{"id":9,"date":"2023-04-28T21:59:07","date_gmt":"2023-04-28T19:59:07","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/alachri\/?p=9"},"modified":"2023-04-28T21:59:07","modified_gmt":"2023-04-28T19:59:07","slug":"menschenrechte-und-inklusion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/alachri\/2023\/04\/28\/menschenrechte-und-inklusion\/","title":{"rendered":"Menschenrechte und Inklusion"},"content":{"rendered":"<ol>\n<li><strong>Welche Bedeutung haben Modelle von Behinderungen sowohl f\u00fcr behinderte Menschen und ihre Teilhabe M\u00f6glichkeiten allgemein als auch im Kontext Schule?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400\">Modelle im Allgemeinen sollen Realit\u00e4t komplexit\u00e4tsreduzierend abbilden und stellt Annahmen vereinfacht dar (Waldschmidt in Brehme et al 202, S. 57). Die darin enthaltenen Annahmen und Sichtweisen k\u00f6nnen jedoch auch handlungsleitend f\u00fcr Versorgung oder Teilhabem\u00f6glichkeiten von behinderten Menschen haben und sich auf ihr Selbstwertgef\u00fchl auswirken (VL 3, Folie 19).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Deutlicher wird das, wenn man einzelne Modelle von Behinderung genauer betrachtet:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Beim individuellen\/ medizinischen Modell wird Behinderung der medizinisch\/ psychologisch\/ p\u00e4dagogisch zugrundeliegenden Diagnose gleichgesetzt, der Mensch wird also nicht behindert, sondern \u201eist\u201c es, die Behinderung ist also eine Art Schicksal oder Ungl\u00fcck, das einer Person unverschuldet zukommt (Waldschmidt in Brehme et al 2020, S. 60). Im positiven Sinne wirkt sich dieser auf die Teilnahmem\u00f6glichkeiten insofern aus, als dass durch die medizinische Diagnose auch konkrete F\u00f6rderung und Intervention m\u00f6glich begr\u00fcndbar ist (ebd.). Negativ zu betrachten ist jedoch, dass durch das Modell die individuelle \u201eAbweichung\u201c von der Norm immer im Fokus steht. Im Kontext Schule w\u00fcrde dies also bedeuten, dass die konkrete Beeintr\u00e4chtigung eine*r Sch\u00fcler*in mit Behinderung im Vordergrund steht und nicht die Person selbst. Dies kann zur Ausgrenzung und Stigmatisierung f\u00fchren da Mitsch\u00fcler*innen diese Denkweisen im Rahmen ihrer Sozialisation so durch ihr Umfeld erfahren und verinnerlichen. Dies ist jedoch auch auf alle anderen Lebensbereiche \u00fcbertragbar, wie die Arbeit, Vereine, Universit\u00e4ten etc.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Das soziale Modell vertritt im Kontrast dazu die Annahme, dass der Begriff Behinderung vom Begriff Beeintr\u00e4chtigung klar abzugrenzen sei (Waldschmidt in Brehme et al 2020, S. 65). W\u00e4hrend Beeintr\u00e4chtigung die klinisch relevante Auff\u00e4lligkeit darstellt, ist Behinderung das \u201eProdukt sozialer Organisation\u201c (Waldschmidt in Brehme et al 2020, S. 65), welches durch die Barrieren entsteht, die eine Teilhabe an der Gesellschaft beeintr\u00e4chtigen (ebd.). Au\u00dferdem wird im sozialen Modell die Ansicht vertreten, dass sich die Umwelt und die Gesellschaft \u00e4ndern muss, nicht die behinderte Person (ebd.).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">F\u00fcr die Teilhabe bedeutet dies, dass eine andere Erwartungshaltung herrscht. Menschen mit Behinderung \u201esind\u201c nicht ihre Behinderung, sondern die Gesellschaft hat daf\u00fcr zu sorgen, dass Barrieren aufgrund von Einschr\u00e4nkungen abzubauen sind. Hier ist also aktiv das Umfeld gefordert, so auch in der Schule. Lehrer*innen, Mitsch\u00fcler*innen und Infrastruktur m\u00fcssen sich ver\u00e4ndern, um Teilnahme zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li><strong>Was entgegnen Sie, wenn im Kollegium jemand behauptet, inklusive Beschulung k\u00f6nne ihm\/ihr keine\/r vorschreiben?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400\">Zuerst ist diese Aussage aus rechtlicher Sicht falsch ist, da auch Deutschland durch die Ratifizierung der UN- Behindertenrechtskonvention zu einer schulischen Inklusion verpflichtet hat (Deutsches Institut f\u00fcr Menschenrechte, Artikel 24 UN-BRK).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Ich w\u00fcrde au\u00dferdem die Frage stellen, warum hier das Verb \u201evorschreiben\u201c verwendet wird. Warum muss Inklusion Lehrer*innen vorgeschrieben werden. Vielmehr sollte hier ein vorbestehendes Interesse vorhanden sein, im Sinne der Chancengleichheit allen Sch\u00fcler*innen einen entsprechenden (inklusiven) Zugang zu Bildung zu erm\u00f6glichen. Hier sollte also die Einstellung der Lehrkraft hinterfragt werden. Wenn die Aussage aufgrund von Unsicherheiten auf dem Gebiet der inklusiven P\u00e4dagogik getroffen wurde, so k\u00f6nnte an dieser Stelle auch auf Fort- und Weiterbildungsm\u00f6glichkeiten verwiesen werden oder geeignete Methoden und Lehrmaterial zur Verf\u00fcgung gestellt werden.