50 Jahre Fachbereich Wirtschaftswissenschaft

Zeit der Gründung 1971-1975

 

Am 14.10.1971 ist die Eröffnungsfeier der Universität Bremen. Sie gilt als Reformuniversität. Traditionelle Strukturen, Verantwortlichkeiten und Abläufe werden, im Lichte der Studierendenbewegung der 68er-Jahre, nicht nur hinterfragt, sondern als sogenanntes „Bremer Modell“ auch neu gestaltet. Gründungsrektor ist Professor Dr. Thomas von der Vring. Am 19.10. erfolgte die Aufnahme des Lehrbetriebs mit 459 Studierenden in den Gebäuden des heutigen GW1. Bereits im ersten Semester wird Wirtschaftswissenschaft als Fach angeboten. Die Gründungszeit und auch die anschließenden Jahre waren durch politische Flügelkämpfe in der Universität geprägt. Von Frühjahr 1974 bis 1977 war Professor Dr. Hans-Josef Steinberg Rektor der Universität. Mit seiner Amtszeit ist die intensive Auseinandersetzung mit der damals einmaligen Drittelparitäts-Regel zwischen Professor*innen, Studierenden und Verwaltungsmitarbeiter*innen verbunden.

In die Zeit der Gründung fallen die Neue Ostpolitik mit dem Transitabkommen und dem Grundlagenvertrag. Bundeskanzler Willy Brandt erhält 1971 den Friedensnobelpreis. Greenpeace und Ärzte ohne Grenzen werden gegründet. Der Vietnamkrieg endet erst 1975. Im Jahr 1972 finden die Olympischen Spiele in München statt. Und 1973 erlebt Deutschland die erste Ölkrise. Wassily Leontief erhält 1973 den Wirtschaftsnobelpreis. Helmut Schmidt wird 1974 Bundeskanzler. Ebenfalls im Jahr 1974 kommt der VW Golf auf den Markt und Deutschland wird Fußballweltmeister.

 

Professorinnen und Professoren
Biesecker Adelheid Ökonomische Theorie unter bes. Berücksichtigung ihrer gesellschaftlichen Entstehungsbedingungen 1971-2004
Gerstenberger Heide Theorie der bürgerlichen Gesellschaft und des Staates 1974-2005
Grenzdörffer Klaus Angewandte Wirtschaftstheorie einschl. Ökonometrie und Statistik 1972-2002
Heide Holger Stadt- und Regionalplanung unter bes. Berücksichtigung der Umweltplanung 1974-2004
Hickel Rudolf Wirtschaftswissenschaft mit dem Schwerpunkt Wirtschaftspolitik und Finanzwissenschaft 1972-2009
Huffschmid Jörg Politische Ökonomie und Wirtschaftspolitik 1973-2005
Hüttner Manfred Betriebswirtschaft 1972-1995
Jaroslawski Halina Sozialistische Wirtschaftssysteme, internationale Wirtschaftsbeziehungen, Wirtschaftsintegrationen 1971-1987
Kalmbach Peter Wirtschaftswissenschaften mit dem Schwerpunkt Verteilungstheorie und -politik 1975-2005
Leithäuser Gerhard Wirtschafts- und Entwicklungspolitik 1972-2000
Schaefer Heinz Wirtschaftswissenschaften mit dem Schwerpunkt empirische Wirtschaftsforschung 1974-2004
Steiger Otto Allgemeine ökonomische Theorie, insbesondere Geldtheorie und Makroökonomik 1973-2005
von der Vring Thomas Politische Ökonomie mit den Schwerpunkten Arbeitsmarkt und europäische Integration 1970-2000
Wohlmuth Karl Vergleich ökonomischer Systeme 1971-2008
Vorsitzende der Fachsektion
Vorsitzende der Fachsektionen
Hickel Rudolf SoSe 1974
Wohlmuth Karl WiSe 1974/75 – SoSe 1975
Hickel Rudolf WiSe 1975/76
Statement von Klaus Grenzdörffer

26.01.2021

In der Anfangsphase duzten Professorinnen und Professoren sich mit den Studenten. (Damals wurde noch nicht von „Studentinnen und Studenten“ oder von „Studierenden“ gesprochen.) Der Grund ist darin zu sehen, dass viele der Studenten von anderen Universitäten kamen, wo sie schon einen großen Teil des Studiums absolviert hatten. Sie waren also älter als diejenigen, die nach dem Abitur mit einem Studium beginnen, und – vor allem – sie waren ähnlich wie ihre jungen Professorinnen und Professoren in gesellschaftskritischen Diskussionen sozialisiert. Zwanzig Jahre vorher haben Studenten an den etablierten Universitäten sich sogar untereinander mit „Sie“ angeredet. Wird in Zukunft Englisch als Sprache der Wissenschaft die Anrede mit „Du“ verbreiten?

In ISES, dem Integrierten Sozialwissenschaftlichen Eingangsstudium, waren Lehrende und Studierende der drei Studiengänge Wirtschaftswissenschaft, Sozialwissenschaft und Rechtswissenschaft versammelt. Damit sollte den Studierenden die inhaltliche Verflechtung dieser drei Fachgebiete bewusst gemacht werden. Eine Interdisziplinarität wird auch heute allgemein begrüßt, vielleicht war diejenige von ISES zu breit angelegt. Neben dem Kurs „Struktur und Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft“ wurde der Kurs „Arbeitsmarkt und Beruf“ angeboten. Damit wurden die Studierenden mit der Frage, welche berufliche Position sie nach Abschluss einnehmen könnten, nicht allein gelassen. Sie sahen sich Vorwürfen ausgesetzt, dass sie sich vergebliche Mühe machten, weil ihr gesellschaftskritisches Wissen ihnen später nichts nützen würde. Demgegenüber steht, dass einer dieser Bremer Diplomökonomen an einer anderen Universität zum Professor berufen wurde, ein zweiter zum Oberbürgermeister einer Großstadt gewählt wurde und ein dritter ein erfolgreiches Immobilien- und Finanzunternehmen geleitet hat. Einer der Gründe für berufliche Erfolge der Absolventen war wohl, dass sie besser als ihre Kollegen an anderen Universitäten gelernt hatten, ein Streitgespräch mit passenden Argumenten zu führen.

Hin und wieder gab es zu wichtigen Entscheidungen große studentische Versammlungen, in denen jeder Student, jede Studentin seine/ihre Meinung sagen und einen Antrag stellen konnte. Nicht zugelassen war ein Antrag am Ende eines Redebeitrags auf „Schluss der Debatte“, weil andere ja ebenfalls noch etwas sagen wollten. Diese Regel hat meine Aufmerksamkeit auf Situationen in privater Kommunikation geschärft. Ein Beispiel: Ich unterhalte mich in kleiner Gruppe über die Alternative „Auto oder Bahn“. Ein Teilnehmer sagt seine Meinung dazu und wechselt das Thema mit einem Bericht über seine Erlebnisse in einer anderen Stadt. Wenn die anderen ihm mit eigenen Berichten folgen, kann die Unterhaltung weiter gut verlaufen. Möglicherweise kommt aber ein zweiter Teilnehmer nicht mehr dazu, seine eigene Meinung zu „Auto oder Bahn“ zu sagen. Vielleicht hat der Erste sogar die zweite Meinungsäußerung bewusst unterbinden und die Aufmerksamkeit auf sein eigenes Interesse lenken wollen. Dieses Problem ist heute unter dem Stichwort „Aufmerksamkeitsökonomie“ bekannt. Dann entwickelt sich die Kommunikation nicht gleichberechtigt. Vielleicht aber – und damit möchte ich das Beispiel zu einem versöhnlichen Ende führen – ist der Zweite durch den abrupten Themenwechsel auf eine neue Idee gekommen, die für die Gruppe uninteressant ist und die er hier nicht äußern möchte. In diesem Fall hat das Gespräch zu einem kreativen Ergebnis geführt.

