/innenfortbildung per Videoplattform – der Teaching Channel / George Lichter im Gespräch mit Karsten D. Wolf (182-185)

9 Fazit und zehn bildungspolitische Forderungen / Karsten D. Wolf & Stephan Dorgerloh (186-189)

Mein eigenes Fazit: ich find es selbst nach dem Lektoratsprozess spannend 🙂

Alles im Detail ab sofort nachzulesen:

[Verlagsinfos | Bestellen]

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Preview #06: Ideen zum Erklärvideoeinsatz in der Schule

Im Buch „Lehren und Lernen mit Tutorials und Erklärvideos„, herausgegeben von Stephan Dorgerloh und mir beim BELTZ Verlag, haben wir ein umfangreiches Kapitel der Frage gewidmet, welche praxiserprobten Konzepte es gibt bei der Nutzung von Erklärvideos im Unterricht. Nicht zur in Zeiten eines remote-betreuten Homeschoolings wichtig, weil viele der Konzepte natürlich auch gerade im Unterricht eingesetzt werden, aber auf alle Fälle spannend zu lesen.

Mit Erklärvideos unterrichten? Erfahrungsberichte aus der Schulepraxis

In diesem Kapitel haben wir uns Projekte entlang der gesamten Bildungskette ab der Primarstufe angeschaut. Stephan Dorgerloh schreibt in der Einleitung

„Bei den ausgewählten Berichten aus der Praxis war es wichtig, dass wir nicht nur offen den Entwicklungsprozess beim Einsatz von Lernvideos nachvollziehen können, sondern auch, dass deutlich wird, dass mit Videos auch dann erfolgreich gearbeitet wird, wenn die technischen Rahmenbedingungen noch nicht besonders gut sind. Immer wieder hören wir von Lehrkräften, dass es darauf ankommt, nicht zu warten, sondern zu starten, den eigenen didaktischen Werkzeugkasten zu erweitern und die neuen Möglichkeiten, die Erklärvideos bieten, auszuprobieren, sich weiterzubilden und mit erfahrenen Lehrkräften auszutauschen.“ – Stephan Dorgerloh

Erklärvideos in Grundschulen

Thomas Seidel von der Maria-Montessori-Grundschule in Berlin-Tempelhof/Schöneberg – die übrigens auch eine Kinderseite zum Lernen im Internet bereitstellen – berichtet detailliert über die Herausforderungen und Möglichkeiten des Erklärvideo-Einsatzes in Grundschulen. Gerade das eigene Erstellen von Erklärvideos wird als besonders produktiv eingeschätzt

„In den Stunden, in denen die Schüler/innen selbst Erklärvideos erstellten, konnte man eine vielschichtige und vielseitige Auseinandersetzung mit dem Thema des Videos erkennen – weniger mit der Handytechnik! Auch weniger leistungsstarke Kinder brachten sich oft stark ein, einige trafen sich zu Hause und arbeiten dort weiter. Auch beim Ansehen von Erklärvideos im Unterricht war eigentlich immer Neugier und Interesse dabei.“ – Thomas Seidel

Schülerinnen und Schülern einfach Listen mit Erklärvideos schicken – davon rät Thomas Seidel ab

„Erklärvideos für das eigene Lernen zu nutzen erfordert ein recht hohes Kompetenzniveau: Videos finden, planvoll ansehen, Player bedienen (pausieren, spulen etc.), Inhalte erschließen, und entscheiden, ob es wirklich relevant für die eigene Fragestellung ist. Hier kann und muss die Schule unterstützen.“ – Thomas Seidel

Die Website von Thomas Seidel mit mehr Informationen zum Thema findet sich unter https://www.schuleundcomputer.de/flipped-classroom-erklaervideos.

Trickfilme erstellen 1v4 - Projekt Let's tell stories DMI

Weitere Materialien für Projekte an der Grundschule finden sich bei meiner Kollegin Jenny Reiske, die zusammen mit Michael Lund Tutorials, Handbücher und Plakate zum Produzieren von Trickfilmen und Hörbüchern erstellt hat.

Erklärvideos in Sekundarschulen

Die Alemannenschule Wutöschingen wurde 2019 mit einem zweiten Platz beim Deutschen Schulpreis ausgezeichnet. Johannes Zylka berichtet, wie eigenproduzierte Erklärvideos (von Lehrer/innen als auch von Schüler/innen) mit der Digitalen Lernumgebung DiLer für das selbstorganisierte Lernen genutzt werden. So bedarf es beispielsweise im Fach Mathematik in Klassenstufe 8 für die 8 Kompetenzbereiche auf jeweils 3 Niveaus 24 unterschiedliche (Video-)Inputs. Das ist herkömmlich kaum zu lösen – also benötigt man neben Eigenproduktion auch Materialaustausch – alles organisiert über das OER-Materialnetzwerk.org (beispielhaft hier ein Lernpaket Zinsrechnung).

