50 Jahre Fachbereich Wirtschaftswissenschaft

Zeit des Aufbaus 1976-1990

 

Am 26.1.1977 wird Professor Dr. Alexander Wittkowsky zum Rektor der Universität Bremen gewählt. Nach seinem Rücktritt im Jahr 1982 wird Professor Dr. Jürgen Timm am 28.6.1982 vom Senat zum Rektor bestimmt. Mit ihm erfolgt eine erfolgreiche Neuorientierung der Universität mit einem Ressourcenumbau zu Gunsten der natur- und ingenieurwissenschaftlichen Lehre und Forschung. 1986 wird die Universität Bremen in die Deutsche Forschungsgemeinschaft, DFG, aufgenommen. Seit 1988 ist der Universitätscampus Teil des Technologieparks Bremen. Im Jahr 1990 wird der Fallturm in Betrieb genommen. Eine beeindruckende Darstellung der Zeit der Gründung und der Zeit des Aufbaus findet sich in dem Buch von Peter Meier-Hüsing zu 40 Jahre Universität Bremen, erschienen bei der Edition Temmen 2011 in Bremen.

Weltpolitisch ist die Zeit des Aufbaus durch unterschiedliche Herausforderungen geprägt. Mitte der 70er Jahre war der RAF-Terror deutschlandpolitisch prägend. Stellvertretend sei die Entführung der Lufthansa-Maschine Landshut und die Ermordung Hanns Martins Schleyers genannt. 1976 endete mit dem Tod von Mao Zedong die Kulturrevolution in der Volksrepublik China. 1977 wurde der Erzbischof von Krakau Papst Johannes Paul II. Steve Jobs gründete mit Steve Wozniak das Unternehmen Apple und der erste Star-Wars-Film kam in die Kinos. 1979 tritt das Europäische Währungssystem in Kraft und die erste Weltklimakonferenz hat in Genf stattgefunden. 1982 kommt der Commodore C64 auf den Markt. Ebenfalls 1982 wurde Helmut Schmidt zum Bundeskanzler gewählt. 1983 begannen die Proteste gegen den NATO-Doppelbeschluss. 1985 wird Michail Gorbatschow Generalsekretär der KPdSU. Im Jahr 1986 kam es zur Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Am 9.11.1989 fiel die Berliner Mauer und ein knappes Jahr später, am 3.10.1990, fand die sogenannte Deutsche Wiedervereinigung statt.

 

Neu berufene Professorinnen und Professoren
Britsch Klaus Wirtschaftswissenschaft mit Schwerpunkt statistische und mathematische Methoden in ökonomischen Anwendungen 1982-1998
Budhäus Dietrich Wirtschaftswissenschaft mit Schwerpunkt Theorie der öffentlichen Unternehmungen 1978-1982
Dworatschek Sebastian Wirtschaftswissenschaft mit Schwerpunkt Theorie und Praxis einzelwirtschaftlicher Organisation und Leitung 1976-2007
Gehring Hermann Mikroökonomie mit Schwerpunkt einzelwirtschaftliche Analyse 1980-1986
Hagemann Harald Wirtschaftswissenschaft mit Schwerpunkt gesamtwirtschaftliche Steuerung und Planung 1982-1988
Hoitsch Hans-Jörg Wirtschaftswissenschaft mit Schwerpunkt Theorie und Praxis der industriellen Produktion unter Berücksichtigung des betrieblichen Rechnungswesens 1977-1984
Kurz Heinz Wirtschaftswissenschaft mit Schwerpunkt Wachstums- und Kapitaltheorie 1979-1988
Krüger Michael Makroökonomische Theorie 1989-2000
Lange Christoph Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Unternehmensrechnung 1988-1995
Lemper Alfons Wirtschaftswissenschaft mit dem Schwerpunkt Theorie und Politik der Außenwirtschaft 1977-1998
Nieder Peter Empirische Organisationsforschung 1982-1995
Rehkugler Heinz Wirtschaftswissenschaft mit Schwerpunkt Theorie und Praxis der einzelwirtschaftlichen Finanzierung 1977-1988
Schmähl Winfried Wirtschaftswissenschaft mit Schwerpunkt Sozialpolitik 1989-2007
Schwiering Dieter Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Unternehmensführung und Personalwirtschaft 1979-1999
Sell Axel Wirtschaftswissenschaft mit Schwerpunkt internationale Wirtschaftsbeziehungen unter Berücksichtigung multinationaler Unternehmungen 1982-2008
Shams Rasul Internationale Integrations- und Währungsfragen 1978-2004
Silberer Günter Absatzwirtschaft, insbesondere Distributions- und Verbraucherforschung 1982-1991
Steiner Manfred Wirtschaftswissenschaft mit Schwerpunkt Unternehmensrechnung 1979-1985
Stöppler Siegmar Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Betriebsinformatik und Produktionswirtschaft 1980-1992
Stuchtey Rolf W. Seeverkehrswirtschaft 1987-2004
Zachcial Manfred Verkehrswissenschaft und Verkehrsplanung 1988-2011
Sprecher des Fachbereichs
Sprecher des Fachbereichs
Hickel Rudolf WiSe 1975/76
Huffschmid Jörg WiSe 1978/79 – SoSe 1979
Steinberg Hans-Josef WiSe 1979/80- SoSe 1981
Kurz Heinz Dieter SoSe 1982 – WiSe 1982/83
Stöppler Siegmar SoSe 1983 – WiSe 1985/86
Rehkugler Heinz SoSe 1986
Hagemann Harald WiSe 1986/87 – WiSe 1987/88
Leithäuser Gerhard SoSe 1988 – SoSe 1992
Interview mit Rudolf Hickel und Conrad Naber