Das erste Gebäude der Universität war GW1. Ein Weg dorthin führte über die Bahngleise an der Achterstraße. Neben dem Bahnübergang befand sich ein kleines Wäldchen. Darin sammelten sich im Herbst viele Dohlen, die dicht nebeneinander auf den Ästen saßen oder kurz im Schwarm umherkreisten, bis sie eines Tages verschwanden, also offensichtlich nach Süden flogen. In angrenzenden Wiesen war ab und zu ein Fasan zu sehen. Heute steht dort das Gebäude NW1.

Das Konzept des Forschenden Lernens führte zu dem Studium in Projekten. In Diskussionen zum Forschenden Lernen legte eine bundesdeutsche Arbeitsgruppe auch einen Vorschlag zum Verlauf der mündlichen Prüfung vor. Der Grundgedanke: Nicht die Prüfenden stellen Fragen, sondern die Prüflinge. Es sei möglich, intelligente Fragen von dummen, intelligente Gesprächsführung von mangelhafter zu unterscheiden. Dieser Vorschlag wurde nie ernsthaft erwogen, schon gar nicht realisiert. 

Im Herbst 1994 entstand eines Nachts im Gebäude GW2 ein Schwelbrand, der sich durch die Deckverkleidung und Wände ausbreitete. Wir durften unsere Räume am nächsten Morgen wegen möglicher Giftstoffe nicht betreten. Wir erhielten in anderen Gebäuden Räume zugewiesen, auch unsere Unterlagen und Bücher wurden dorthin gebracht. Einige Kollegen und ich kamen in einem kleinen Nebengebäude unter. Dorthin wurden für uns Professoren je ein PC (ein Personal Computer, der zwar personal zugeordnet ist, aber nicht für computing genutzt wird) geliefert, der von der Universität zur Verfügung gestellt wurde. Am Tag nach der Lieferung waren diese PCs verschwunden, bei einem Einbruch über Nacht gestohlen; auch weitere neue elektronische Geräte, die ein Kollege aus seinen Forschungsmitteln gekauft hatte. War der Zeitpunkt des Einbruchs wirklich zufällig? Die Täter wurden nie ermittelt. Nach einiger Zeit erhielten wir neue PCs. Bei deren Nutzung konnten wir noch manchen Tipp von den Sekretärinnen bekommen, die schon seit zwei Jahren vorher mit einem derartigen Gerät gearbeitet hatten. Wir waren also ihre Schüler. Wir Professoren schrieben unsere Texte selbst, nutzten also nicht mehr das Diktiergerät. Die Sekretärinnen bekamen mehr eigenverantwortliche Arbeit, befürchteten auf der anderen Seite eine ungeliebte Neustrukturierung ihrer Tätigkeit. Für mich bedeutete diese Schreibart keine zusätzliche Mühe, sondern eher eine Erleichterung, weil ich die eigenen Textentwürfe schneller korrigieren und für spätere Zwecke speichern konnte.

Statement von Rudolf Hickel

Blick zurück auf die „Rote Kaderschmiede“: Nur noch die Erfolge des „Bremer Modells“ zählen heute

Rudolf Hickel

Bremen, den 21. Juli 2021

Zum fünfzigsten Geburtstag blickt Bremens Alma Mater auf eine zu­erst rebellische, heute jedoch zukunftsfähige Erfolgsgeschichte zu­rück. Dazu beigetragen hat auch der für die Wirtschaftswissenschaf­ten zu­ständige Fachbereich 7. Dessen Geschichte ist nach dem Prin­zip „Trial and Error“ – wie die der gesamten Uni – ziemlich bewegt ver­laufen. Wenn ich jetzt als einer von Anfang an engagierten Akteure zurück­blicke, dann versuche ich eine objektive Bewertung aus der zeitlichen Distanz.

 

Im September 1970 ereilte mich als damaliger wissenschaftlicher As­sistent an der damals anderen „Reform“-Uni Konstanz am Bodensee der Anruf mit dem Angebot einer Stelle an der Gründungsuni Bre­men. Damals dachte ich, Reformuni hätte ich mit dem Wechsel von Tübingen nach Konstanz schon mal geübt. Aber der Unterschied hätte nicht größer sein können. Die Uni Konstanz erfüllte dem Lan­desvater Kurt Georg Kiesinger allerdings den Wunsch nicht, ein „Harvard am Bodensee“ zu werden. Aus der Gründungsphase mit Eckprofesso­ren wie Ralf Dahrendorf, mit dem ich während meiner Ar­beit in Bre­men noch persönlich im Gespräch gewesen bin, entwickelte sich eine heute international erfolg­reiche Universität in der staatlichen Hoch­schullandschaft. In Bremen verlief die Gründung auch aus den Erfah­rungen mit der Studentenbe­wegung und der ent­schiedenen Absage an die autoritäre Ordinarienuniversi­tät, die be­kanntermaßen im Nazi­faschismus auf breiter Front versagt hatte, zu­gespitzt. Zur Kritik an der universitären Ordinarienherrschaft lohnt sich der Blick in das 1967 durch meinen hoch geschätzten, viel zu früh verstorbenen Kollegen Stephan Leibfried herausgegebene Buch „Wider die Unterta­nenfabrik -Handbuch zur Demokratisierung der Hochschule“.

Also, ich war von Anfang an mit den zwei Arbeitsschwerpunkten da­bei: Fest­le­gung der allgemeinen Uni-Strukturen auch als Mitglied im Akademi­schen Senat sowie beim Aufbau des Fachbereichs Wirt­schaftswissen­schaft. Bis in die Details der Formulierungsarbeit war ich beim Aufbau des Fach­bereichs und vor allem den oftmals wech­selnden Studienordnungen dabei.

Zweifellos sind auch deutliche Fehler beim Einstieg in ein refor­mier­tes Ökonomiestudium gemacht worden. Aber die positiven Re­form­elemente des „Bremer Modells“, die mit dem Kampfbegriff von der „roten Kaderschmiede“ von außen angegriffen wurden, ha­ben sich bis heute gelohnt. Übrigens wird dies durch die vielen berufli­chen Er­folgsstories der Absolventinnen und Absolventen, die sich auch als Alumni geäußert haben, belegt:
 
* Die mit dem „Integrierten Sozialwissenschaftlichen Eingangsstu­dium (ISES)“ angestrebte Interdisziplinarität war vorbildlich. Mit ihr konnte deutlich gemacht werden, dass es sich lohnt, die ökonomi­schen Herausforderungen als historisch gewachsene, gesellschaftlich-politisch und rechtlich relevante zu erfassen. Enthusiasmus einer­seits, aber auch andererseits Skepsis einiger Lehrenden, die nicht auf ihre alten Manu­skripte zugreifen konn­ten, prägten die Implemen­tierung. Mit Verlaub, die hoch qualifizierten „Fachidi­oten“ mussten eben auch dazu lernen. Oft wird übersehen, dass das ISES um Ver­mittlung von Fachwissen zur Ökono­mik und der Wirtschafts- und Fi­nanzpolitik ergänzt wurde.

* Im Hauptstudium dominierte das Studium in Projekten. Kon­zentriert auf ein Projekt – mein erstes Projekt galt den „Bremer Hä­fen“ – wurden die ökonomischen Zusammenhänge erarbeitet. Dazu gehörten auch Arbeitsverhältnisse und die Rolle des Staates gegen­über der Privatwirtschaft. Im Mittelpunkt stand nicht nur die Praxis­relevanz aus der Sicht des Rendite optimierenden Unternehmens, sondern auch für die wert­schöpfenden Beschäftigten.

* Während anfangs gelegentlich zu stark die Politische Ökonomie in der Tradition von Karl Marx die Lehre dominierte, rückte bald ein konstruktiver Pluralismus, also die Gegenüberstellung von Denkschu­len, in den Mittelpunkt. Beispiel: Fiskalismus (Keynes) versus Moneta­ris­mus (Friedman) bzw. Marktorthodoxie gegenüber gesellschaftli­chen Perspektiven. Die heute weltweit geforderte „plurale Ökono­mik“ ist damals in Bremen bereits angeboten worden. Dazu gehörte auch die empirische Absicherung analytisch fundierter Aussagen. Nicht die rechthaberische Bestätigung tradi­tionsreicher Glaubens-
s­ätze galt unserer Arbeit, sondern im Sinne von Karl Popper der Öff­nung zur Falsifikation zur Widerlegung, um wis­sen­schaftlich wei­terzu­kommen. Gesucht wurden nicht die weißen, son­dern schwarzen Schwäne. Dies musste die in sich festgefügte Mainstream-Economics provozieren.