„Videos können im Alltag einer individualisierten Lernumgebung als ein Element eine wichtige Rolle einnehmen, da diese stets verfügbare Inhalte anbieten und so die Lehrkräfte entlasten können. Die Wirksamkeit der Videos hängt dabei sowohl von der Qualität (technische und inhaltliche Aufbereitung, Länge) als auch insbesondere von der didaktischen Einbettung des Videos ab.“ – Johannes Zylka

Überhaupt ist das Thema „Erklärvideos im Unterricht einsetzen“ mittlerweile ein wichtiges Thema für viele Schulen geworden. Jörg Jesper berichtet aus der Schulleitungsebene, wie Erklärvideos an der Klaus-Groth-Schule in Neumünster erfolgreich pilotiert wurden. So produziert Konstantin Eggert (nicht nur) für seine eigenen Schüler Erklärvideos zum Thema – manche werden es nicht glauben – Lateinunterricht!

Unter dem Namem Magister Digitalis werden hier Erklärvideos angeboten, welche mit H5P-Interaktionen zum gleichzeitigen Üben anleiten.

Didaktisch wird das im Sinne des Flipped-Classroom-Ansatzes genutzt – und zwar durch Fokussierung auf das Üben im Unterricht – denn da ist die Unterstützung durch den Lehrenden besonders wertvoll.

Weitere Einsatzszenarien

Es folgen einige Beschreibungen zum Einsatz von Erklärvideos in der beruflichen Bildung sowie zur Kompensation von Fehlzeiten. Abschließend systematisieren Felix Thein und Carsten Fähnrich vom Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium in Durmersheim noch einmal vier unterrichtsbezogene Einsatzmöglichkeiten von Erklärvideos.

Sicherungsaufschrieb: per Explain Everything wird ein Video aufgenommen, welche die Schülerinnen und Schüler zuhause als Sicherungsaufschrieb in ihr Heft übernehmen

Differenzieren: nach einem Einstufungstest können in Übungsphasen Schülerinnen und Schüler unterschiedliche Aufgaben mit entsprechenden Erklärvideos zur Verfügung gestellt werden – ein. Erklären „von allem für alle“ entfällt, man arbeitet dort los, wo man steht.

Individuelles Feedback: per Explain Everything kurze Videofeedbacks zu Fehlern in Hausarbeiten produzieren – geht schneller als schriftliche Kommentare und sind besser verständlich!

Lernen durch Lehren: alternativ zu einem Referat kann ein Erklärvideo produziert werden.

Alles im Detail ab dem 8. April ab sofort nachzulesen:

[Verlagsinfos | Bestellen]

Preview #05: Was macht eigentlich ein gutes Erklärvideo aus?

Erklärvideos und Videotutorials sind praktisch, wenn man im Moment eine Erklärung braucht, wie etwas funktioniert oder wie man etwas macht. Woran macht man nun aber die Qualität solcher Videos fest? In unserem Buch haben wir dazu einige Experten/innen zu Wort kommen lassen.

Zur Lernpsychologie von Erklärvideos

Prof. Florian Schmidt-Borcherding leitet das Arbeitsgebiet „Empirische Lehr-Lern-Forschung und Pädagogische Psychologie“ an der Universität Bremen stellt in seinem Beitrag die Frage, ob Videos das Lernen aus Texten gleichwertig ersetzen bzw. sogar besser sein können? Alle, die sich mal kompakt den aktuellen Theoriestand vergegenwärtigen wollen, wird hier geholfen. Zunächst die Theorie der Dualen Kodierung beim Lernen aus Texten

„…es geht in der Regel immer um eine Ergänzung sprachlich-symbolischer Information durch Visualisierungen, nicht darum, den Text durch Bilder zu ersetzen! Zwar wird gerne das chinesische Sprichwort zitiert, nach dem ein Bild mehr wert sei als tausend Worte (…). Im Sinne der Theorie der dualen Kodierung ist ein Bild aber nur dann etwas wert, wenn es auch mit (tausend) Worten erklärt wird.“ – Florian Schmidt-Borcherding

Dann gilt es die Kognitive Theorie Multimedialen Lernens (KTML) zu berücksichtigen, demnach

