RV07 – Schule wirklich für alle?

Ein zentraler Aspekt der Vorlesung war für mich der Integrationsbegriff nach Feuser. Alle SuS sollen an dem „gemeinsamen Gegenstand“ lernen, jedoch jeder entsprechend seiner individuellen Möglichkeiten (Schwierigkeitsgrad, Umfang etc. werden angepasst). So kann es (theoretisch) gewährleistet werden, dass jeder individuell passend gefördert wird und niemand von dem gemeinsamen Unterricht ausgeschlossen und separiert wird. Die Klasse lernt gemeinsam und bildet eine Gemeinschaft.

Ein weiterer zentraler Aspekt für mich stellt die Definition für den sonderpädagogischen Förderbedarf dar. Dieser sagt – anders, als man vorschnell vermuten kann – nichts über eine Person oder dessen Eigenschaften aus, sondern ist „lediglich“ eine administrative Vereinbarung, in der festgelegt wird, dass dem Kind eine spezielle (individuelle) Förderung in einem bestimmten Bereich zusteht und in welchen Umfang diese Förderung erfolgen soll. Ebenso schließt er keine Entrechtigungen auf höhere Bildungsabschlüsse oder Ähnliches ein.

Den dritten zentralen Aspekt habe ich der Diskussionsrunde entnommen. Hier wurde sich hauptsächlich der Frage angenommen, ob es überhaupt möglich sei, immer und überall Inklusion zu „betreiben“. Die Äußerungen dazu hatten alle den Konsens, dass dies nicht der Fall sei (z.B. Lernen am gleichen Gegenstand sei unter bestimmten Voraussetzungen nicht möglich). Zudem seien Bedingungen wie die personelle Aufstellung ein Hindernis, allen Kindern mit jeweils individuellen Bedürfnissen und Stärken und Schwächen gerecht zu werden.

In meinem bisherigen Studienverlauf hatte ich kaum bis keine Berührungspunkte mit dem Thema Inklusion. Ausschließlich in der Mathematikdidaktik wird die Heterogenität der SuS immer wieder betont, wobei auch hier nur von einer Leistungsheterogenität die Rede ist und andere mögliche Stärken und Schwächen oder auch Einschränkungen nicht weiter thematisiert werden (bzw. worden sind). Es werden Aufgabenformate, bei denen immer am gemeinsamen Gegenstand gearbeitet werden soll, präsentiert, entwickelt, diskutiert und ausprobiert, die natürliche Differenzierung innerhalb der Aufgaben ermöglichen.

In meinem O-Praktikum (in einer vierten Klasse) habe ich zu diesem Thema eine prägnante Situation im Kopf. Ein Mädchen, das erst vor einem Jahr gemeinsam mit seiner Familie aus der Heimat nach Deutschland geflüchtet ist, also auch noch nicht lange zur Schule geht und wenig deutsch spricht, und ein Junge, dem ein Defizit in der geistigen und emotionalen Entwicklung (→ „verhaltensauffällig“) zugeschrieben wurden, hatten eine gemeinsame Förderkraft im Umfang von 15 Std./Woche „zugeteilt“ bekommen. Diese konnte jedoch nie beiden gleichzeitig gerecht werden und zudem war sie in der restlichen Zeit der Woche in anderen Klassen der Schule tätig. Für beide Kinder hatte die zusätzliche „Unterstützung“ leider keine effektive Wirkung. Auf Nachfrage, warum beide Kinder nicht besser und mehr im Schulalltag begleitet werden können, bekam ich die Antwort, dass das finazielle Gründe habe und mehr Stunden nicht genehmigt worden seien. Außerdem läge ein Personalmangel vor.

Daraufhin habe ich mir die Frage gestellt, was man als LehrerIn in dieser Situation am besten machen könnte. Wie kann man unter den Voraussetzungen den beiden Kindern gerecht werden, ohne dabei jedoch die anderen Kinder aus den Augen zu verlieren?

Ein Gedanke zu „RV07 – Schule wirklich für alle?“

  1. Hallo Laura, zunächst vielen Dank für deinen detaillierten Beitrag!
    Ich finde es sehr aufmerksam von dir, wie du die beiden Kinder beobachtet und verglichen hast und auch gut dass du nachgehakt hast wieso die beiden nicht besser gefördert werden.
    Ich persönlich hatte noch keine Erfahrung mit Inklusion, aber ich befürworte deine Fragestellung. Es ist schwierig als eine einzelne Lehrkraft eine Klasse von mehreren Schülerinnen und Schülern gleichzeitig zu betreuen und alle individuell zu fördern.
    Meiner Meinung nach brauchen Schulen sowohl mehr Sonderädagoginnen/en, mehr Betreuer und natürlich mehr Lehrkräfte.
    Ich hoffe, dass sich dies in Zukunft ändert und den Kindern mehr und bessere Möglichkeiten geboten werden.

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