rv06 – Chemie – Kein Fach für alle? Gesellschaftskritische Ansätze aus der Chemiedidaktik


  1. Formulieren Sie basierend auf den Vorlesungsinhalten drei Thesen, die für Sie (!) einen modernen Chemieunterricht für alle ausmachen. Orientieren Sie sich gerne an den Grundannahmen von STL (Scientific and Technological Literacy for All), setzen Sie jedoch eigene Schwerpunkte.

Anlehnend an die Grundannahme, dass naturwissenschaftlicher Unterricht ein integraler Bestandteil von allgemeiner Bildung sein soll, sollte ein moderner Chemieunterricht die Lebenswelt der SuS widerspiegeln und den Zusammenhang alltäglicher Themen wie Medikamente, Kosmetik, Alkohol, oder Diäten mit Chemie verdeutlichen. Zum einen würde so das Fach an sich weniger abstrakt wirken und gleichzeitig die Allgegenwärtigkeit von Chemie im Alltag verdeutlicht.

Des Weiteren kann im Chemieunterricht auch auf aktuelle relevante Debatten aus Gesellschaft und Politik eingegangen werden, um sie aus chemischer Perspektive zu betrachten. Beispiele könnten hier der Klimawandel oder Nukleartechnologie sein. Dies würde auch an die zweite Grundannahme anschließen, die fordert, dass naturwissenschaftliche Bildung eine gesellschaftliche Perspektive einschließt.

Eine Vielfalt an Unterrichtsmethoden und ein abwechslungsreicher Unterricht, der sich an den SuS und deren Könne und Interessen orientiert, gilt nicht nur dem Chemieunterricht, sondern ebenfalls in anderen Fächer. Der Chemieunterricht hat hier den Vorteil anderen Fächern gegenüber, dass beispielsweise durch Experimente die Theorie nicht nur auf dem Papier verbleibt, sondern vermutlich einen höheren Erinnerungswert für die SuS haben und somit förderlich für das Lernen sein können.

 

  1. Reflektieren Sie auf Basis der Vorlesungsinhalte und des Grundlagentextes, inwieweit chemisches Wissen im Allgemeinen und naturwissenschaftliches Wissen im Speziellen aus Ihrer Sicht als Teil des Allgemeinwissens (im Sinne einer „Scientific Literacy for All“) angesehen werden kann. Beziehen Sie hier auch ihre eigenen Erfahrungen aus dem schulischen Chemieunterricht/Ihrem Alltag ein.

Ähnlich wie auch in der Vorlesung erwähnt, habe auch ich es erlebt, dass im Alltag Naturwissenschaft und Chemie häufig entweder als etwas anspruchsvolles gelten oder als etwas unnatürliches, giftiges, was jedoch nicht alltäglich sein sollte. In meinem Chemieunterricht wurde sich, soweit ich mich erinnere, zum großen Teil auf die Vermittlung von Fachwissen fokussiert. Zum einen war der Unterricht so sehr abstrakt und hatte nur wenig Bezug zum Alltag (außer vielleicht, dass der Name von Laugenbrötchen tatsächlich etwas mit den Laugen aus dem Chemieunterricht zu tun hatte). Zum anderen war die Folge, dass bei dem Großteil meiner Mitschüler:innen nur wenig vom Wissen hängen geblieben ist und – bis auf von einigen wenigen – das Fach von vielen abgewählt wurde, sobald es möglich war. Auch wurde chemisches Wissen wahrscheinlich von den meisten nicht unbedingt als Alltagswissen angesehen – ob wohl im Grunde Chemie in allem steckt.

Im Nachhinein lässt sich viel spekulieren, aber ich kann mir vorstellen, dass mit einem „socio-critical and problem-oriented approach to chemistry teaching“ (Marks et al. 2014: 286) mehr Interesse für Chemie und chemische Prozesse in unserem Alltag geweckt würde und uns bewusster geworden wären.