Gegenüber diesen Zielen war es allerdings ein schwerwiegender Gründungsfehler, die Betriebswirtschaftslehre nicht von Anfang an auf- und auszubauen. Die anfängliche Sorge, durch die BWL würden die Unternehmensinteressen etabliert, wurde aller­dings gründlich korrigiert. Übrigens dominiert heute die BWL im wei­testen Sinne. Mit der Suche nach den Ursachen des anfängli­chen BWL-Boy­kotts ist mir klargeworden, hier haben auch schnöde persönliche Interessen zu Fehlentscheidungen geführt. Mein Dank gilt meinem Kollegen Man-
f­red Hütt­ner, der als erster BWLer seine Zunft unter harten Be­dingun­gen er­folgreich ver­treten hat.

Aus der heutigen Sicht  lassen sich für das Gesamtprojekt Uni Bremen einige Gründungsfehler, die auch den  Fachbereich Wirtschaftswis­senschaft getroffen haben, erkennen:
 
– Verzichtet wurde im Unterschied zur Gründung der Uni Konstanz auf „Eckprofessoren“. Damals waren die Ängste vor einer neuen au­toritären Ordinarien-Uni sehr stark. Allerdings wurde dadurch die Macht der Planungskommissionen mit den nicht immer ausreichend kompetenten Zugereisten vor allem aus Berlin viel zu groß. Übrigens hatte schnell die Verwaltung das durch die fehlende Gründungspro­fessorenschaft entstandene Vakuum besetzt.

– Zu Beginn wurde wegen der Sorge der Etablierung alter Abhängig­keiten auf wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ver­zichtet. Dies war ein Fehler, der allerdings zügig korrigiert worden ist.

– Die anfangs geradezu apodiktisch abgelehnte Einrichtung von Insti­tuten war falsch. Ich bin relativ bald aktiv geworden, diesen auch von mir zu verantwortenden Fehler zu korrigieren. Heute sind die In­sti­tute vor allem für forschendes Lernen eine Qualitätssäule der Uni Bre­men.

Mein Rat nach dem versöhnlichen Blick zurück:  Wir sollten uns durch die Etikettierung der Gründungsphase als „rote Kaderschmiede“ nicht von den erfolgrei­chen Bausteinen ablenken lassen. Bei der Suche nach Gründen dieser diffamierend gemeinten Etikettie­rung bin ich fündig geworden. Den Uni-Auf­bau prägte der heute noch in der Ge­sellschaft spürbare Wandel nach der Studentenbewegung, vor allem die Forderung nach einem diskriminierungsfreien, gerechten Zugang auch für Arbeiterkinder zu den Hochschulen. Und die Familien der hanseatischen Traditionswirtschaft, die ihre Söhne lieber ins befreun­dete Kontor nach London als an die Uni schickten, fühlten sich provo­ziert, ja, be­droht. Gegen diese Vorurteile hat sich die Uni eindrucks­voll durchge­setzt. Heute weiß die Bremi­sche Wirtschaft die Uni mit ihrem Netz­werk zu schätzen. Also, die produktiven, heute weltweit anerkannten Elemente des Bremer Mo­dells verdienen auch nach 50 Jahren Univer­sität weiter entwickelt zu werden: Interdisziplinarität, Praxisorien­tierung auch mit Blick auf die Beschäftigungsverhältnisse, Anerken­nung wissenschaftlicher Plurali­tät vor allem in den durch Kontrover­sen gekennzeichneten, gesell­schaftlich relevanten Diszipli­nen, for­schendes Lernen und Vermei­dung autoritärer Strukturen.

Und zum Schluss eine gastronomische Erinnerung:
Wegen der vielen Zugereisten haben die Sitzungen in der Gründungs­phase am Wochenende in dem einzig und allein am Campus vorhan­denen drei Blöcken des Leussink-Gebäudes, benannte nach dem ers­ten Bundesministers für Bildung und Wissenschaft, stattgefunden.

In den Essenspausen am Wochenende setzte der Run ins idyllische „Haus am Walde“ ein. Wohl auch mit diesen Einnahmen hat der da­malige Wirt den Anbau, der heute immer wieder durch Uni-Leute ge­nutzt wird, finanziert. Später bat ich den sympathischen Gastrono­men, mir mal für die Finanzierung dieses mittlerweile neu gestalteten Anbaus ein Bier auszugeben. Der Gastwirt lehnte getreu dem einzel­wirtschaftlichen Tauschprinzip „do ut des“ ab: Dann könnten ja noch viele andere mit der For­derung nach einer „Gegenleistung“ für die Fi­nanzierung des An­baus kommen. Das „Haus am Walde“ gilt für mich als der gastronomische Eckpfeiler beim Ausbau der Universität heute als Alma Mater im Technologie-Wissenschaftspark.

 

Statement von Peter Kalmbach

Die Universität Bremen und ihr Fachbereich Wirtschaftswissenschaft

Peter Kalmbach

Mai 2021

 

1. Reformuniversität mit Startschwierigkeiten

Die Universität Bremen hat sich schon in ihrer Gründungsphase einen besonderen Ruf erworben. Für die einen war sie und ihr Konzept Hoffnungsträgerin und Vorreiterin für eine neue und bessere Universität, mit der die Missstände der alten „Ordinarienuniversität“ nun endlich überwunden werden sollten. Aber schon vor ihrer Eröffnung erlebte die „Reformuniversität Bremen“ auch Gegenwind. Deren Konzepte, mit denen man der herkömmlichen Universität zeigen wollte, wie eine moderne Universität beschaffen zu sein habe und funktionieren müsse, wurden bald kritisch kommentiert und z.T. scharf abgelehnt.

Nach der Eröffnung im Spätherbst 1971 verstärkte sich die Kritik. Auch andere Universitätsneugründungen der 60er und frühen 70er Jahre hatten Anlaufschwierigkeiten, aber es war insbesondere die Uni Bremen, die unter besonderer bundesweiter Beobachtung stand. Dass der „Bund Freiheit der Wissenschaft“ – eine Vereinigung konservativer Professoren – den Reformen sehr kritisch gegenüberstand und damit dieser neuen Universität geradezu feindlich, konnte kaum verwundern. Schon eher, dass die „Frankfurter Allgemeine“ kein gutes Haar an ihr ließ und mehrfach Polemiken veröffentlichte, die Zweifel erweckten, dass hinter den Verfassern und Herausgebern wirklich „kluge Köpfe“ steckten, wie das in der Werbung für diese Zeitung ihren Lesern attestiert wurde. Die Charakterisierung der Universität als „rote Kaderschmiede“ in einer Tageszeitung, die sonst so viel Wert darauf legte, seriös zu erscheinen, war jedenfalls nicht nur polemisch, sondern hat denen in der Universität, die daran arbeiteten, die Kinderkrankheiten schnell zu überwinden, die Arbeit sehr erschwert. Nicht sehr überraschend, hat diese Etikettierung manchen hoffnungsvollen Wissenschaftler davon abgehalten, sich an die Uni Bremen zu bewerben und ebenso manchen begabten Studierenden, an einer so schlecht beleumundeten Universität zu studieren.

Aber nicht nur überregional, auch in Bremen selbst tat sich die Universität schwer. Die Hansestadt Bremen hatte ja keine Universitätstradition und so war das Land Bremen bis 1971 das einzige Bundesland geblieben, das keine Universität hatte. Insofern war es kaum verwunderlich, dass schon die Pläne für eine eigene Universität keineswegs von allen begrüßt wurden. Als die Gründung schließlich beschlossene Sache war, musste die Entscheidung über den genauen Standort getroffen werden. Sie fiel zugunsten einer Campus-Universität deutlich außerhalb den Toren der Stadt. Der pragmatische Grund dafür war vermutlich, dass man die Probleme altehrwürdiger Universitäten vermeiden wollte, die oft gezwungen waren, nur in ganz verschiedenen Gegenden ihrer Stadt Raum für neu hinzukommende Fächer oder Institute zu finden, weil am Standort der Universität keine oder nur geringe Erweiterungsmöglichkeiten bestanden. Bei einer Neugründung nahm man dabei aber in Kauf, dass die Standortentscheidung eine schnelle Integration von Stadt und Universität doch erheblich erschwerte. Dass erst Jahre nach Aufnahme des Lehrbetriebs eine Straßenbahnlinie bis zur Universität verlängert wurde, kam erschwerend dazu und war zudem für die Studierenden ohne eigenes Fahrzeug – und das waren in den siebziger Jahren die meisten – mühsam, da die meisten zeitraubende Anfahrtswege hatten.