Rudolf Hickel interviewt Conrad Naber, erfolgreicher Unternehmer und Alumnus des Fachbereichs:

Statement von Heinz Rehkugler

Auf dem langen Weg vom Bremer Modell zur „Normalität“

Erinnerungen aus den 70-er und 80-er Jahren

Heinz Rehkugler

 

Der Antritt meiner Professur für Finanzierung am Fachbereich Wirtschaftswissenschaft der Universität Bremen im März 1977 löste bei mir – langjährig an der traditionsbewussten und hierarchiegeprägten LMU München sozialisiert – in mehrfacher Hinsicht einen Kulturschock aus. Was war erfreulich anders, was weniger erfreulich; was von letzterem ließ sich durch Gewöhnung oder individuelle Strategien verarbeiten, was löste den Ruf nach strukturellen Änderungen im Fachbereich und der Universität insgesamt aus?

Der insgesamt recht lockere Umgangston im Kollegium war erfrischend. Dem vertraulichen Du auch von Seiten der Studenten (so hießen sie damals noch) und – mehr noch – dem Gefeilsche um die Vergabe ausschließlich guter Noten konnte ich mit dem Hinweis auf die dennoch gegebene hierarchische Ordnung und die Entwertung der Zeugnisse zumindest für meinen Bereich schnell den Boden entziehen.

Schwerer wog – und hier zeigten sich schnell strukturelle Schwächen der Organisationsstruktur der gesamten Universität als Folge einiger Grundprinzipien des Bremer Modells wie auch die Sparzwänge des Landes Bremen – die unzureichende personelle wie sächliche Ausstattung. So teilte ich mit einem zum selben Tag startenden Kollegen für längere Zeit das Arbeitszimmer. Die Sekretariate (so man sie als solche bezeichnen kann) und die Schreibdienste waren zentralisiert. Es bedurfte daher ausgeprägter Fähigkeiten im „Beziehungsmanagement“, um Schreib- und Vervielfältigungsarbeiten (damals noch überwiegend mit Matrizen) überhaupt oder rechtzeitig erledigt zu bekommen. Ansonsten blieb nur eigenes Handanlegen, was später durch die zunehmend aufkommenden neuen elektronischen Geräte erleichtert wurde. Abgerundet wurde die mangelnde Ausstattung durch einen PDF (Persönlicher Dispositionsfonds) für Reisen, Bücher, Telefon etc. in einem so lächerlichen Umfang, dass er zumeist schon im März komplett ausgeschöpft war.