„…sollten alle Maßnahmen positiv sein, die die gleichzeitige Organisation und Integration zusammengehöriger sprachlicher und bildlicher (also: multimedialer) Informationen unterstützen bzw. die (sensorischen) Kosten der Selektion multimedialer Informationen niedrig halten: Die Nähe zwischen geschriebenem Text und Abbildungen (räumliches Kontiguitätsprinzip), die gleichzeitige Darbietung von (geschriebenem oder gesprochenem) Text mit zugehörigen Abbildungen (zeitliches Kontiguitätsprinzip), die Nutzung (sprachlicher und/oder visueller) Hinweisreize für die Verknüpfung sprachlicher und bildlicher Informationen (Signalisierungsprinzip) und das Weglassen von unnötigen Informationen (Kohärenzprinzip).“ – Florian Schmidt-Borcherding

Wenn man nun das Lernen aus Texten mit dem Lernen aus Erklärvideos vergleicht, sind nach Florian Schmidt-Borcherding fünf Aspekte von Bedeutung:

(1) die Möglichkeiten und Grenzen statischer und dynamischer Visualisierungen
(2) die Komplexität der Verknüpfungen von sprachlichen und visuellen Informationen
(3) die Flüchtigkeit von dynamischen Informationen (beim Anschauen von Videos)
(4) die Anwendung von Lernstrategien beim Lesen vs. Zuschauen
(5) individuelle Unterschiede der Lernenden

Alles wunderbar zugänglich nachzulesen, wirklich ein tolles Beispiel für verständliche Wissenschaftskommunikation mit hohem Transferpotential.

Didaktische Kriterien für gute Erklärvideos

Ebenfalls an der Universität Bremen forscht der habilitierte Physik- und Deutschlehrer Christoph Kulgemeyer als Privatdozent am Institut für Didaktik der Naturwissenschaften zu Erklärporzessen im naturwissenschaftlichen Unterricht. Er stellt in unserem Buch den unserer Kenntnis nach einzigen empirisch validierten Kriterienkatalog für die didaktische Qualität von (natur-)wissenschaftlichen Erklärvideos.

Christoph Kulgemeyer beschreibt in dem Beitrag 14 Kriterien für die didaktische Gestaltung von Erklärvideos: Adaption an Vorwissen, Fehlvorstellungen und Interesse; Einbindung von Beispielen; Nutzung von Analogien und Modellen; Veranschaulichung durch Darstellungsformen und Experimenten; Anpassung der Sprachebene; Anpassung des Mathematisierungsgrads; Prompts zu relevanten Inhalten; Direkte Ansprache der Adressaten; Regel-Beispiele für Fachwissen und Beispiel-Regel für das Lernen von Routinen; Zusammenfassungen geben; Exkurse vermeiden; Hohe Kohärenz des Gesagten; nur neue Prinzipien erklären, welche zu komplex für die Selbsterklärung sind; Anschließende Lernaufgaben.

Wenn man sich das im Detail durchliest, wird einem schnell klar, dass die Adaption an das Gegenüber beim Erklären mit die wichtigste Rolle für das Verstehen spielt. Das kann ich natürlich im Erklärvideo (= Aufnahme; keine direkte Interaktion) gerade nicht leisten. Die Rezipienten müssen also die passenden Videos selbst auswählen (siehe auch meine These der selbstselektierenden Adressatenschaft dazu) – allerdings können dabei Probleme entstehen:

„Schüler/innen wissen natürlich, welches Video sie mögen – aber das ist nicht unbedingt das Video, das eine fachlich richtige oder individuell angemessene Erklärung für sie beinhaltet. In der Literatur ist die »Verstehensillusion« als wichtige Hürde beschrieben worden (z. B. Chi/Bassok/Lewis/ Reimann/Glaser 1989). Das bedeutet: Manchmal glaubt man, etwas verstanden zu haben, merkt aber, wenn man das Wissen verwenden soll, dass das gar nicht der Fall ist. Schüler/innen brechen mit einer hohen Wahrscheinlichkeit aber die Suche nach einem guten Video ab, wenn sie glauben, etwas verstanden zu haben – auch wenn das nicht der Fall ist.“ – Christoph Kulgemeyer

Was macht ein gutes Erklärvideo aus?

Dr. Sandra Schön und Univ.-Doz. Dr. Martin Ebner von der TU Graz haben ja die wirklich gelungen Praxis-Handreichung „Gute Lernvideos …so gelingen Web-Videos zum Lernen!“ veröffentlicht. In ihrem Beitrag stellen sie kompakt die wichtigsten Formate sowie „Kniffe“ zur Produktion von Erklärvideos zusammen. Hilfreich ist auch ihre Ideensammlung für das Erstellen eines Lernvideos:

Lessons Learned bei der Erstellung von Erklärvideos

Ein weiteres Highlight ist mein Interview mit Lee LeFever, dem Gründer der Firma Common Craft, die am 30.05.2007 mit dem Video „Wiki in Plain English“ mein Interesse an Erklärvideos begründet haben.