War so schon der Boden bereitet, dass das Verhältnis zwischen dieser neuen Universität und den Bremern erst einmal frostig blieb, kam natürlich die schlechte Presse über die Universität Bremen dazu. Wie ich 1975, also vier Jahre nach ihrer Eröffnung, dann als Neuberufener persönlich erfahren sollte, standen viele Bremer Bürger der Universität nicht nur aus den politischen Gründen ablehnend gegenüber, die in der Berichterstattung der überregionalen Presse im Vordergrund standen. Das konnte ich bei meiner Wohnungssuche für mich und meine Familie erfahren. Deren Ziel war es natürlich nicht, Feldforschung zu betreiben, vielmehr möglichst rasch eine geeignete Mietwohnung zu finden, um meine Familie nachholen zu können. Die Gespräche mit potenziellen Vermietern wurde dann aber zu einer – natürlich nicht-repräsentativen –Ministudie über deren Einstellung zur Universität, die zu diesem Zeitpunkt vier Jahre alt war.

Interessanterweise waren es kaum einmal politische Positionen, die von Universitätsangehörigen geäußert worden waren, die auf Ablehnung stießen. Was bei den Bremer Haus- oder Wohnungseigentümern, denen ich gegenüber saß, Empörung auslöste, war etwas anderes, nämlich, dass schon bald nach Eröffnung einige der Betonwände der Uni-Neubauten von Sprayern mit Parolen besprüht worden waren. Dabei war es nicht die Dämlichkeit dieser Botschaften sondern der Sachverhalt, dass neuerrichtete Gebäude, die der Steuerzahler gewissermaßen spendiert hatte, verunstaltet worden waren und nun – wiederum auf Kosten des Steuerzahlers – aufwändig restauriert werden mussten.

Ich, der ich keinerlei Neigungen je gespürt hatte, Gebäude zu besprühen und vermutlich nie verstehen werde, wieso das jemand für einen politischen Akt halten kann, war jedenfalls nicht nur in meiner Eigenschaft als Steuerzahler ein weiterer Geschädigter: Der Beamtenstatus, den die Professur mit sich brachte, konnte die Wohnungseigentümer offenbar nicht dafür kompensieren, dass der Bewerber an einer Institution beschäftigt war, wo solche Dinge geschehen konnten. Jedenfalls musste ich mehrere Absagen hinnehmen und meiner Familie mehrfach mitteilen, dass aus einer ihr schon angekündigten Wohnung wieder nichts geworden war. Da man mir bei meinen verschiedenen gescheiterten Mietversuchen mehrfach am Ende mitteilte, dass man sich für einen Rechtsanwalt entschieden habe, war es gut, dass ich auch kein Anhänger von Verschwörungstheorien war, hätte ich sonst doch auf die Idee kommen können, dass es da in Bremen irgend einen Juristen gab, der all die Wohnungen anmietete, die ich gerne gehabt hätte.

 

2. Erste Bekanntschaft mit dem Fachbereich Wirtschaftswissenschaft

Meinen Mietversuchen, die sich über mein gesamtes erstes Semester in Bremen, also das ganze Sommersemester 1975 hinzogen, war bereits ein erstes Kennenlernen der Universität Bremen und des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaft im Jahr 1973 vorausgegangen.

Das kam so. In meiner Dissertation hatte ich mich vor allem mit Wachstums- und Verteilungstheorie beschäftigt. Nach deren Abschluss habe ich mich dann stärker der Keynesianischen Theorie und der sich Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre daran verstärkenden Kritik zugewandt. Der Anlass dafür war, dass ich vom Herausgeber einer neuen wissenschaftlichen Reihe des Nymphenburger Verlags angesprochen wurde, ob ich nicht einen Band über eine ökonomische Frage beisteuern wolle, da die Ökonomie in dieser Publikationsreihe bisher nicht vertreten sei. Dieses Angebot habe ich dann genutzt, um den Band „Der Neue Monetarismus“ herauszugeben. Die darin versammelten, größtenteils aus dem Angelsächsischen übersetzten Beiträge befassten sich mit der vor allem von Milton Friedman an Keynes geübten Kritik und dessen Versuch eines Gegenentwurfs, des sogenannten Neuen Monetarismus.

Dieser Band wurde gut aufgenommen und – was den Verlag sicher noch mehr freute – auch recht gut verkauft. Mich hat das ermuntert, meine erste Bewerbung auf eine Hochschullehrerstelle zu verschicken – an den Fachbereich Wirtschaftswissenschaft der Universität Bremen. Der hatte eine Stelle über „Fiskalismus und Monetarismus“ ausgeschrieben und das schien mir ganz gut zu dem zu passen, womit ich mich zuletzt intensiv befasst hatte.

Tatsächlich wurde ich auch zu einer Anhörung eingeladen und hatte so die Gelegenheit, Bremen – wo ich zuvor noch nie war – und diese neue Universität ein wenig kennenzulernen. Natürlich war mir bekannt, dass das „Bremer Modell“ recht umstritten war und die Universität im Kreuzfeuer der Kritik stand. Umso neugieriger war ich, was mich da wohl erwarten würde.

Und das war dann schon einiges. So bot die „Anhörung“ die Gelegenheit, die Drittelparität bei einer ihrer sensibelsten Aktivitäten in voller Aktion zu sehen: dem Berufungsverfahren. Damals – also bevor das einige Jahre später durch ein Hochschulrahmengesetz des Bundes geändert wurde – war es durchaus möglich, dass jemand auch gegen die Mehrheit der Hochschullehrer berufen werden konnte – jedenfalls theoretisch, denn der Senator für Wissenschaft (anderswo Kultusminister genannt) konnte eine Berufungsliste in der Reihenfolge verändern oder sogar im Ganzen zurückweisen, so dass ihm genügend Raum blieb, nicht gewollte Bewerber zu vermeiden.

Einiges an dieser Anhörung war schon etwas gewöhnungsbedürftig. Damit, dass sie als eine jedem zugängliche Veranstaltung aufgezogen war, konnte ich gut leben. Störend war eher, dass die meisten der Besucher keinen langen Atem hatten und deshalb ein ständiges Kommen und Gehen herrschte, so dass man sich ein wenig wie ein Bewerber vorkam, der auf einem Bahnsteig vor ständig wechselnden Reisenden seinen Bewerbungsvortrag halten musste.

Aber auch die Berufungskommission hielt so ihre Überraschungen bereit. Auf Seiten der Hochschullehrer waren keineswegs nur Professoren der Universität Bremen vertreten sondern auch solche aus anderen Universitäten, von denen man als Bewerber nicht wusste, weshalb sie es gerade waren, die in die Berufungskommission geraten waren. Ich erinnere mich, dass bei der Stelle, auf die ich mich beworben hatte, Prof. Werner Meissner das große Wort führte, von dem ich wusste, dass er als methodologisch orientierter Wissenschaftler begonnen, sich dann aber zu einem immer schärferen Kritiker der herrschenden Wirtschaftswissenschaft entwickelt hatte. Da die Bewerber insgesamt, mich eingeschlossen, keine ausgesprochenen Mainstream-Ökonomen waren, konnte man nicht wissen, ob das die eigenen Chancen eher erhöhte oder minderte.