Das Chemie und naturwissenschaftliches Wissen vermehrt als Alltagswissen und Teil der Allgemeinbildung angesehen werden, kann auch durch mediale Formate (beispielsweise auf Instagram oder Youtube) mit Wissenschaftsbezug erreicht werden. Auf Youtube werden beispielsweise von der Chemikerin und Mai Thi Nguyen-Kim auf ihrem Kanal „MaiLab“, der mittlerweile zum öffentlich-rechtlichen Funk gehört, naturwissenschaftliche Themen für eine Zielgruppe aufbereitet, die sich sonst vermutlich nicht durch ihre Chemie-affinität auszeichnet.

 

  1. In einem Interview zur Sinnhaftigkeit des Hinterfragens naturwissenschaftlicher Informationen in sozialen Medien (zum Beispiel naturwissenschaftsbasierter „Fakenews“) sagte eine Lehrkraft: „Es ist blöd zu sagen, aber es ist im Endeffekt eine intellektuelle Grenze für mich; also auch-… oder Lebensumstandsgrenze, wenn die [Anm.: Die Schüler*Innen] einfach in ihrem Lebensumfeld so anders damit umgehen und nur plakative Äußerungen sozusagen verbreiten und nutzen und das auch völlig in Ordnung ist in deren Umfeld, so…, dann werden die da nicht rauskommen. Also das schaffen die dann alle nicht, das geht dann nicht, das ist dann so Kampf gegen Windmühlen.“. Verfassen Sie eine Antwort darauf.

Insbesondere die letzten Jahre haben gezeigt, dass Fakenews immer wieder zum Problem werden können. Ob während des US-Wahlkampfes für die Präsidentschaftswahlen (Schmid/ Stock/ Walter 2018) oder im Bezug auf die Covid-19 Pandemie und einem Impfstoff gegen das Virus, immer wieder machen fake news oder Verschwörungstheorien die Runde.

Als Fake news werden dabei Informationen bezeichnet, die „die erstens entweder frei erfunden oder gravierend verfälscht worden sind (geringes Level an Faktizität), zweitens von der Aufmachung an echte Nachrichten erinnern (pseudo-journalistischer Stil) und die drittens nicht aus schlechter journalistischer Arbeit oder unabsichtlichen Fehlern entstanden, sondern mit Vorsatz zur bewussten Täuschung produziert worden sind (absichtliche Täuschung)“ (Schröder/ Kreienhoop 2021: 215).

Insbesondere durch das Internet hat heute so gut wie jeder die Möglichkeit, im Netz Informationen zu verbreiten, während zuvor Zeitungen, Verlage, Fernseh- oder Radiosender eine Art Gatekeeping Funktion hinsichtlich der veröffentlichen Informationen innehatten. Durch Algorithmen entstehen außerdem Filterblasen und Echokammern, wodurch die Informationen, die Nutzer:innen angezeigt werden, Ähnlichkeiten aufweisen. Zudem machen neue Technologien, die beispielsweise deep fake Videos ermöglichen, es immer schwieriger, fake von echt zu unterscheiden. Nach Schröder und Kreienhoop (2021: 215) haben sich „die Anforderungen an Mediennutzer*innen somit eklatant erweitert. Die Fähigkeit etwa, eine Nachricht auf ihre Glaubwürdigkeit hin zu reflektieren, gewinnt eklatant an Bedeutung und ehemals klassische journalistische bzw. wissenschaftliche Arbeitstechniken müssen bereits von Schüler*innen beherrscht werden, um weniger anfällig gegenüber fakenews und Manipulationen zu sein.“

Das sich dem Thema Faktencheck ganze Redaktionen widmen, wie beispielsweise das Recherchezentrum „Correctiv“ oder dass die Talkshow „hart aber fair“ des ARD eine Sendung unter dem Namen „faktencheck“ sendet, zeigt, wie komplex das Thema der Fake news ist. Es ist somit keineswegs nur die jüngere Bevölkerung, die fake news Glauben schenkt. Auch eine allgemeine Wissenschaftsskepsis ist keinesfalls ausschließlich bei SuS zu bemerken, in einer Studie gaben „mehr als die Hälfte der Befragten (50,4 %) gab demnach an, dass sie ihrem eigenen Gefühl mehr vertrauen würden als den Angaben von wissenschaftlichen Expert*innen“ (Zink et al 2019: 205).