Im Jahr 2013 hat Lee seine „Lessons learned“ in zehn Punkten zusammengefasst (nachzulesen in dem Buch The Art of Explanation):

(1) das Erklärziel früh zu nennen; (2) ein Problem zu lösen; (3) sich kurz zu fassen; (4) visuelle und auditive Ablenkung (»noise«) zu minimieren; (5) Visualisierungen zu nutzen; (6) Perfektionismus zu vermeiden; (7) langsam zu erklären; (8) zeitlose Beispiele zu wählen; (9) barrierefrei zu präsentieren und schließlich (10) Spaß zu haben! – Lee LeFever von Common Craft

In dem Interview unterhalten wir uns über darüber hinausgehende Erkenntnisse von Lee bei der Produktion von Erklärvideos seit Erscheinen des Buches. Einen ganz wichtigen Tipp, den ich zwar auch immer gebe, aber jetzt kommt er ja vom Meister persönlich:

„Deshalb ermuntere ich die Menschen, das Erklären zu üben, indem sie ein Skript für ein Video schreiben. Es kommt gar nicht darauf an, ob das Video jemals gedreht wird. Einfach die Ideen zu durchdenken und sie in einem Skript aufzuschreiben ist aufschlussreich und hilfreich. Es zwingt einen zu analysieren, was man weiß und was man nicht weiß über das Thema.“ – Lee LeFever

Alles im Detail ab dem 8. April nachzulesen:

[Verlagsinfos | Bestellen]

Preview #04: Kritische Reflektion von YouTube als Bildungsraum mit Mimi Ito und Neil Selwyn

Ist YouTube das ideale Werkzeug für interessenesbasiertes Lernen?

Prof. Mizuko (Mimi) Ito ist Kulturanthropologin am Humanities Research Center der University of California in Irvine, USA. In dem Buch „Hanging out, Messing Around, and Geeking Out“ (Open Access) beschreibt sie mit Kolleginnen, wie Jugendliche heute außerhalb formaler Bildungssysteme mit digitalen Medien lernen.

In meinem Interview mit ihr weist sie eindringlich darauf hin, dass der Digital Divide nicht durch einen bloßen digitalen Zugang aufgehoben wird:

„Lernen mit Onlinevideos ist ein mögliches Medium, um die Lernmöglichkeiten von Jugendlichen mit einem niedrigen Bildungshintergrund zu erweitern. Allerdings nur, wenn es Unterstützungsangebote, Lerngemeinschaften und Kontexte gibt, welche das aktive Lernen unterstützen. Die Forschung macht sehr klar, dass es nicht ausreicht, freie Online-Ressourcen bereitzustellen. Junge Menschen brauchen Gründe und auch Unterstützung, um sich mit Themen auseinanderzusetzen, welche ihnen fremd sind. Die Forschungsevidenz wächst, dass es gerade die bereits hochgebildeten und ökonomisch privilegierten Lernenden sind, welche die freien und offenen Bildungsressourcen nutzen, nicht aber die weniger privilegierten Jugendlichen.“ – Mimi Ito

Mimi Ito sieht enorme Potentiale auch in kommerziellen Platformen wie YouTube, erläutert aber in dem Interview, welche Probleme die starke Kommerzialisierung dieser Plattformen mit sich bringen. Schließlich sind es in vielen Subkulturen ganz andere Plattformen, in denen sich online das Lernen abspielt.

Ist YouTube gut für die Bildung?

Ein weiteres Highlight (ok, es waren viele Highlights in dem Buch für mich) war es, mit Prof. Neil Selwyn von der University Monash in Melbourne, Australien über Erklärvideos auf YouTube zu sprechen. Neil ist bekannt für seinen kritischen Blick auf Bildungstechnologien – was man anhand der Titel seiner Bücher unproblematisch erkennen kann:

             

In dem Interview erörtere ich mit Neil, inwieweit die Liste der Suchresultate auf YouTube eine Art algorithmisches Curriculum darstellen und ob nicht die YouTube Algorithmen eher kommerziell als bildungsorientiert sind und welche Anforderungen das an die Benutzer/innen stellt:

„Sicherlich sind einige Nutzer/innen so versiert, dass sie die Logik hinter solch einem System durchschauen und zwischen echten bzw. hilfreichen Suchergebnissen und von Werbepartnern hervorgehobenen Suchergebnissen unterscheiden. Andere Nutzer/innen aber auch gerade nicht. Das wäre sicherlich auch eine wichtige Aufgabe für die Medienbildung, aber das würde m.E. das Problem auch nur wieder den Individuen aufbürden. Ich denke, dass es Aufgabe der Plattformen sein sollte, da transparenter zu agieren. Hier sollten YouTube, Amazon und Co. im öffentlichen Interesse agieren.“ – Neil Selwyn

Im weiteren Verlauf des Interviews frage ich Neil Selwyn nach einer möglichen YouTube-Logik für die Produktion von Videoinhalten und ob diese dem eigentlichen Bildungsanspruch zuwiderlaufen:

„Ich behaupte nicht, dass das [die Videologiken] die verfolgten Bildungsziele beschädigt, aber es lenkt von speziellen Arten des Lernens, des Wissens und der Kommunikation ab. Alles in allem ist YouTube sehr vielfältig – genauso, wie wir online die Wiedergeburt »langer « (Text-)Artikel mit fünf bis sechstausend Wörtern beobachten, gibt es mittlerweile auch längere Videos, auch weil die Plattformen sie zulassen.“ – Neil Selwyn

Im weiteren Verlauf des Interviews beschäftigen wir uns mit der These, freie Angebote würden zu einer „McDonaldisierung“ der Bildung führen, ob meine und Mimi Itos positive Sicht auf das Geeking Outs (interessenbasiertes vertieftes Lernen) doch zu sozialromantisch ist und schließlich, welche anderen Potenziale er sieht. Für Neil Selwyn zieht er m.E. nach ein recht positives Urteil im Gegensatz zum Bildungsfersehen! Kritische Anmerkungen gibt es dabei neben der Kommentarkultur auch – Achtung Nachhaltigkeit – für den hohen Ressourcenverbrauch von Videostreaming.

Alles im Detail ab dem 8. April nachzulesen:

[Verlagsinfos | Bestellen]

Preview #03: Informelles & selbstbestimmtes Lernen mit Erklärvideos & Tutorials

Erklärvideos und Tutorials spielen natürlich nicht nur beim schulbezogenen Lernen eine große Rolle. Ich würde sogar behaupten, dass videobasiertes Lernen mit Tutorials und Erklärvideos auch in der Post-Corona Zeit ein zentrales Element von Fort- und Weiterbildungen, aber auch vom informellen interessensgeleiteten Lernen z.B. von Hobbies ist und bleibt (siehe dazu auch ein aktuelles Projekt zum lern- und bildungsbezogenenen außerschulischen Lernen von Jugendlichen). Klar ist natürlich auch, dass die digitalen Medienrepertoires der Zukunft weitaus komplexer sein werden als nur YouTube zu schauen – nachzulesen z.B. in diesem Beitrag von mir und Urszula Wudarski zum informellen Lernen in der DIY und Online-Gaming Szene.

  1. Wolf K.D., Wudarski U. (2018) „Communicative Figurations of Expertization: DIY_MAKER and Multi-Player Online Gaming (MOG) as Cultures of Amateur Learning“. In: Hepp A., Breiter A., Hasebrink U. (eds) Communicative Figurations. Transforming Communications – Studies in Cross-Media Research. Palgrave Macmillan, Cham [Download]

Erklärvideos als autodidaktische Lernressource

Insbesondere das Angebot von Erklärvideos und Tutorials auf YouTube kann als eine audio-visuelle Enzyklopädie verstanden werden, auf der man sich so ziemlich alles per Video erklären lassen kann – mit all den Problemen eines weitgehend ungefilterten und nicht kuratierten Social Media Angebotes. In einer aktuellen Studie DAB-J haben wir gerade eine neue Studie an Schulen in Aachen und Bremen durchgeführt, welche in den ersten Auswertungen die Dominanz von YouTube als Wissenssuchmaschine bei Jugendlichen andeuten. Publikationsergebnisse sind Mitte des Jahres zu erwarten.

Der von vielen kritisierte Wildwuchs auf YouTube mit vielen Angeboten zu den gleichen Themen wird von mir im Buch als eine Form des adressat/innengerechten Bildungsfernsehens interpretiert, es findet ein Akt der Selbstselektion statt, in dem ich mir eine/n Erklärende/n suche, der mir Dinge auf eine Weise oder in einer Art erklärt, die mir persönlich liegt. Auch da gibt es weiter vorne im Buch bereits Warnungen von Florian Schmidt-Borcherding, dass viele Lernende bei Erklärvideos einer Verständnisillusion unterliegen. Beides sind aktuelle Forschungsfragen, welchen wir uns hier im Lab weiter widmen.