Am wenigsten einschätzen konnte ich die zweite Gruppe der drittelparitätisch Agierenden, die „Dienstleister“. In den primitivsten der kritischen Medien konnte man damals die genüssliche Feststellung lesen, in Bremen würden die Putzfrauen darüber mitentscheiden, wer Professor werden dürfe. Damals sprach zwar noch niemand über „fake news“, aber auch ohne dass es einen Begriff für solche realitätsfernen – oder besser: mit Kalkül verlogenen – Aussagen gab, hatte das nichts mit dem tatsächlich vorliegenden Sachverhalt zu tun. Ich weiß zwar nicht, ob Reinigungsdienste damals schon an Drittfirmen ausgelagert waren und ob das demnach noch nicht einmal theoretisch der Fall sein konnte. Wie mir erst später klar wurde, als ich dann wirklich ein Mitglied der Universität Bremen geworden war, war der typische Dienstleister aber ein ganz anderer Typus und jemand, der aus der Drittelparität mehr Vorteile zog als irgend ein anderer an der Universität.

Schon als die Entscheidung für die Gründung einer Universität Bremen fiel, musste es karriereorientierten Beamten und Beamtenanwärtern des Bundeslandes Bremen klar sein, dass an einer solchen Neugründung mit wahrscheinlichem erheblichen Wachstum die besten Karrierechancen im Lande Bremen bestehen mussten. Mit der Entscheidung, dort eine Drittelparität zu praktizieren, stiegen die Karrierechancen, die diese neue Institution bot, noch einmal beträchtlich. Da nämlich damit gerechnet werden musste, dass die neuen Ideen, die an der Universität Bremen verwirklicht werden sollten, eher linke Hochschullehrer und linke Studenten anlocken würden, wurde es in den Augen der – ihren Bekundungen nach – reformfreudigen, aber eben doch auch an Kontrolle und Stabilität interessierten Politiker umso wichtiger, in der Universität einen stabilisierenden Faktor zu installieren. Den bildeten die „Dienstleister“. Sie konnten – oder wollten – es sich als öffentliche Angestellte oder Beamte nicht leisten, entscheidend von dem abzuweichen, was ihre Behörde wollte und haben insofern ihre Rolle als Stabilisierungsfaktor gespielt.

Erst viel später habe ich auch erst gesehen, inwiefern die Universität Bremen für diese Inanspruchnahme der „Dienstleister“ bezahlt hat. Nach meinem Eindruck sind – jedenfalls lange Zeit – diejenigen Mitarbeiter der Universität mit schnellen Beförderungen belohnt worden, die sich vor allem in den – zeitweise überbordenden – drittelparitätisch besetzten Gremien der Universität engagierten und dabei ihre eigentliche Dienstleistungsfunktion eher vernachlässigten. Das hat dann natürlich auch bei denjenigen Frustrationen ausgelöst, die sich für ein entgegengesetztes Verhalten entschieden, also dafür, gute Arbeit in ihrer jeweiligen beruflichen Position zu leisten. Die Folge war, dass der sogenannte „Dienstleistungsbereich“ seiner Servicefunktion für den wissenschaftlichen Bereich häufig eher schlecht nachkam. Beispiel gefällig? Als es mir gelang, zusammen mit einigen Kollegen, vor allem Heinz Kurz und Harald Hagemann, ein größeres Drittmittelprojekt der Stiftung Volkswagenwerk einzuwerben, das es ermöglichte, wissenschaftliche Mitarbeiterstellen zu finanzieren, habe ich mit der für Bauten und damit für die jetzt benötigten Büros zuständigen Stelle Kontakt aufgenommen, um darauf hinzuweisen, dass für die neueinzustellenden Mitarbeiter(innen) Arbeitsplätze in der Universität benötigt würden. Die erschütternde Reaktion des zuständigen „Dienstleisters“: Wie könne man nur ein Drittmittelprojekt einwerben. Jeder in der Universität müsse doch wissen, dass kein weiterer Raum verfügbar sei!

Mit der dritten Gruppe, die im Rahmen der Drittelparität mitbestimmten, den Studierenden, hatte es in dieser frühen Phase der Universität eine besondere Bewandtnis. Da Bremen noch über keine eigenen Studierenden in höheren Semestern verfügte, konnte der Drittelparität nur Genüge getan werden, indem man Studierende aus anderen Universitäten für wesentliche Entscheidungen drittelparitätischer Gremien (also insbesondere für Berufungskommissionen) „einflog“. Im Fall „meiner“ Kommission waren es vor allem Studierende der Freien Universität Berlin, die diese Rolle übernahmen und offenbar großen Gefallen an der ihnen zugeflogenen Bedeutung fanden. So erinnere ich mich, dass mir noch vor meiner Anhörung ein Berliner Studentenvertreter mitteilte, sie hätten sich mit Professoren schon auf einen anderen Bewerber geeinigt, so dass es wohl für mich nichts mit der Stelle werde. Leutselig bot er mir gleichzeitig an, mich bei einer Bewerbung an eine Berliner Fachhochschule zu unterstützen, wenn ich mich dazu entschließe würde. Ich entschloss mich nicht.

Der Bewerber, den er unterstützen wollte, hat am Ende die Stelle übrigens nicht bekommen. Ich allerdings auch nicht. Es war vielmehr Otto Steiger, mein späterer Institutskollege am „Institut für Konjunktur- und Strukturforschung“, der überraschenderweise das Rennen machte. Den hatte ich kurz vor seiner und meiner Anhörung am Bremer Bahnhof kennengelernt, weil wir gleichzeitig ein Taxi zur Universität suchten, uns dann zusammen taten und auf der Fahrt feststellten, dass wir uns auf die gleiche Stelle beworben hatten, also als Konkurrenten im Bremer Taxi der Universität entgegenfuhren.

 

3. Und dann doch Universität Bremen

Meine Bewerbung in Bremen war für mich eine Art Probelauf gewesen. Insofern hat es mich nicht allzu sehr getroffen, dass diese erste Bewerbung an eine Universität zu keinem Erfolg geführt hatte. Ich habe 1973 von Winfried Vogt, Hochschullehrer an der Universität Regensburg, das Angebot erhalten, an einem Projekt des Max-Planck-Instituts in Starnberg mitzuarbeiten, habe dafür zugesagt und meine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität München dafür aufgegeben. Meine feste Absicht war, an diesem Projekt bis zu seinem Abschluss mitzuarbeiten und zuvor keine weiteren Bewerbungen vorzunehmen.

Aber es kam anders. 1975 wurde ich von einem hochrangigen Vertreter der Universität Bremen angesprochen und gefragt, ob ich mir vorstellen könne, mich auf eine Stelle in Bremen zu bewerben, die zu einer Hälfte im Fachbereich Wirtschaftswissenschaft angesiedelt sei, an dem ich ein reduziertes Lehrdeputat zu erbringen hätte, zur anderen an einer „Kooperationsstelle Arbeiterkammer“. Letztere war eine Organisationseinheit an der Universität Bremen, die die von Anbeginn der Universität an gewollte Zusammenarbeit der Universität mit Gewerkschaften befördern sollte. Dafür sollte ein Vertrag mit der „Arbeiterkammer Bremen“ dienen, wobei man wissen muss, dass es in Deutschland nur in Bremen und im Saarland noch Arbeiterkammern gab – eine öffentlich-rechtliche Konstruktion mit Zwangsmitgliedschaft der zugeordneten Arbeitnehmer, die nach dem 1. Weltkrieg entstanden war, sich aber sonst nur in Österreich gehalten hat. Da in Bremen die Arbeiterkammer fest in der Hand der Gewerkschaften war, handelte es sich bei dem Kooperationsvertrag aber faktisch um einen Vertrag zwischen Universität und Gewerkschaften.

Mir erschien damals dieses Angebot reizvoll. Ich würde zum einen als Hochschullehrer wirken, zum anderen aber auch meine Forschungen an Problemen ausrichten können, die ich mir nicht alleine ausdachte, vielmehr im Diskurs mit den Vertretungen der abhängig Beschäftigten erarbeiten würde und die auf diese Weise mehr Praxisbezug haben würden als das bei herkömmlichen Forschungsvorhaben der Fall war.

