{"id":31,"date":"2021-03-25T14:00:54","date_gmt":"2021-03-25T13:00:54","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/aufderstrasse\/?page_id=31"},"modified":"2021-03-30T11:16:44","modified_gmt":"2021-03-30T09:16:44","slug":"sucht","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/aufderstrasse\/sucht\/","title":{"rendered":"Akzeptierende Drogenarbeit"},"content":{"rendered":"<blockquote><p><em>\u201eDrogenhilfe kann [\u2026] nichts produzieren (Therapiemotivation, Abstinenz etc.), sondern lediglich Unterst\u00fctzung zur Selbstproduktion anbieten\u201c (Schneider 2006)<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Die deutsche Drogenpolitik hat sich in den letzten Jahrzehnten immer wieder ver\u00e4ndert. Vor einigen Jahren hielt man Bestrafungen und Verbote als Drogenbew\u00e4ltigungsstrategien noch f\u00fcr die einzigen sinnvollen Methoden, um Menschen von Drogen fernzuhalten. Inzwischen gibt es jedoch einige neue Ans\u00e4tze, die gegenteiliges beschreiben w\u00fcrden. Der Kriminologe und Professor Julian Buchanan ist der Meinung, dass statt einer Minderung des Drogenkonsums durch die Null-Toleranz-Politiken, der Konsum in den letzten Jahren anstieg:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201cTwo decades of prevention, prohibition and punishment have had little noticeable impact upon the growing use of illegal drugs; on the contrary drug use during this period has escalated.\u201d <\/em><em>(Buchanan 2000: 7) <\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Dieser Meinung schlie\u00dft sich auch der Kulturwissenschaftler Wolfgang Schneider an. Er beschreibt, dass die sogenannte \u201eabstinenzorientierte\u201c Drogenpolitik in Deutschland lange Zeit dominierte und durch die Kriminalisierung von Drogen auch deren Konsument*innen zu Kriminellen gemacht wurden. Hierbei wurde jeglicher Konsum von \u201eDrogen\u201c problematisiert und Abstinenz als einziger Umgang mit sogenannten \u201eSuchtgiften\u201c propagiert. (vgl. Schneider 2006) Verfechter dieser Null-Toleranz Politik zielten auf die konsequente Verhinderung jeglichen Drogenkonsums. Hilfeleistungen sollten nur gestellt werden, wenn der Verzicht von illegalen Drogen gegeben war. (vgl. Schmidt-Semisch 2006) Schneider zeigt mit neueren Forschungen auf, dass der (exzessive) Gebrauch von Drogen kein \u201estatischer Zustand\u201c (Schneider 2006) sei, der mit abstinenzorientierten und langzeittherapeutischen Ma\u00dfnahmen aufhebbar w\u00e4re. Mit diesem neuen Ansatz konnten sich in den letzten 15 Jahren immer mehr akzeptierende Hilfsangebote f\u00fcr drogenabh\u00e4ngige Menschen durchsetzen, obwohl das Konzept der Abstinenz noch immer \u00fcberwiege. (vgl. Schneider\/Gerlach 2004)<\/p>\n<p>Doch was genau bedeutet akzeptierende oder niedrigschwellige Drogenarbeit?\u00a0 Die beiden Begrifflichkeiten deuten auf begleitende Hilfsangebote hin, die auch ohne Abstinenzgebot arbeiten und ausdr\u00fccklich auf Leidensdruck verzichten sollen. Der Begriff \u201eNiedrigschwelligkeit\u201c soll ausdr\u00fccken, dass bei diesem neuen Ansatz das Hindernis oder die H\u00fcrde f\u00fcr Hilfe so klein wie m\u00f6glich gehalten und damit die Konstitution zug\u00e4nglicher oder erreichbar gemacht wird. (vgl. Alice Salomon Hochschule Berlin: 2013: 3)<\/p>\n<p>Mit akzeptanzorientierter und \u201esuchtbegleitender\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Drogenarbeit sind meist \u00dcberlebenshilfen sowie schadensminimierende Angebote gemeint. Diese sollen eine Verringerung gesundheitlicher Gef\u00e4hrdungen erreichen. (vgl. K\u00f6rkel\/Nanz 2016: 197) Dazu geh\u00f6rt zum Beispiel die <em>\u201eAusgabe von sterilem Injektionszubeh\u00f6r und Safer-Use-Informationen, Spritzentausch, medizinische Notfall- und Akutbehandlung u.a.m.