Was machen die Rezipierenden aus den Videos?

Katrin Valentin ist eine der wenigen Erziehungswissenschaftlerinnen in Deutschland, die sich in ihrer Forschung mit dem Thema Erklärvideos auseinandersetzen. In ihrem Beitrag fasst sie die Auswertung von 14 telefonischen Leitfadeninterviews mit Personen im Alter zwischen 15 und 64 Jahren zusammen. Sie beschreibt vier Dimensionen der Rezeption:

Pädagogische Dimension: die Nutzung erfolgt überwiegend im Rahmen selbstinitiierter Lernprozesse, Katrin Valentin spricht von „Bedienungsanleitung fürs Leben“

(Para-)Soziale Dimension: bei der Erklärvideonutzung werden persönliche soziale Netze aufgebaut – anstatt von der Großmutter das Stricken zu Lernen baue ich neue soziale Netzwerke über Tutorials auf. Ein ganz wichtiger Impuls für die Jugendarbeit!

Ökonomische Dimension: Videotutorials werden zunehmend für die Vorbereitung von Kaufentscheidungen genutzt. Tatsächlich spricht der interviewte Derek Muller von Veritasium (siehe Preview #02) auch davon, dass er für den Kauf seines Video- und Audio-Equipments überwiegend auf YouTube recherchiert. Das ist natürlich auch den Unternehmen nicht verborgen geblieben, so dass diese nun versuchen, entsprechend gute Video-Reviews – teilweise als versteckte Werbung – zu bekommen bzw. bekannten Reviewern ihre Produkte zu Testzwecken zur Verfügung zu stellen. Das kritisch zu hinterfragen ist eine aktuell wichtige Aufgabe der Medienpädagogik!

Ästhetische Dimension: und schließlich ist aus meiner Sicht ein Traum der Pädagogik in Erfüllung gegangen – Videotutorials schauen macht vielen Menschen Spaß und ist für sie ein ästhetisches Vergnügen. Offen bleibt dabei, ob dann noch gelernt wird. Aber das ist natürlich eine weitere offene Forschungsfrage 🙂

Morgen stelle ich ein paar interessante Erkenntnisse aus den Interviews mit Mimi Ito (UC Irvine, USA) und Neil Selwyn (University Monash, Australien) vor.

Alles im Detail ab dem 8. April nachzulesen:

[Verlagsinfos | Bestellen]

Preview #02: Was machen YouTuber anders als das Bildungsfernsehen?

Das corona-verstärkte Interesse an Erklärvideos und Videotutorials für das Homeschooling führt ja fast zwangsläufig zu der Frage: was machen die YouTuber/innen in ihren Erklärvideos eigentlich anders als das klassische Bildungsfernsehen?

Dazu habe ich verschiedene YouTube-Produzierende interviewt. Hier nun aus den Interviews ein paar Zitate. Die kompletten Interviews kann man in dem Buch „Lehren und Lernen mit Erklärvideos und Videotutorials“ „Lehren und Lernen mit Tutorials und Erklärvideos“ nachlesen, welches am 8. April 2020 beim Beltz Verlag erscheint.

Zunächst habe ich den „Vater“ des deutschen Wissenschaftsfernsehens Joachim Bublath nach den Grenzen der Erklärbarkeit von Wissenschaft im Fernsehen befragt. Der sieht eine Gefahr darin, dass im

„…Trickfilm … alles so klar und deutlich dargestellt (wird) und (auch so) funktioniert. Die Realität im Labor sieht oft anders aus. Der Zuschauerin/dem Zuschauer wird eine andere Welt vorgegaukelt, um ein Basisverständnis zu erreichen. Schon das Atommodell mit den kugeligen Elektronen, die planetenartig um den Kern herumschwirren, ist eine äußerst einfache Verständnishilfe. Quantenmechanisch sind die Elektronen statistisch verschmiert, unterliegen einer bestimmten Aufenthaltswahrscheinlichkeit, die nur noch mit mathematischen Formeln darzustellen ist. Und da kommen natürlich Bedenken auf, wenn im Fernsehen der Eindruck erweckt wird, dass in der Wissenschaft alles so einfach wäre und sich visualisieren ließe. Ab einer bestimmten Verständnisstufe ist das Abstraktionsvermögen des Einzelnen gefragt.“ – Joachim Bublath

Und da kommt nun der Unterschied zu YouTube – während also das Fernsehen die Spartenprogramme der Spartenprogramme nicht bedienen kann, schaffen Videoplattformen wie YouTube genau diese Nische.