Noch deutlich schwerer wiegte die Personalstruktur. Dem Fachbereich waren zwar im Vergleich zu anderen wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten üppige Professorenstellen zugeordnet (die nie erreichte Zielzahl belief sich auf 37 Professuren). Die anfänglich sehr schwache Vertretung der Betriebswirtschaftslehre im Fachbereich (ich kann mich nur an die vor mir dort tätigen Kollegen Dworatschek und Hüttner erinnern) änderte sich in den folgenden Jahren schnell und kräftig. Auch wenn das Übergewicht der VWL nicht ausgeglichen wurde, waren aber bald alle klassischen Bereiche der BWL durch Professoren abgedeckt. Leider war während meiner gesamten Zeit keine einzige Kollegin mit dabei und ich kann mich in den insgesamt 9 Berufungskommissionen, der Mitglied oder Vorsitzender ich war, an keine Bewerbung einer Frau erinnern.

Diese große Zahl an Professoren sollte nach dem Bremer Modell den fehlenden akademischen Mittelbau kompensieren, um persönliche Abhängigkeiten und Ausbeutungsverhältnisse zu verhindern.  Als erster betriebswirtschaftlicher Assistentenvertreter in der staatswissenschaftlichen Fakultät der LMU München, der der linken Fraktion angehörte, habe ich damit auch die Positionen der Bundesassistentenkonferenz grundsätzlich mitgetragen, die dem Bremer Modell wesentlich zugrunde lagen. Wie so oft: gut gemeint, aber letztlich nicht wirklich für die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses nützlich und für die Effizienz wissenschaftlicher Arbeit nicht förderlich. Dieses vielfach beklagte, ja die gesamte Universität betreffende Strukturproblem zu lösen, bedurfte nicht nur dieser Einsicht derer, die dieses zuvor so gewollt und beschlossen hatten, sondern auch eines langen Atems der Umstrukturierung, in concreto der systematischen Umwandlung und Umwidmung von freiwerdenden Professorenstellen in Mitarbeiterpositionen. Während meines Dekanats sind uns im Zielmodell der Universität und der Senatsverwaltung für das neue Jahrtausend 16 -18 Professoren zugestanden worden, die dann mit einer zu anderen Universitäten adäquaten Mitarbeiterzahl ausgestattet sein sollten. In den elf Jahren meiner Tätigkeit in Bremen hat es bei mir nur zu einer halben Mitarbeiterstelle gereicht, die Umstrukturierung scheint jetzt aber komplett vollzogen.

Ein gutes Studienangebot hat nicht nur den Anspruch, den geistigen Horizont der Studierenden zu erweitern, sondern durch attraktive Curricula und Lehrveranstaltungsinhalte sowie einheitliche herausfordernde Prüfungsbedingungen ihre Chancen auf eine qualitativ angemessene berufliche Tätigkeit in Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung zu erhöhen. Zu meiner Überraschung war es allerdings um die Anerkennung des Fachbereichs allgemein und speziell des wirtschaftswissen-schaftlichen Studienabschlusses in der regionalen und überregionalen Wirtschaft und deren Verbänden, um es euphemistisch auszudrücken, nicht wirklich gut bestellt. Kontaktversuche mit regionalen mittelständischen Unternehmen wurde oft schon früh abgeblockt. Ich erinnere mich noch gut an den Personalchef der Esso AG, der –   immerhin hatte er die Einladung zu einer Diskussion angenommen – meinen Studierenden mit breiter Brust erläuterte, er werde nie einen Absolventen aus Bremen einstellen. Seine Hauptargumente waren das unstrukturierte Curriculum, die undurchsichtige und nicht genügend diskriminierende Notenvergabe und die von ihm vermutete politische Indoktrinierung der Studierenden. Schon ein Jahr später hat er dann den ersten Bremer Absolventen eingestellt. Es bedurfte also massiver Überzeugungsarbeit, an der sich viele Kollegen beteiligten, um dieses falsche Bild in den Köpfen sukzessive zu korrigieren. Und es hat sich zum Glück korrigieren lassen. Am Ende meiner Tätigkeit am Fachbereich konnte von einer Kontaktscheu der regionalen Wirtschaft nicht mehr die Rede sein. Das mit meiner Leitung vorgesehene und später dann auch mit Förderung der regionalen Wirtschaft realisierte Institut für Mittelstandsforschung ist ein starker Beleg dafür. 