 

Quellen

Marks, R., Stuckey, M., Belova, N., Eilks, I., (2013). The Societal Dimension in German Science Education – From Tradition towards Selected Cases and Recent Developments. In: Eurasio Journal of Mathematics, Science & Technological Education. 10(4) 285-295.

Schmid, C.E., Stock, L., Walter, S. (2018). Der strategische Einsatz von Fake News zur Propaganda im Wahlkampf. In: Sachs-Hombach, K., Zywietz, B. (eds) Fake News, Hashtags & Social Bots. Aktivismus- und Propagandaforschung. Springer VS, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-22118-8_4

Schröder, H., Kreienhoop, J. (2021).  fact or fake? Eine politikdidaktische Untersuchung. In: Deichmann, C., Partetzke, M. (eds) Demokratie im Stresstest. Politische Bildung. Springer VS, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-33077-4_12

Zick, A., Küpper, B., & Berghan, W. (2019). Verlorene Mitte – Feindselige Zustände. Rechts[1]extreme Einstellungen in Deutschland 2018/2019. Hrsg. für die Friedrich-Ebert-Stiftung von Franziska Schröter. Bonn: J. H. W. Dietz Nachf.


Eine Antwort zu “rv06 – Chemie – Kein Fach für alle? Gesellschaftskritische Ansätze aus der Chemiedidaktik”

  1. Hallo Alica,

    den von dir aufgestellten Thesen stimme ich zu. Deine ersten beiden Thesen befassen sich mit den inhaltlichen Aspekten des Chemieunterrichts. Deine dritte These besagt, dass auch vielfältige Unterrichtsmethoden ein Grundstein von gutem Chemieunterricht sind. Dieser Meinung ist auch Hans Rudolf Christen. In seinem Aufsatz schreibt er: „Vermutlich werden viele, vor allem jüngere Kollegen, den Frontalunterricht reduzieren, denn es werden heute von den Pädagogen andere Methoden propagiert“ (2000, S. 68).
    Die Erfahrungen, von denen du in deinem Blogbeitrag geschrieben hast, teile ich in ähnlicher Form. In der Schule kam mir im Chemieunterricht das meiste sehr fremd vor und ich konnte keine Bezüge dazu herstellen. Schon früh fielen viele Wörter, die ich nicht verstanden habe und es ging darum, Sachen zu berechnen und Formeln aufzustellen, von denen ich gar nicht wusste, was sie bedeuteten. Ich habe daraufhin Chemie abgewählt und erst später von Freund:innen gehört, dass sie in der Oberstufe durchaus Sachen gemacht haben, die für mich interessiert haben. Im Alltag habe ich Chemie als das Gegenteil von Natur kennengelernt (bspw. Kosmetik: Naturprodukt oder reine Chemie). Durch Dr. Mai Thi Nguyen-Kim und ihr Buch Komisch, alles chemisch!, sowie Interviews mit ihr in unterschiedlichen Podcasts habe ich ein bisschen besser verstanden, dass Chemie sich nicht nur auf ganz bestimmte, schlechte Sachen auf dieser Welt bezieht. Im ersten Kapitel des besagten Buches erklärt die Autorin, dass die Hormone, die uns in unserem Alltag beeinflussen, auch nur Chemie sind: „Wie gut wir morgens aus dem Bett kommen, entscheiden vor allem zwei Moleküle. Von dem einen – Melatonin – brauchen wir weniger, von dem anderen dagegen mehr: von dem Stresshormon Cortisol, das morgens automatisch ausgeschüttet wird“ (2019, S. 15).
    Die Thematisierung der digitalen Kompetenz und der Nutzung digitaler Medien im Unterricht lässt sich auch in der vorigen Vorlesung entdecken. Aus unterschiedlichen Perspektiven konnten wir etwas dazu erfahren. Die fachdidaktische Perspektive hat mir geholfen, den direkten Bezug von digitalen Medien zu meinem späteren Beruf besser zu erkennen.

    Literaturverzeichnis

    Christen, Hans Rudolf: Chemieunterricht: Gestern, heute, morgen, in CHEMKON: Wiley, 7/2000.

    Dr. Nguyen-Kim, Mai Thi: Komisch, alles chemisch!: Droemer Verlag, 2019.

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