\u201c<\/em> (K\u00f6rkel\/Nanz 2016: 197)<\/p>\n<p>F\u00fcr die meisten drogenabh\u00e4ngigen Menschen ist die Vorstellung von einem g\u00e4nzlichen und lebenslangen abstinenten Leben unvorstellbar<em>, da viele schon oft bei einem solchen Versuch gescheitert sind. <\/em>(K\u00f6rkel\/Nanz 2016: 197) Aus diesem Grund soll die akzeptierende Drogenhilfe mehr als ein \u201eInteraktionsprozess\u201c verstanden werden. (vgl. Schneider 2006) Dabei werden die Menschen als selbstbestimmte und eigenverantwortliche Erwachsene angesehen mit Recht auf Entscheidungsfreiheit (vgl. Barsch 2010: 14). Konsument*innen sollen selbst w\u00e4hlen k\u00f6nnen, welche Form des Umgangs sie mit Drogen w\u00e4hlen und dabei die ben\u00f6tigte Unterst\u00fctzung erhalten. (vgl. Barsch 2010: 14) Dies schlie\u00dft Abstinenz nat\u00fcrlich nicht aus. Schneider erkl\u00e4rt, dass es hier vielmehr um das Prinzip der Selbstproduktion gehe und <em>\u201eDrogenhilfe (\u2026) insofern auch nichts produzieren (Therapiemotivation, Abstinenz etc.), sondern lediglich Unterst\u00fctzung zur Selbstproduktion anbieten\u201c<\/em> kann (Schneider 2006<em>). <\/em>Damit meint Schneider, dass drogenabh\u00e4ngigen Menschen keine Objekte sind, die man so ver\u00e4ndern kann, wie man will. Sie sind m\u00fcndig, selbstbestimmt und f\u00e4hig selbst \u00fcber ihr Schicksal zu entscheiden. Man kann niemanden zu etwas zwingen. Schneider betont, dass die akzeptanzorientierte Drogenarbeit deshalb auf Freiwilligkeit basiere. Akzeptanzorientierte Drogenarbeit hei\u00dft in diesem Sinn nicht, dass man den Lebensstil guthei\u00dfen oder ihn selbst \u00fcbernehmen w\u00fcrde, sondern nur dass man die Person akzeptiert und die Menschen f\u00fcr sich selbst verantwortlich handeln lasse.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center\"><em>\u201eDrogengebraucher[*innen] haben, auch und gerade unter den Bedingungen des fortgesetzten Konsums, ein Recht auf menschenw\u00fcrdige, gesundheitliche und soziale Lebensbedingungen, sie m\u00fcssen es nicht erst durch abstinentes und angepasstes Verhalten erwerben.\u201c (H\u00f6rter 2011: 61)<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Ein Beispiel f\u00fcr akzeptierende und niedrigschwellige Suchtarbeit ist die Notunterkunft \u201eLa Campagne\u201c, da sie mit ihrem Angebot suchtkranken Menschen Hilfestellungen bietet. Angesetzt wird bei den gesundheitlichen und sozialen Bed\u00fcrfnissen der Menschen. Durch die niederschwellige, akzeptierende Arbeit k\u00f6nnen Personen erreicht werden, die von keinem anderen Angebot der Sozialen Arbeit erfasst werden. Es gibt noch einige andere Notunterk\u00fcnfte in Bremen, doch diese schlie\u00dfen oftmals suchtkranke Menschen von den Angeboten aus.<\/p>\n<p>Die Notunterkunft LaCampagne soll vor allem eine \u00dcberlebenshilfe darstellen. Wie man in unserem Reiter \u201eLaCampagne\u201c nachlesen kann, ist die Notunterkunft darauf bedacht, dass alle Angebote auf freiwilliger Basis stattfinden. Jeder Mensch darf dort \u00fcbernachten, sofern es genug Platz gibt. Es ist unbefristet und die Menschen d\u00fcrfen selbst entscheiden, wie lange sie bleiben wollen. Es werden Beratungsgespr\u00e4che und gemeinsame Kochabende \u00a0angeboten und jeder Mensch kann frei entscheiden, ob er an etwas teilnehmen m\u00f6chte. Niemand ist dort zu etwas verpflichtet und die Menschen werden als m\u00fcndige und selbstbestimmte Personen akzeptiert. Die Hilfestellungen sind nicht mit Erwartungen verbunden und es gibt keinen Zwang zur Teilnahme der Angebote.<\/p>\n<p>Die akzeptierende Suchtarbeit wird immer mehr zentrales Thema in der Sozialen Arbeit. Es gibt viele Menschen, die man ohne diese Arbeit nicht erreichen w\u00fcrde. Deshalb braucht es spezifische Angebote, die durch die niederschwellige Soziale Arbeit erbracht werden k\u00f6nnen. Menschen mit Drogensucht haben, auch unter den Bedingungen des fortgesetzten Konsums, ein Recht auf menschenw\u00fcrdige Lebensbedingungen und die niedrigschwellige Arbeit stellt dabei eine Erg\u00e4nzung und Schwellensenkung der bisherigen Angebote dar. <em>\u201e[Sie] [\u2026] sind damit als Erweiterung oder Differenzierung der traditionellen Ans\u00e4tze zu betrachten.