<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li><strong>Welche Ausgrenzungsmechanismen lassen sich am Beispiel Nenad Mihailovic aufzeigen? Wer h\u00e4tte anders handeln m\u00fcssen, um ihm und seinem Recht auf Bildung gerecht zu werden und was hat sein Fall mit Inklusion zu tun?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400\">Am Beispiel Nenad Mihailovic k\u00f6nnen verschiedene Ausgrenzungsmechanismen erkannt werden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Einerseits wird er aufgrund seiner Herkunft durch Rassismus aufgrund seiner Roma-Abstammung ausgegrenzt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Fatal ist au\u00dferdem die Betrachtungsweise seiner mangelnden Deutschkenntnisse als kognitive Behinderung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\n<p style=\"font-weight: 400\">In seinem Fall h\u00e4tte an vielen Stellen anders gehandelt werden m\u00fcssen, um ihm sein Recht auf Bildung zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Zuerst h\u00e4tte der\/die durchf\u00fchrende Diagnostiker*in des IQ-Tests wissen m\u00fcssen, dass es zu einer massiven Verf\u00e4lschung der Ergebnisse kommt, wenn die Fragen aufgrund einer Sprachbarriere nicht verstanden werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\n<p style=\"font-weight: 400\">Im Anschluss h\u00e4tte jeder Lehrkraft in jeder Jahrgangsstufe auffallen m\u00fcssen, dass es sich nicht um eine Lernbehinderung, sondern um ein Sprachproblem handelt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\n<p style=\"font-weight: 400\">Hier kann wieder das medizinische Modell herangezogen werden, um den Vorfall zu erkl\u00e4ren. Nenad wurde seiner Diagnose gleichgesetzt. Sie und deren Therapie standen so sehr im Fokus, dass dem Menschen hinter der Diagnose kein Interesse mehr geschenkt wurde. Schulz beschreibt dies als \u201eSubjektivationsmuster\u201c, in dem alle Schu\u0308ler*innen \u201egema\u0308\u00df einer typisierenden Zuschreibung als unterschiedlich (un-)fa\u0308hig markiert und klassifiziert\u201c werden (Schulz in Konz\/Schr\u00f6ter 2022, 117).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Aufgrund dessen ist vermutlich nie jemand auf die Idee gekommen, andere Gr\u00fcnde in Erw\u00e4gung zu ziehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Im Sinne der Inklusion h\u00e4tte aber genau dies versucht werden m\u00fcssen, den Mensch in seiner Gesamtheit sehen und M\u00f6glichkeiten zu schaffen, die Bildung zu erm\u00f6glichen. Dies w\u00e4re z.B. mit zus\u00e4tzlicher Sprachf\u00f6rderung m\u00f6glich gewesen, sodass einer Regelbeschulung nichts im Weg gestanden h\u00e4tte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\n<p style=\"font-weight: 400\"><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\n<p style=\"font-weight: 400\">Deutsches Institut f\u00fcr Menschenrechte (o.J.): Artikel 24 UN-BRK.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Online Verf\u00fcgbar unter: <a href=\"https:\/\/www.institut-fuer-menschenrechte.de\/menschenrechtsschutz\/datenbanken\/datenbank-fuer-menschenrechte-und-behinderung\/detail\/artikel-24-un-brk\">https:\/\/www.institut-fuer-menschenrechte.de\/menschenrechtsschutz\/datenbanken\/datenbank-fuer-menschenrechte-und-behinderung\/detail\/artikel-24-un-brk<\/a> (letzter Aufruf 28.4.23)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Schulz, Miklas (2022): Die Entdeckung pa\u0308dagogischer Individualita\u0308t. Normalisierung und Ver-Anderung als Mechanismen differenzpa\u0308dagogischen Denkens am Beispiel der Intersektion von Dis\/ability und Migration, in: Konz, Britta \/ Schro\u0308ter, Anne (Hrsg.), DisAbility in der Migrationsgesellschaft Betrachtungen an der Intersektion von Behinderung, Kultur und Religion in Bildungskontexten, Klinkhardt, S. 111-124<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Waldschmidt, Anne (2020): Jenseits der Modelle, in: Brehme, David; Fuchs, Petra; Ko\u0308bsell, Swantje; Wesselmann, Carla (Hg.): Disability Studies im deutschsprachigen raum. Zwischen Emanzipation und Vereinnahmung, Beltz, S. 56-73.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Welche Bedeutung haben Modelle von Behinderungen sowohl f\u00fcr behinderte Menschen und ihre Teilhabe M\u00f6glichkeiten allgemein als auch im Kontext Schule? Modelle im Allgemeinen sollen Realit\u00e4t komplexit\u00e4tsreduzierend abbilden und stellt Annahmen vereinfacht dar (Waldschmidt in Brehme et al 202, S. 57). 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