{"id":28,"date":"2026-08-28T16:19:59","date_gmt":"2026-08-28T14:19:59","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/ants\/?p=28"},"modified":"2026-08-28T16:19:59","modified_gmt":"2026-08-28T14:19:59","slug":"abschlussreflexion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/ants\/2026\/08\/28\/abschlussreflexion\/","title":{"rendered":"Abschlussreflexion"},"content":{"rendered":"<h2><strong>Abschlussreflexion<\/strong><\/h2>\n<p>Die Ringvorlesung hat meinen Blick auf Heterogenit\u00e4t dahingehend ver\u00e4ndert, dass Unterschiede zwischen Sch\u00fcler:innen nicht grunds\u00e4tzlich problematisch sind. Entscheidend ist vielmehr, wie Unterschiede von Schule, Lehrkr\u00e4ften und Mitsch\u00fcler:innen wahrgenommen, bewertet und behandelt werden. Sie k\u00f6nnen anerkannt und unterst\u00fctzt, aber auch stereotypisiert und zur Grundlage von Ausgrenzung werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol>\n<li><strong> Zentrale theoretische Erkenntnisse<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Eine f\u00fcr mich zentrale Erkenntnis betrifft die p\u00e4dagogische Beziehung. Eine gute Lehrer-Sch\u00fcler-Beziehung bedeutet nicht, dass eine Lehrkraft besonders locker oder \u201ecool\u201c sein muss. Vielmehr sind Anerkennung, Zuh\u00f6ren, Fairness, Vertrauen, Beteiligung und konkretes Feedback entscheidend. Aufgrund des hierarchischen Verh\u00e4ltnisses zwischen Lehrkraft und Sch\u00fcler:in tragen Lehrkr\u00e4fte dabei eine besondere Verantwortung.<\/p>\n<p>Das wurde mir durch eine eigene Erfahrung besonders deutlich. Ich erinnere mich an eine eher seri\u00f6s auftretende Lehrkraft, die h\u00e4ufig einen Anzug trug und zun\u00e4chst eher distanziert wirkte. Gleichzeitig war sie humorvoll und f\u00fcr Spa\u00df zu haben. Entscheidend f\u00fcr meine positive Beziehung zu dieser Person war jedoch nicht die Lockerheit, sondern die faire und professionelle Behandlung. Gute Leistungen wurden nicht lediglich mit einer guten Note bewertet, sondern durch konkretes Feedback gew\u00fcrdigt. Dadurch entstand bei mir das Gef\u00fchl, dass nicht nur das Ergebnis, sondern auch meine Anstrengung und mein individueller Lernprozess wahrgenommen wurden. R\u00fcckblickend verstehe ich dadurch besser, dass Beziehungsarbeit und Unterrichtsqualit\u00e4t eng miteinander verbunden sind.<\/p>\n<p>Zugeh\u00f6rigkeit ist als grundlegendes menschliches Bed\u00fcrfnis zu beschreiben (Baumeister, Roy F.; Leary, Mark R.,1995, The Need to Belong) F\u00fcr Schule bedeutet dies f\u00fcr mich, dass Sch\u00fcler:innen nicht nur fachlich gef\u00f6rdert werden m\u00fcssen, sondern auch das Gef\u00fchl brauchen, wahrgenommen zu werden und dazuzugeh\u00f6ren. F\u00fcr meine sp\u00e4tere T\u00e4tigkeit als Lehrkraft nehme ich deshalb mit, Feedback nicht nur zur Bewertung, sondern auch zur Anerkennung und Sichtbarmachung von Lernprozessen einzusetzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine zweite zentrale Erkenntnis betrifft die Herstellung und Verst\u00e4rkung von Unterschieden durch Zuschreibungen. Die migrationsgesellschaftliche Perspektive hat mir gezeigt, dass Heterogenit\u00e4t nicht ausschlie\u00dflich als vorhandene Verschiedenheit betrachtet werden sollte. Durch Kategorien, Normalit\u00e4tsvorstellungen und Zuschreibungen k\u00f6nnen Unterschiede sozial hergestellt und verst\u00e4rkt werden. Begriffe wie Othering, Kulturalisierung und institutionelle Diskriminierung helfen dabei, solche Prozesse genauer zu analysieren.