Ich habe die Stelle im April 1975 angetreten, musste dann aber recht bald erkennen, dass ich doch etwas blauäugig gewesen war, was die Zusammenarbeitsmöglichkeiten mit der – wie sich rasch zeigen sollte, sehr an regionalen Interessen orientierten und für eine Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern unvorbereiteten – Gewerkschaftsseite anbetraf. Eine regelmäßig im Gewerkschaftshaus stattfindende Sitzung der Mitarbeiter und Professoren der Kooperationsstelle mit einem Art von Aufsichtsrat, zusammengesetzt aus Vertretern verschiedener Gewerkschaften, diente kaum einmal dazu, Vorschläge von Forschungsprojekten mit den Gewerkschaftsvertretern zu diskutieren und abzustimmen. Die gaben vielmehr deutlich zu verstehen, dass sie sich von der Zusammenarbeit mit der Universität – und das hieß für sie vor allem: von der Arbeitsstelle Arbeiterkammer an der Universität und deren Professoren – vor allem Serviceleistungen für sich und ihre Mitglieder erhofften. Solche auch einmal und nebenbei zu leisten, wäre vermutlich kein Problem gewesen. So, wie dieser Anspruch vorgebracht wurde, war er aber ganz und gar unverträglich mit dem, was man als ein an eine deutsche Universität berufener Hochschullehrer einfordern musste, nämlich das Recht, an seiner Universität ergebnisoffen forschen zu können.

Die Unzufriedenheit auf beiden Seiten, vielleicht mitunter auch die Missverständnisse, nahmen zu und eskalierten dann in einer Klausursitzung. Der Industriesoziologe Michael Schumann und ich hatten uns in der Auseinandersetzung sehr engagiert und entschieden darauf bestanden, dass „Kooperation“ nicht heißen könn, dass uns Forschungsfelder oder gar Forschungsergebnisse vorgegeben werden. Was uns selbstverständlich erschien, wurde von einigen Gewerkschaftsfunktionären als Distanzierung, möglicherweise sogar als Arroganz wahrgenommen. Wir zogen aus all dem den Schluss, dass es für die Fortsetzung der Kooperation dienlicher sein würde, wenn wir daran nicht mehr beteiligt wären. Schumann, der Mitgründer des Göttinger Sofi-Instituts war, ging nach Göttingen zurück und übernahm an der Universität Göttingen eine Hochschullehrer-Stelle, ich stellte den Antrag, nunmehr mit einer ganzen Stelle an dem Fachbereich Wirtschaftswissenschaft arbeiten zu können, dem dann auch – mit Billigung des Fachbereichs – stattgegeben wurde.

Mit dem Fachbereich und einigen seiner Mitglieder hatte ich gleich nach meiner Berufung schon Bekanntschaft gemacht, da ich ihm bereits – allerdings nur mit einem reduzierten Lehrdeputat – zugeordnet war. Damit hatte ich auch Gelegenheit, einige der Bremer Besonderheiten kennenzulernen, an denen sich seit der Gründung nichts geändert hatte.

Da war natürlich erst einmal die für die Universität Bremen getroffene Grundsatzentscheidung, dass es sich dabei um eine Universität ohne einen akademischen Mittelbau handeln solle. Im Prinzip sollten alle Lehrenden Professoren sein.

Dass Prinzipien selten ohne Ausnahme sind, galt auch an der Universität Bremen. So wurde zwar die Mehrzahl der Professoren auf eine unbefristete Professorenstelle berufen, aber auch bei denen gab es Abstufungen. Insbesondere aber gab es auch zeitlich – nämlich auf fünf Jahre – befristete Hochschullehrerstellen. Und recht schnell kamen auch Lehrbeauftragte dazu, die sich mit in der Regel auf ein Semester beschränkten Verträgen mit der Rolle von akademischen Saisonarbeitern zufrieden geben mussten.

Dass eine Universität ohne wissenschaftliche Mitarbeiter kein besonders guter Einfall war, zeigte sich aber nicht primär an Problemen in der Lehre, vielmehr in der Forschung. Es waren vor allen anderen die Naturwissenschaftler, die darauf aufmerksam machten, dass der Verzicht auf einen akademischen Mittelbau in ihrem Bereich einer massiven Forschungsbehinderung, wenn nicht sogar Forschungs-verhinderung gleichkam. Das wollten manche der Geisteswissen-schaftler zunächst nicht anerkennen, aber nach und nach überwog dann doch die Einsicht, dass man sich mit dem Verzicht auf einen akademischen Mittelbau vertan hatte – übrigens auch insofern, dass man damit ja auch darauf verzichtet hatte, begabten Absolventen eine Perspektive für eine wissenschaftliche Karriere an der eigenen Universität zu bieten.

Die Korrektur dieses Fehlers konnte nicht konflikt- und schmerzfrei verlaufen. Die Universität war von Anfang an eine Universität, die mit Finanzproblemen zu kämpfen hatte. Bei der Gründung hatten sich sozialdemokratisch geführte Länder noch bereit erklärt, Bremen beim Auf- und Ausbau seiner Universität zu unterstützen. Mit zunehmenden Haushaltsproblemen auch in diesen Ländern wollte man davon dann bald nichts mehr wissen und zog sich aus der Kofinanzierung zurück. Bremen stand damit vor dem Problem, bei wegbrechenden Mitteln einen bei der Gründung gar nicht vorgesehenen Mittelbau finanzieren zu müssen.

Die Folgen waren vorhersehbar. Den Universitätsmitgliedern mit zeitlich befristeten Professuren, die zuvor noch hoffen konnten, nach Ablauf der vereinbarten 5-Jahresperiode übernommen zu werden, wurde fast ausnahmslos keine Verlängerung gewährt und erst recht nicht eine Übernahme in ein unbefristetes Professorenverhältnis angeboten. Die geringe Zahl der Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiter, die zunächst entstanden, wurden weitgehend dafür verwendet, Neuberufene davon zu überzeugen, den an sie ergangenen Ruf auch anzunehmen. Es bedarf keiner großen Phantasie, dass das nicht gerade dazu beitrug, die Beziehung zwischen Neuberufenden und den unter den davor herrschenden Bedingungen Berufenen einfach zu gestalten.

Im Fachbereich Wirtschaftswissenschaft kam noch eine Besonderheit dazu. Man hatte zwar bewusst bei der Namensgebung des Fachbereichs den Singular gewählt, um damit auszudrücken, dass es nur eine und nicht verschiedene Wirtschaftswissenschaften gebe. Aber bei den Berufungen hatte man diese Gleichrangigkeit der beiden Hauptdisziplinen Volks- und Betriebswirtschaft nicht so ernst genommen. Als ich 1975 Mitglied des Fachbereichs wurde, gab es mit Manfred Hüttner nämlich nur einen einzigen Betriebswirt unter den Professoren des Fachbereichs. Da nach allen Erfahrungen aus anderen Universitäten ein Großteil der Studierenden der Wirtschaftswissenschaft(en) zur Betriebswirtschaft tendierten, war das natürlich ein weiterer Fehler der Gründungsphase, den es dann noch in den siebziger Jahren zu korrigieren galt. Man berief ab 1976 mehrere Betriebswirte, darunter auch den Kollegen Heinz Rehkugler, Schüler von Heinen, den ich aus meiner Münchner Zeit an der Staatswirtschaftlichen Fakultät schon kannte.

 

4. Als Hochschullehrer am Fachbereich

Eine Besonderheit der Bremer Universität war (und ist) das Projektstudium. Zumindest im Hauptstudium sollten die Studierenden ihre wissenschaftliche Ausbildung durch – wie das damals formuliert wurde – „forschendes Lernen“ erfahren. Konkret hieß das, dass sich Hochschullehrer, durchaus auch aus verschiedenen Disziplinen, zusammenfanden, um ein über zwei oder gar drei Semester sich erstreckendes „Projekt“ zu entwickeln, das die Studierenden dann belegen konnten und in dem sie an einer bestimmten Thematik arbeiten konnten, mit dem Ziel, sich für Tätigkeiten zu qualifizieren, die eine wissenschaftliche Ausbildung erforderten.