This equation will change how you see the world (the logistic map)

Derek Muller (Veritasium) sagt im Interview

„Die BBCs und Netflixes dieser Welt haben natürlich mehr Geld zu Verfügung und können die Sachen schöner und glänzender produzieren, aber sie wollen selten so ins Details gehen, wie man das eben auf YouTube kann. Auf YouTube ist alles ein wenig ungeschliffener, ursprünglicher, man will den Leuten zeigen, wie die Dinge wirklich sind. Ich denke also, dass die Echtheit und Erklärtiefe von YouTube auf Netflix oder in einer TV-Show nicht erreicht werden kann.“ – Derek Muller

Später im Interview beschreibt er noch, wie man aus seiner Sicht gut erklärt. Interessant ist, dass Derek zum Thema „Designing Effective Multimedie for Physics Education“ an der University of Sidney promoviert hat, also die Theorie in die Praxis überführt hat.

Die Ableitung vom Sinus ist der Kosinus (Mathe-Song)

Einer der prominentesten und originellsten YouTube-Erklärer in Deutschland ist Johann Carl Beurich aka DorFuchs, der Mathe-Singer-Songwriter von Hits wie „Die Ableitung vom Sinus ist der Kosinus„. Dieser beschreibt im Interview den Gestaltungsprozess seiner Videos. Besonders wichtig dabei ist:

„Der Prozess geht also von ich kann es irgendwie gut erklären über ich habe alle Erklärwege verstanden hin zu ich hab mir jetzt die Erklärweise, die mir am besten liegt, rausgesucht.“ – DorFuchs

Der eigentlichen Produktion geht also eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema voraus – und das macht die Eigenproduktion von Erklärvideos auch zu solch einer intensiven Lernstrategie.

Seitenhalbierende konstruieren - (Schwerpunkt) | Lehrerschmidt

Aber nicht alle Erklärvideos müssen 100 Stunden oder mehr wie bei DorFuchs in der Produktion in Anspruch nehmen. Kai Schmidt aka LehrerSchmidt hat in 3 Jahren über 1000 Videos produziert – mit einem pragmatischen Produktionsstil:

„Ich bin nicht YouTuber geworden, um YouTuber zu werden, sondern ich bin ein Lehrer, der das seit Ewigkeiten so macht. Ich plane meinen Unterricht jeden Tag aufs Neue, und ich bin irgendwann dazu übergegangen, in der Regel ein oder zwei Aufgaben auf Video aufzunehmen. Für ein Mathevideo benötige ich heute ca. 30 Minuten.“ – Kai Schmidt

Und warum gerade auf YouTube?

„Der Riesenvorteil von YouTube ist – und der Satz ist so abgedroschen wie richtig: Ich hole die Schüler/innen da ab, wo sie sind! Und die hocken momentan den ganzen Tag auf YouTube“. – Kai Schmidt

Schließlich habe ich noch Alex Giesecke von SimpleClub sowie Nicole Valenzuela von öffentlich-rechtlichen Angebot musstewissen interviewt. Auch in den beiden Interviews kann man die große Bandbreite der Erklärvideogestaltung nachvollziehen. Gerade SimpleClub ist ja bekannt für einen eher lässigen Ton, der gerade für die Schüler/innen funktioniert, die frei nach Deichkind in der „Schule nervt“-Fraktion unterwegs sind – Alex Giesecke dazu

„Viele Leute glauben, dass wir Schule ersetzen wollen. Wollen wir aber auf gar keinen Fall. Wir sehen uns nicht als Ersatz für Schule oder ein neues Schulsystem. Sondern immer als Tool, welches man in jedem System einsetzen kann.“ – Alex Giesecke

Alles im Detail ab dem 8. April nachzulesen:

[Verlagsinfos | Bestellen]

Preview #01: Buch zu Erklärvideos und Videotutorials

Durch den aktuellen Corona-Ausnahmezustand ist das Interesse an digitalen Lern- und Vermittlungsformaten in der Schule stark gestiegen. Wie man das machen kann, erklärt z.B. der immer sehens- und lesenswerte Philippe Wampfler auf der YouTube-Playlist DigiFernunterricht.

Und ehrlich: nur 873 Abonnenten? WTF!

Wer sich nun gerne mit dem Themenbereich Erklärvideos und Videotutorials vertieft auseinandersetzen möchte, für den hätte ich da was 🙂

Zusammen mit Stephan Dorgerloh habe ich ein Buch herausgegeben „Lehren und Lernen mit Erklärvideos und Videotutorials“ „Lehren und Lernen mit Tutorials und Erklärvideos“, welches am 8. April 2020 beim Beltz Verlag erscheint.