<\/p>\n<p>Besonders deutlich wird dies in meinen eigenen Schulerfahrungen. Eine Mitsch\u00fclerin mit Behinderung wurde von anderen Sch\u00fcler:innen h\u00e4ufig und \u00fcber l\u00e4ngere Zeit aufgrund ihres Aussehens, ihres Verhaltens und ihrer Art zu sprechen gemobbt. R\u00fcckblickend w\u00fcrde ich diese Situation nicht mehr ausschlie\u00dflich als individuelles Fehlverhalten einzelner Sch\u00fcler:innen betrachten. Vielmehr stellt sich die Frage, welche Rolle das Klassenklima, die Schulkultur und das Handeln der Lehrkr\u00e4fte gespielt haben und inwiefern ihre Teilhabe ausreichend erm\u00f6glicht wurde. Inklusion erscheint mir dadurch st\u00e4rker als institutionelle Aufgabe und Frage von Zugeh\u00f6rigkeit.<\/p>\n<p>Auch Geschlechterzuschreibungen sind mir aus meiner Schulzeit bekannt. Im Kunstunterricht wurde beispielsweise die Vorstellung vermittelt, M\u00e4dchen seien grunds\u00e4tzlich besser in Kunst als Jungen. Eine solche Aussage mag zun\u00e4chst harmlos wirken, kann aber Erwartungen dar\u00fcber erzeugen, wem Talent oder bestimmte F\u00e4higkeiten zugeschrieben werden. F\u00fcr mich als zuk\u00fcnftige Kunstlehrkraft ist dies besonders relevant: Ich m\u00f6chte darauf achten, Sch\u00fcler:innen nicht aufgrund ihres Geschlechts oder anderer Merkmale bestimmte F\u00e4higkeiten zu- oder abzusprechen.<\/p>\n<p>Auch rassistische Zuschreibungen durch einzelne Lehrkr\u00e4fte habe ich w\u00e4hrend meiner Schulzeit wahrgenommen. Mithilfe der in der Ringvorlesung behandelten Konzepte kann ich solche Situationen heute differenzierter einordnen. Sie sind nicht lediglich \u201eunangebrachte Aussagen\u201c, sondern k\u00f6nnen Teil gr\u00f6\u00dferer Prozesse von Rassifizierung, Othering und Ungleichbehandlung sein. Rassismus kann entsprechend als ein gesellschaftlicher Prozess beschrieben werden, in dem Unterschiede konstruiert, bewertet und hierarchisiert werden (Leiprecht, 2016, Rassismus).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li><strong> Umgang mit Heterogenit\u00e4t und Beziehungsarbeit<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Aus meinen Erfahrungen erscheint mir insbesondere das Handeln von Lehrkr\u00e4ften als ein Faktor, der den Schulalltag stark pr\u00e4gt. Lehrkr\u00e4fte k\u00f6nnen durch Erwartungen und Zuschreibungen Unterschiede problematisieren, gleichzeitig aber durch Anerkennung, konstruktives Feedback und faire Behandlung auch Teilhabe erm\u00f6glichen. Damit wird deutlich, dass professionelles Lehrerhandeln nicht nur die Vermittlung fachlicher Inhalte umfasst.<\/p>\n<p>Ebenso wichtig ist die Schulkultur beziehungsweise das Klassenklima. Das zeigt sich besonders an meiner Erfahrung mit der Mitsch\u00fclerin mit Behinderung. Auch ein Fallbeispiel aus meinem Blogeintrag zu einem Klassenchat hat mir diesen Zusammenhang verdeutlicht. Dort wurden unter anderem antisemitische, rassistische und frauenfeindliche Inhalte sowie Hakenkreuze und Hitlerbilder verbreitet. Dabei handelt es sich nicht um eine pers\u00f6nliche Erfahrung, sondern um ein von mir bearbeitetes Fallbeispiel. Besonders relevant erscheint mir daran die Gruppendynamik: Wenn diskriminierende Inhalte innerhalb einer Klassengemeinschaft sichtbar werden und von anderen toleriert, ignoriert oder sogar mit Humor aufgenommen werden, k\u00f6nnen sie normalisiert werden.<\/p>\n<p>Die Auseinandersetzung mit Mobbing und Diskriminierung hat meinen Blick deshalb dahingehend erweitert, dass solche Situationen nicht ausschlie\u00dflich als Problem zwischen T\u00e4ter:innen und Betroffenen verstanden werden k\u00f6nnen. Auch Zuschauer:innen, Mitsch\u00fcler:innen, Lehrkr\u00e4fte und die Schulkultur insgesamt sind daran beteiligt, welche Normen in einer Gruppe entstehen. Daraus ergibt sich f\u00fcr mich als zuk\u00fcnftige Lehrkraft die Verantwortung, eine klare Haltung gegen\u00fcber Diskriminierung einzunehmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li><strong> Fachdidaktische \u00dcbertragung<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Die Erkenntnisse lassen sich auf meine F\u00e4cher Geographie und Kunst \u00fcbertragen. Im Geographieunterricht sehe ich insbesondere bei Themen wie Migration, Globalisierung und gesellschaftlicher Vielfalt die Gefahr, komplexe Gruppen zu vereinfachen. Statt beispielsweise von \u201eden Migrant:innen\u201c oder \u201eder Kultur X\u201c zu sprechen, sollten unterschiedliche Lebenslagen und Perspektiven ber\u00fccksichtigt werden. Materialien und Aufgabenstellungen sollten deshalb daraufhin gepr\u00fcft werden, ob sie bestimmte Gruppen stereotyp darstellen oder gesellschaftliche Vielfalt angemessen abbilden.