In meinen ersten Semestern in Bremen, in denen ich nur mit einem halben Lehrdeputat am Fachbereich Wirtschaftswissenschaft unterrichtete, habe ich die Projekte überwiegend mit den Kollegen von der „Arbeitsstelle Arbeiterkammer“ entwickelt, unter denen ich der einzige Ökonom war, sodass die Inter- oder doch zumindest die Pluridisziplinarität der Projekte von vornherein gegeben war. Meine Mitveranstalter waren vor allem Siegfried Braun und Michael Schumann, beide Industriesoziologen, von denen ich bei dieser Zusammenarbeit einiges über ihr Fach gelernt habe. Zugute kam mir sicherlich, dass ich vor dem Antritt meiner Stelle am Max-Planck-Institut in Starnberg bereits in einer Forschungsgruppe gearbeitet hatte, deren Mitglieder aus verschiedenen Disziplinen kamen und das von Carl Friedrich von Weizsäcker und Jürgen Habermas geleitete Institut schon von seiner Thematik her („Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt“) viel interdisziplinärer ausgerichtet war als das sonst bei Max-Planck-Instituten üblich war.

Nach meiner vollen Integration in den Fachbereich habe ich mich verstärkt auch im Grundstudium engagiert und bei den Projekten standen die mit meiner Stellenbeschreibung verbundenen Fragen wieder stärker im Vordergrund. Dabei erwies es sich als Glücksfall, dass mit Heinz Kurz und Harald Hagemann, beide von der Universität Kiel, zwei Kollegen an den Fachbereich berufen worden waren, deren Forschungsinteressen sich mit den meinen sehr stark überschnitten, so dass wir den Studierenden wirklich Projektangebote machen konnten, mit denen sich der Anspruch eines „forschenden Lernens“ ein ganzes Stück weit einlösen ließ. Mit beiden war es dann auch möglich, sich an größere Forschungsprojekte heranzuwagen.

Am Grundstudium hatte ich auch schon vor meiner vollen Integration in den Fachbereich mitgewirkt. Das fiel mir nicht schwer, da ich an der LMU München nach dem unerwarteten Tod Erich Preisers, dem ich als „Verwalter einer wissenschaftlichen Assistentenstelle“ zugeordnet war, überwiegend im Grundstudium eingesetzt wurde und so Lehrerfahrung im mikro- und im makroökonomischen Bereich hatte.

Neuland war für mich allerdings eine Bremer Besonderheit: das integrierte sozialwissenschaftliche Eingangsstudium, in der abkürzungsverliebten Bremer Universität dieser Zeit ISES genannt. Es war vor meiner Zeit aus einer Mischung von Überlegungen konzipiert worden, die ich z.T. durchaus nachvollziehen konnte, die andererseits aber auch typisch für den missionarischen Eifer waren, der höchst charakteristisch für die frühe Phase der Universität war.

Sozialwissenschaften, so die zugrunde liegende Idee, sind nicht nur Soziologie und Politikwissenschaft, vielmehr gleichermaßen Wirtschaftswissenschaft und Rechtswissenschaft, wobei die zuletzt genannten das aber weitgehend vergessen haben. Um sie an die gemeinsamen Wurzeln der Gesellschafts- und Sozialwissenschaften zu erinnern, sollten in Bremen auch bei allen angehenden Ökonomen und Juristen durch ein breit angelegtes, diese gemeinsamen Wurzeln der Sozial- und Gesellschaftswissenschaften betonendes „ISES“ dafür wieder ein Bewusstsein geschaffen werden.

Eine aus dieser Idee gezogene Konsequenz war sicher falsch und ist dann auch, wenn auch erst nach mühsamen Prozessen, wieder verworfen worden: nämlich dass man diese verschiedenen Gesellschafts- und Sozialwissenschaften in einem einzigen Fachbereich vereint. Ein Fachbereich mit so unterschiedlichen Disziplinen und damit ganz unterschiedlichen Anforderungen, denen man sich stellen musste, ähnelte einem nicht-manövrierbaren Tanker, so dass es nur konsequent war, ihn zu verschrotten und drei steuerbare Schiffe daraus zu machen. Insbesondere für die Juristen war das wichtig. Sie hatten sich mutig für eine einphasige Juristenausbildung eingesetzt, bekamen dafür viel Gegenwind und konnten es sich nicht leisten, in dieser Auseinandersetzung auch noch dafür zu kämpfen, die Studierenden zwei Semester in einem ISES zu belassen, das natürlich zu Lasten der juristischen Grundausbildung gehen musste.

Aber auch die Studierenden der Ökonomie hatten ihre Probleme mit dem ISES. Da es in den ersten beiden Semestern ein wesentlicher Teil der Ausbildung darstellte, mussten bei anderen Veranstaltungen des Grundstudiums, die anderswo Standard waren, Abstriche gemacht werden. Das warf in den Universitäten anderer Bundesländer die Frage der Gleichwertigkeit der Vordiplome auf. Für diejenigen, die nach ihrem Vordiplom an eine andere Universität wechseln wollten, war es aber verständlicherweise ganz essenziell, dass ihr Bremer Vordiplom einem solchen Wechsel nicht im Wege stand. Am Ende eines langen Diskussionsprozesses hatte die Universität nicht nur drei getrennte Fachbereiche sondern im Fall des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaft auch eine neue Prüfungsordnung, in der zwar am Projektstudium festgehalten wurde, aber das Grundstudium sich stark dem anderer Universitäten annäherte, wobei man allerdings auf eine Kompaktprüfung für das Vordiplom verzichtete, vielmehr wurde das Vordiplom durch „studienbegleitende Leistungsnachweise“ erworben.

Neben der Lehre und damit den Kontakten mit den Studierenden spielen für einen Hochschullehrer natürlich auch die Fachbereichskollegen und die Kontakte mit diesen eine große Rolle. Findet man Kollegen mit ähnlichen Vorstellungen und Interessen, fördert das die Zusammenarbeit, und Kooperation ist für wissenschaftliche Arbeit ein ganz essenzieller Faktor. Konflikte und Stress mit Kollegen sind dagegen eine entschieden wissenschaftsbehindernde Angelegenheit, da sie zur Folge haben, dass man sich in aller Regel in zeit- und nervenbeanspruchende Auseinandersetzungen verstrickt, die sich als schädlich für die wissenschaftliche Produktivität erweisen.

Eine große Belastung für ein kollegiales Verhältnis, nicht nur im Fachbereich Wirtschaftswissenschaft, sondern an der Universität Bremen insgesamt, war in den frühen Jahren die starke Politisierung, die ich in dieser exzessiven Form von meiner alten Universität nicht kannte. Das galt nicht nur für Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Statusgruppen. Auch die Hochschullehrer hatten sich, über die Fachbereiche hinweg, zu politischen Gruppierungen zusammengetan, die sich scharf voneinander abgrenzten und bei Gremienwahlen mit verschiedenen Listen gegeneinander antraten. Die Durchsetzung der politischen Ziele der jeweiligen Gruppe war so manchem wichtiger als ein gutes kollegiales Verhältnis am Fachbereich oder auch an einer Mitwirkung daran, dessen Anerkennung in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit voran zu bringen.

Ein Novum war für mich auch die geradezu exzessive Zahl von Gremien, die an der Universität Bremen existierten und mit endlosen Sitzungen geradezu vampirartig ihren Teilnehmern Zeit absogen. Da jede politische Gruppierung der Meinung war, dass nirgendwo das Feld den anderen überlassen werden könne, waren alle mit ihren jeweiligen Mitgliedern bestückt und bewirkten, dass Wissenschaftler von den Aufgaben ferngehalten wurden, für die sie eigentlich berufen worden waren.

