{"id":15,"date":"2014-06-26T17:17:28","date_gmt":"2014-06-26T15:17:28","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.uni-bremen.de\/andersgleich\/?p=15"},"modified":"2014-06-26T17:17:28","modified_gmt":"2014-06-26T15:17:28","slug":"von-einem-bildungsideal-das-uns-verwehrt-bleibt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/andersgleich\/2014\/06\/26\/von-einem-bildungsideal-das-uns-verwehrt-bleibt\/","title":{"rendered":"Von einem Bildungsideal, das uns verwehrt bleibt"},"content":{"rendered":"<p>LehrerInnenarbeit steht unter der Pr\u00e4misse der Gerechtigkeit. Es kann davon ausgegangen werden, dass Gerechtigkeit besteht, wo Gleichheit herrscht, wo jeder und jede gleich behandelt wird. Daher setzt die Institution Schule einen Rahmen, der gleiche Bedingungen f\u00fcr alle Sch\u00fclerInnen vorsieht. So wird etwa die Zeit, die Sch\u00fclerInnen f\u00fcr Bildung vorgesehen ist, gleichgeschaltet durch die strenge Festlegung eines Schuleintrittsalters und der Kategorisierung der Sch\u00fclerInnen in Klassenstufen, aber auch unmittelbar im Unterricht durch die Formulierung von Lerninhalten in der Stundenplanung. Tats\u00e4chlich setzt Gleichbehandlung allerdings Gleichheit voraus. Die Realit\u00e4t aber ist vielseitig und nicht als homogene Masse zu fassen. Es gibt immer Sch\u00fclerInnen, die \u00fcber oder unter dem Durchschnitt liegen, die eine gleiche Behandlung unter- oder \u00fcberfordert.<\/p>\n<p>Ich bin der Meinung, hier ist eine andere Definition von Gerechtigkeit notwendig, denn es kann nicht gerecht sein, wenn infolge einer Gleichbehandlung diejenigen unbeachtet oder nicht ausreichend unterst\u00fctzt bleiben, die von der (willk\u00fcrlich gesetzten) Norm abweichen. Ich gehe noch weiter und behaupte, dass es nicht gerecht sein kann, Individuen auf generell gleiche Weise zu behandeln, da dies darauf abzielt, die pr\u00e4gnanten Unterschiede zu nivellieren und die Individuen derart ihrer Einzigartigkeit zu berauben. Vielmehr verstehe ich Gerechtigkeit als die Akzeptanz der Individualit\u00e4t jedes Sch\u00fclers und jeder Sch\u00fclerin und damit verbunden die Aufforderung, jeden Sch\u00fcler und jede Sch\u00fclerin differenziert je nach Lernbiographie und Bildungsvoraussetzungen kennenzulernen und zu behandeln.<\/p>\n<p>Im Klassenraum ist ein derartig differenzierter Umgang mit den Sch\u00fclerInnen oft schwer zu gestalten, da die Lehrperson an institutionalisierte Rahmenbedingungen gebunden ist, die eine Gleichbehandlung aller Sch\u00fclerInnen vorsehen. Au\u00dferdem wirkt die unterscheidende Besch\u00e4ftigung mit Sch\u00fclerInnen der ersten Definition von Gerechtigkeit im Sinne einer Gleichbehandlung entgegen. Eine generelle Gleichbehandlung und eine partikularisierende Differenzierung stehen also im st\u00e4ndigen Spannungsfeld zueinander. Beide Handlungsmotive sind f\u00fcr p\u00e4dagogische Professionalit\u00e4t unabdingbar, auch wenn sie einander widersprechen. Dieser Widerspruch ist nicht aufl\u00f6sbar, sollte aber stets als l\u00f6sbar erachtet werden und zur st\u00e4ndig wiederholten Reflexion des eigenen Handelns anspornen.<\/p>\n<p>\u00dcber die Hemmungen dieser Widerspr\u00fcchlichkeit hinaus wird der gerechte Umgang mit einer heterogenen Sch\u00fclerschaft dadurch erschwert, dass der Gro\u00dfteil der LehrerInnen die p\u00e4dagogische Leitlinie der Differenzierung nur auf dem Papier kennt. Wer in seiner Schulzeit selbst erfahren hat, dass als st\u00f6rend empfunden wurde, wer nicht in das Ideal der homogenen Masse passte; wer in seiner Schulzeit selbst nur Frontalunterricht erlebt hat; wer sich in seiner Schulzeit selbst, seine Leistungen und Talente an der Beurteilungskraft von Schulnoten gemessen hat, der steht einem differenzierenden Umgang mit Sch\u00fclerInnen nicht nur skeptisch gegen\u00fcber, er\/sie hat dar\u00fcber hinaus schlichtweg kaum alltagstaugliche Vorstellungen dieses oft noch abstrakten Begriffes. Gerade hier MUSS die universit\u00e4re LehrerInnenbildung nachholen, was in den meisten Schulbiographien vers\u00e4umt worden ist, um <em>individualisierten Unterricht<\/em> nicht als leere Worth\u00fclse verwelken zu lassen. Stattdessen muss ein <em>individualisiertes Studium<\/em> selbst die M\u00f6glichkeiten schaffen, die wir k\u00fcnftigen LehrerInnen den Sch\u00fclerInnen erm\u00f6glichen sollten. Lernwerkst\u00e4tten, die jedes Eigentempo zulassen; fruchtbarer Austausch auf Augenh\u00f6he; Exkursionen an Modellschulen; Theaterworkshops; kreative Pr\u00fcfungsleistungen &#8211; die Palette ist enorm gro\u00df und vielseitig. Massenvorlesungen aber, in denen ein Dozent f\u00fcnfhundert Studierenden gegen\u00fcbersteht und Frontalunterricht verteufelt, k\u00f6nnen nicht anders als Hohn wirken.<\/p>\n<p>Weiter noch: Gebt uns bitte, bitte unsere Studienfreiheit zur\u00fcck! Das eng bemessene Bachelorstudium macht CP-H\u00f6rige aus uns allen. Wir Studierenden verlieren Namen und Gesichter, Interessen und Potenziale, wenn man versucht, uns in Noten zu pressen, uns gleich zu machen. Vergleichbar zu machen. Wir stumpfen ab, wenn uns die auf das Lehramtsstudium zugeschnittenen Module der Fachwissenschaften zu vorgegebenen Veranstaltungen zwingen und weder Raum noch Zeit f\u00fcr individuelle, tiefsch\u00fcrfende Erarbeitung unserer Fragen und Interessen lassen. Wir werden keine guten LehrerInnen, wenn wir selbst nur Definitionen auswendig lernen, um nichts \u00fcber unser tats\u00e4chliches K\u00f6nnen aussagende Pr\u00fcfungen zu bestehen. Wir brauchen ein anderes, ein individualisiertes Studium. Damit die Ideen von Heute in LehrerInnen von Morgen wachsen k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>LehrerInnenarbeit steht unter der Pr\u00e4misse der Gerechtigkeit. Es kann davon ausgegangen werden, dass Gerechtigkeit besteht, wo Gleichheit herrscht, wo jeder und jede gleich behandelt wird. Daher setzt die Institution Schule einen Rahmen, der gleiche Bedingungen f\u00fcr alle Sch\u00fclerInnen vorsieht. 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