<\/p>\n<p>Im Kunstunterricht ist f\u00fcr mich insbesondere die Auseinandersetzung mit Geschlechterzuschreibungen relevant. Meine eigene Erfahrung zeigt, dass Vorstellungen dar\u00fcber, wer in einem Fach \u201eTalent\u201c besitzt, bereits im schulischen Alltag entstehen k\u00f6nnen. Als zuk\u00fcnftige Kunstlehrkraft m\u00f6chte ich deshalb unterschiedliche Zug\u00e4nge zu k\u00fcnstlerischen Aufgaben erm\u00f6glichen und individuelle Interessen und St\u00e4rken ber\u00fccksichtigen. Gleichzeitig erscheint mir die Qualit\u00e4t von Feedback besonders wichtig: Anstelle einer pauschalen Bewertung wie \u201esch\u00f6n\u201c oder \u201enicht sch\u00f6n\u201c sollte konkret erl\u00e4utert werden, was gelungen ist und wie weitergearbeitet werden kann. Dadurch k\u00f6nnen fachliches Lernen und Anerkennung miteinander verbunden werden.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Fragenstellungen<\/strong><\/p>\n<p>Aus der Ringvorlesung w\u00fcrde ich insbesondere zu zwei Fragestellungen gerne im weiteren Studium noch mehr erfahren.<\/p>\n<p>Die erste Frage lautet: \u201eInwiefern hat Ihnen die Vorlesungssitzung neue Erkenntnisse bez\u00fcglich selbst in der Schule beobachteter oder erlebter Situationen zu Aggression und\/oder Mobbing vermittelt?\u201c Diese Frage ist f\u00fcr mich besonders relevant, da ich w\u00e4hrend meiner Schulzeit selbst erlebt habe, wie eine Mitsch\u00fclerin mit Behinderung regelm\u00e4\u00dfig ausgegrenzt und gemobbt wurde. Durch die Inhalte der Vorlesung kann ich diese Erfahrung heute differenzierter betrachten. Mobbing wurde dabei nicht als reines Problem zwischen einzelnen T\u00e4ter und Betroffenen, sondern als Gruppenph\u00e4nomen beschrieben, bei dem beispielsweise auch Assistierende, Verst\u00e4rkende, Au\u00dfenstehende und Verteidigende unterschiedliche Rollen einnehmen. Ich w\u00fcrde im weiteren Studium gerne noch genauer erfahren, wie solche Gruppendynamiken entstehen und wie Lehrkr\u00e4fte unterschiedliche Formen von Mobbing fr\u00fchzeitig erkennen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die zweite Fragestellung, die ich gerne vertiefen w\u00fcrde, lautet: \u201eWelche Handlungserfordernisse leiten Sie f\u00fcr sich als angehende Lehrkraft aus den Erkenntnissen ab?\u201c Diese Frage kn\u00fcpft f\u00fcr mich direkt an meine \u00dcberlegungen zur Beziehungsarbeit und zum professionellen Lehrerhandeln an. Die Vorlesung hat gezeigt, dass Lehrkr\u00e4fte f\u00fcr den Umgang mit Mobbing unter anderem ein breites Gewaltverst\u00e4ndnis, Diagnosekompetenz, Empathief\u00e4higkeit, Perspektiv\u00fcbernahme und Selbstwirksamkeit ben\u00f6tigen. Im weiteren Studium w\u00fcrde ich deshalb gerne genauer erfahren, wie diese Kompetenzen konkret entwickelt werden k\u00f6nnen und wie Lehrkr\u00e4fte in Mobbingsituationen professionell handeln k\u00f6nnen, ohne dabei nur auf einzelne Betroffene oder T\u00e4ter zu fokussieren. Passend dazu finde ich die in der Vorlesung gestellte Frage nach pr\u00e4ventiven Ma\u00dfnahmen auf Sch\u00fcler:innen-, Lehrer:innen- und Schulebene interessant.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abschlussreflexion Die Ringvorlesung hat meinen Blick auf Heterogenit\u00e4t dahingehend ver\u00e4ndert, dass Unterschiede zwischen Sch\u00fcler:innen nicht grunds\u00e4tzlich problematisch sind. 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