Diese, für eine neue und um Anerkennung kämpfende Universität wenig erfreulichen Sachverhalte, wurden langsam überwunden. Am Fachbereich Wirtschaftswissenschaft setzte sich mehr und mehr die Einsicht durch, dass man nicht die Einheit der Wirtschaftswissenschaft betonen und gleichzeitig der Betriebswirtschaftslehre nur ein Nischendasein zuerkennen kann. So wurden, wie schon erwähnt, ab der zweiten Hälfte der siebziger Jahre Betriebswirte an den Fachbereich berufen, die es schließlich auch den Studierenden, die eher an einem Studium der Betriebswirtschaft interessiert waren, ermöglichten, am Fachbereich Wirtschaftswissenschaft zu studieren. Absehbar war bei dieser Korrektur eines Fehlers in der Anfangsphase freilich nicht, dass daraus eine – so stellt sich das jedenfalls einem Volkswirt dar – Übersteigerung in die umgekehrte Richtung eingeläutet werden sollte: Als es ab der ersten Hälfte des jetzigen Jahrhunderts verstärkt zu einem Ausscheiden der volkswirtschaftlichen Hochschullehrer kam, wurden oft auch gleichzeitig deren Stellen in betriebswirtschaftliche umgewidmet oder gänzlich gestrichen. Das ging zwar nicht ganz so weit, dass nun die umgekehrte Situation der Anfangsphase eingetreten ist, aber doch soweit, dass heute überwiegend an Volkswirtschaft Interessierte in Bremen keine besonders günstigen Studienbedingungen mehr vorfinden. Unter der durch die Folgen von Corona für die Universität noch angespannter werdenden Situation ist zu befürchten, dass sich die Situation für Volks- und Betriebswirte am Fachbereich eher dadurch aneinander angleicht, dass auch letztere Stellenverluste werden hinnehmen müssen.

 

5. Altersmildes Resümee

Über Jubilare wird an ihrem Festtag üblicherweise nur Gutes gesagt. Wenn hier von diesem Brauch etwas abgewichen wurde, so geschah das nicht aus Missachtung der Jubilarin sondern vor allem deshalb, weil lernfähige Menschen und Organisationen sich immer wieder fragen und auch fragen lassen müssen, ob sie ihre Ziele erreicht haben und die eingeschlagenen Wege die richtigen waren. Nur wer zu großer Selbstgerechtigkeit neigt, wird der Auffassung sein, dass das immer hundertprozentig gelungen ist.

Heute kann man sagen, dass trotz aller Anfangsturbulenzen einiges gut und richtig gelaufen ist. So ist es längst keine Frage mehr, dass die Universität ein fester Bestandteil des Landes und der Stadt Bremen geworden ist. Die anfänglichen Vorbehalte, die die Bremer Bürger und die Universitätsangehörigen hatten, sind nicht mehr spürbar – und das ist ein Verdienst beider Seiten. Die Universität hat sich mehr und mehr einer Zusammenarbeit geöffnet; Unternehmen, Verwaltung und Organisationen haben gelernt, die Potenziale einer Universität zu schätzen und zu nutzen. Das gilt auch für das Verhältnis des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaft und den Unternehmen und Organisationen in der Region.

Vielleicht sollte man an dieser Stelle auch eine kleine historische Reflexion einflechten. Das anfänglich eher frostige Klima zwischen den Bremern und „ihrer“ Universität ist alles andere als eine geschichtliche Besonderheit. Wie die Geschichte der heute hochrenommierten Universitäten Oxford und Cambridge belegt, spielten „riots between town and gown“, also z.T. sogar durchaus gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Städtern und Universitätsangehörigen eine große Rolle. So kam es etwa am Sankt-Scholastika-Tag 1355 in Oxford zu einem Aufruhr mit mehr als 90 Toten, ausgelöst von einem Streit zwischen einem Wirt und Studenten.

Soweit ist es in Bremen glücklicherweise nie gekommen: die zunächst bestehenden Vorbehalte erweisen sich in diesem historischen Vergleich als peanuts. Und dass sich nach „nur“ 50 Jahren in Bremen die anfänglichen Schwierigkeiten als überwunden angesehen werden können, ist angesichts der weit länger anhaltenden Konflikte in den ehrwürdigen angelsächsischen Universitäten geradezu als kurzzeitig anzusehen.

Probleme für die zweite Hälfte des ersten Jahrhunderts der Bremer Universität bleiben dennoch. Von Anfang an gab es an der und für die Universität Finanzierungsprobleme. Vielleicht auch deswegen hat man eine Universität ohne eine medizinische Fakultät gegründet und das bis heute dabei belassen. Da Universitätskliniken für die Bevölkerung zu den überzeugendsten Belegen für die Vorteile gehören, in einer Universitätsstadt zu leben, hat man mit dieser Entscheidung auch verhindert, eine schnellere Akzeptanz der Universität herbeizuführen.

Stattdessen hat man in der Startphase auf „billige“ Studiengänge gesetzt, vor allem auf die Lehrerausbildung. Da auch dabei von der Universität Bremen trotzig Ausbildungsformen praktiziert wurden, die bei den anderen Bundesländern auf wenig Verständnis stießen, ergab sich ein Problem. Mehrere Bundesländer wollten Bremer Absolventen nicht als Referendare einstellen. Da Bremen allein nicht all diejenigen einstellen konnte, die eine Referendarstelle suchten, wurde schnell klar, dass an dieser Ausgangsentscheidung nicht festgehalten werden konnte.

Darauf hat die Universität wiederum gut und flexibel reagiert. Man reduzierte die Zahl der Ausbildungsplätze für Lehramtsstudierende und entwickelte stattdessen neue Ausbildungsgänge wie Informatik und Produktionstechnik.

Diese Entscheidung war richtig, aber gleichzeitig ressourcen-verschlingend. Die neu hinzukommenden Fächer mussten mit deutlich mehr Mitteln ausgestattet werden als die wegfallenden. Darunter litten dann auch Fachbereiche, die von dieser Veränderung zunächst gar nicht betroffen schienen, wie der Fachbereich Wirtschaftswissenschaft.

Überblickt man die ersten fünfzig Jahre der Universität Bremen, muss man wohl feststellen, dass es deren zentrales Problem war (und nach wie vor ist), unter einem permanenten Finanzproblem zu stehen. Als Hochschullehrer konnte man nie auch nur annähernd über die Mittel verfügen, die andernorts als Standardausstattung galten. Wer forschungsmäßig irgendetwas bewirken wollte, war darauf angewiesen, sich Drittmittel zu besorgen. Ein solcher Zwang mag ja als ganz nützlich und letztlich auch erwünscht erscheinen. Er verhindert aber eine kontinuierliche Forschung, weil man den Mitarbeitern an einem Forschungsprojekt keine Perspektive bieten kann und sie deshalb zwingt, sich noch vor Abschluss eines Projekts nach einer neuen Beschäftigung umzusehen. Anstatt mit einer Mischung aus erfahrenen und neu einzuarbeitenden Mitarbeitern neue Projekte in Angriff nehmen zu können, war man in der Regel gezwungen, immer wieder Absolventen an die Forschung heranzuführen, die sich nicht an Kollegen orientieren konnten, die bereits über Forschungserfahrung verfügten. Wie ich selber erlebt habe, sind es aber gerade diese Kollegen, die für die Sozialisation eines Wissenschaftlers von außerordentlicher Bedeutung sind.

Dass es trotz der finanziellen Dauerprobleme im hochverschuldeten Bundesland Bremen die Universität geschafft hat, im scharfen Wettbewerb um den Status einer Exzellenzuniversität zu bestehen, gehört sicher zu den Highlights im ersten halben Jahrhundert dieser Institution, auch wenn dieser „Titel“ 2019 dann verloren ging und man sich damit zufrieden geben musste, nur noch Standort eines Exzellenzclusters zu sein. Vielleicht gelingt es meinen Nachfolgern am Fachbereich Wirtschaftswissenschaft ja, bei der nächsten Gelegenheit, dabei unter Beteiligung des Fachbereichs und mit einem Antrag, der die Einheitlichkeit der Wirtschaftswissenschaft betont, den Wiederaufstieg zu schaffen.

Peter Kalmbach, 81, war von 1975-2005 Hochschullehrer an der Universität Bremen und hatte am Fachbereich Wirtschaftswissenschaft die Stelle „Wirtschaftswissenschaft unter besonderer Berücksichtigung von Verteilungstheorie und Verteilungspolitik“ inne.

1968 Grundsteinlegung

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1970 Einzug der Professoren

1971 Eröffnung

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1971 Gründungsrektor von der Vring

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1971 Gründungssenat

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1973 Gebäudebau

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1973 Protest

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