Ich werde hier nun die nächsten Tage ein paar Previews zu dem Buch veröffentlichen mit ein paar interessanten Zitaten und Einsichten, so dass man sicherlich auch ohne das Buch etwas davon hat.

Was erwartet einen nun in dem Buch?

Grundsätzlich stellen wir in dem Buch die Frage, welche Chancen für positive Veränderungen durch ein (ergänzenden) Einsatz von Erklärvideos und Videotutorials in der Schule, aber auch für das interessensgeleitete Lernen außerhalb der Schule entstehen – und wo die Herausforderungen liegen.  Das Buch dient vor allem Lehrenden, um sich zu dem Themenfeld umfassend zu informieren und eigene Ideen zu entwickeln .

Wer ein gewisses Alter hat, kommt nicht umhin, bei dem großen Erklärvideo-Hype der letzten Jahre an das öffentlich-rechtliche Bildungsfernsehen zu denken. Ich freue mich sehr, dass wir Gerhard Tulodziecki (Universität Paderborn) gewinnen konnten, einen kritischen Blick auf die Geschichte des Bildungsfernsehens zu werfen (Kapitel 2.1). Dabei kommentiert er die zentralen Versprechungen und Hoffnungen des BIldungsfernsehens: (1) Fernsehen bildet; (2) Lehren durch oder mit Fernsehen ist dem herkömmlichen Lehrerunterricht überlegen; (3) Das Fernsehen kann Lehrermangel ausgleichen oder fehlende Lehrerqualifikationen ersetzen; und schließlich (4) Fernsehen führt zu einer Demokratisierung der Bildung. Dieser Rückblick hilft enorm, um eine realistische Sicht auf das Potential von Erklärvideos zu bekommen und nicht die alten Fehler zu machen. Gleichzeitig – und das ist der Inhalt eines von mir verfaßten Kapitels „Sind Erklärvideos das bessere Bildungsfernsehen?“ (Kapitel 2.2) – entwickelt jedes Medienformat eigene Logiken und Formen. So sind Erklärvideos auf YouTube von einer größeren inhaltlichen und gestalterischen Vielfalt geprägt, der Kommunikationsstil ist informeller, und schließlich ist die Autor/innenschaft – in bestimmten Themenfeldern – diverser. Dies kann Erklärvideos zugänglicher für eine breitere Addressatenschaft machen.

Diese Erkenntnisse diskutiere ich dann in Kapitel 2.3 mit verschiedenen Produzierenden, welche ich im nächsten Beitrag vorstellen werde. Als Sneak Peak: Joachim Bublath, Derek Muller (Veritasium), Johann Carl Beurich (DorFuchs), Kai Schmidt (LehrerSchmidt), Alex Giesecke (SimpleClub) sowie Nicole Valenzuela (musstewissen).

[Verlagsinfos | Bestellen]

Interview zum Transferprojekt mit der Oberschule im Park

Folgend eine Kurzversion der Gesprächsrunde

Im September 2019 wurde das Projekt „Gemeinsam lernen durch Erklären mit digitalen Medien“ der Universität und der Oberschule im Park mit dem Innovationspreis der Sieben Faulen ausgezeichnet (mehr dazu erfahren Sie in diesem Video: https://vimeo.com/kdwolf/review/31803…). Im Rahmen des Generationencafés auf dem Open Campus kamen Rektor und Kuratoriumsvorsitzender der Uni-Stiftung, Prof. Dr.-Ing. Bernd Scholz-Reiter, Projektleiter Prof. Karsten D. Wolf der Universität Bremen und die Mathematiklehrerin Sandra Leu von der Oberschule im Park ins Gespräch. Auf Initiative des Mathematikprofessors Heinz-Otto Peitgen war dieses erfolgreiche und innovative Digitalisierungsprojekt zwischen Uni und Schule entstanden. Es wurde mit 25.000 Euro durch die Karin und Heinz-Otto Peitgen- sowie die Iris und Hartmut Jürgens-Stiftung gefördert – zwei Treuhandstiftungen der Universität Bremen. In dem Projekt erarbeiten Mädchen und Jungen der 5. bis 7. Klasse unter anderem Erklärvideos mit Tablets, die sie im Rahmen des Uni-Projekts gestellt bekommen. Unterstützt werden sie dabei von Studierenden der Universität Bremen und ihren Lehrerinnen und Lehrern. Die Erklärvideos seien eine gute didaktische Methode, um Wissen zu vermitteln, so der Medienpädagoge Karsten D. Wolf. Denn „wenn man etwas erklären will, muss man es verstanden haben.“

Lernen digital – neue Chancen für alle Bremer Schüler*innen?