\u201c (H\u00f6rter 2011: 60) <\/em><\/p>\n<p>Deutlich wird auch, dass die Illegalisierung von Drogen und die Kriminalisierung der Konsumierenden eine offene Auseinandersetzung \u00fcber Drogengebrauch verhindert. Die akzeptierende Drogenarbeit ist zwar ein Schritt in die richtige Richtung, wenn es darum geht, Menschen mit Drogensucht zu helfen, aber es darf damit noch lange kein abgeschlossenes Thema werden. Schneider betont, dass man erst von einer Wende in der deutschen Drogenpolitik sprechen d\u00fcrfe, <em>wenn \u201edie moralische G\u00e4ngelei, insbesondere aber die staatliche Repression gegen Drogengebrauchende beendet w\u00fcrde\u201c <\/em>(Schneider\/Gerlach 2004:18). In der akzeptierenden Drogenpolitik gibt es mittlerweile zwar viele Erfolge, die derzeitige Drogenpolitik, Kriminalisierung, sowie konsequente Verhinderung von Drogenkonsum bringt aber immer noch gro\u00dfes Leid mit sich. So sind suchtkranke Menschen \u00a0weiterhin oft mit HIV oder Hepatitis infiziert. \u00a0Schneider stellt deshalb klar, dass Akzeptanz allein nicht ausreiche, wenn sich in der Verbotspolitik nichts \u00e4ndere. (vgl. Schneider\/Gerlach 2004:18)<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Wir benutzen in unserer Arbeit das Wort \u201eSucht\u201c, um exzessivem Drogenkonsum zu beschreiben und verst\u00e4ndlich zu machen. Gleichzeitig sind wir auch der Meinung, dass oftmals zu schnell und zu einfach wird von \u201eSucht\u201c gesprochen, statt von einem langj\u00e4hrigen schweren Gebrauch von psychoaktiven Substanzen zu reden, was vielleicht mehr Menschen ansprechen w\u00fcrde. Der Begriff der Sucht kann eine stigmatisierende Wirkung haben und generalisiert schnell alle Konsumierenden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"entry-summary\">\n\u201eDrogenhilfe kann  nichts produzieren (Therapiemotivation, Abstinenz etc.), sondern lediglich Unterst\u00fctzung zur Selbstproduktion anbieten\u201c (Schneider 2006) Die deutsche Drogenpolitik hat&hellip;\n<\/div>\n<div class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/aufderstrasse\/sucht\/\" class=\"more-link\">Continue reading<span class=\"screen-reader-text\"> &ldquo;Akzeptierende Drogenarbeit&rdquo;<\/span>&hellip;<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":10325,"featured_media":59,"parent":0,"menu_order":2,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"_bbp_topic_count":0,"_bbp_reply_count":0,"_bbp_total_topic_count":0,"_bbp_total_reply_count":0,"_bbp_voice_count":0,"_bbp_anonymous_reply_count":0,"_bbp_topic_count_hidden":0,"_bbp_reply_count_hidden":0,"_bbp_forum_subforum_count":0,"footnotes":""},"class_list":["post-31","page","type-page","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/aufderstrasse\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/31","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/aufderstrasse\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/aufderstrasse\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/aufderstrasse\/wp-json\/wp\/v2\/users\/10325"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/aufderstrasse\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=31"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/aufderstrasse\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/31\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":159,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/aufderstrasse\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/31\/revisions\/159"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/aufderstrasse\/wp-json\/wp\/v2\/media\/59"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/aufderstrasse\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=31"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}