Sicher mit dazu beigetragen hat die Veränderung des Curriculums. An die Stelle des reinen projektorientierten Studiums trat ein systematisches fachbezogenes Grundstudium mit betriebs– und volkswirtschaftlichem, juristischem und methodischem Basiswissen. Dem folgte dann im Hauptstudium die Arbeit an mehrsemestrigen Projekten mit komplexen, idealerweise mehrere Fächer integrierenden Fragestellungen. Meine Projekte nutzten überwiegend die zwischenzeitlich aufgebauten Kontakte zu regionalen Unternehmen, so dass Lösungen für interessante reale Problemstellungen erarbeitet werden konnten. Die Studierenden konnten dabei – als gute Vorbereitung auf ihre spätere praktische Tätigkeit – vor Ort erleben, woran Beratungsprojekte trotz bester theoretischer Vorschläge scheitern können, wenn die von den Projekten betroffenen Führungskräfte und Mitarbeitende nicht angemessen eingebunden werden. Ich bedaure zutiefst, dass es mir an keiner meiner weiteren Wirkungsstätten gelungen ist, diese Art von Projektstudium systematisch in Curricula einzubauen.  

Was bleibt? Aus meiner Sicht waren meine elf Jahre in Bremen eine nicht nur persönlich schöne Zeit mit vielen angenehmen Kollegen, sondern für den Fachbereich ein in vieler Hinsicht kräftiger Schritt nach vorne und – so hoffe ich – damit eine gute Vorlage für die nachfolgenden Lehrstuhlinhaber.   

 

 

Statement von Karl Wohlmuth

Persönliches Statement von Karl Wohlmuth zur Phase „Zeit des Aufbaus“ 1976-1990

In der zweiten Hälfte der 70er Jahre setzte eine gewisse Konsolidierung ein. Das Integrierte sozialwissenschaftliche Eingangsstudium und das Projektstudium wurden professionalisiert. Im Eingangsstudium wurde neben dem Kurs B „Struktur der bürgerlichen Gesellschaft“ auch ein A-Kurs zu „Studium und Beruf“ und ein fachwissenschaftlicher C-Kurs zur Wert- und Preistheorie angeboten. Die Projekte wurden zu kleinen interdisziplinären Forschungsprojekten ausgebaut. Meine ersten Lehrprojekte zu „Multinationale Konzerne im Weltwirtschaftssystem“ und zur „Reform des Weltwährungssystems“ waren an den weltwirtschaftlichen Fragen jener Zeit ausgerichtet (Ölkrise und Rolle der Multinationalen Konzerne, Reform des Weltwährungssystems nach dem Ende des Bretton Woods-Systems). Die Projekte gingen über drei Semester. Wir hatten wohl keine Mitarbeiter, konnten aber Lehrbeauftragte einwerben und Werkverträge für kleine Forschungsarbeiten finanzieren. Umfassende Abschlussberichte dokumentierten die Arbeit aller Beteiligten.

Auch die universitäre Selbstverwaltung wurde angepasst. Die interdisziplinären Studienbereiche (ich war mit Physikern und Elektrotechnikern in einem Studienbereich „Technik und Lebensbedingungen“) und die disziplinären Fachsektionen wurden recht bald durch disziplinäre Fachbereiche und Studiengangs-Kommissionen ersetzt. In allen Sitzungen wurde über viele Stunden debattiert; Protokolle waren ungemein wichtig, um verbindliche Entscheidungen zu erreichen. Vollversammlungen und Streiks wurden von verschiedensten Gruppen durchgeführt.

In den 80er Jahren wurde die Kooperation mit nationalen und internationalen Wissenschaftsorganisationen und mit der regionalen Wirtschaft in Bremen intensiviert. Die Wissenschaftliche Einheit „Weltwirtschaft“, ab 1987 IWIM/“Institut für Weltwirtschaft und Internationales Management“, kooperierte mit der Handelskammer und der Landesregierung zum Thema „Hochtechnologie in Bremen“. Da die Professoren/Professorinnen der ersten Berufungsrunde keinen Anspruch auf Mitarbeiter und Sekretariate hatten („um nicht Arbeitskräfte ausbeuten zu können“), bestand sehr früh ein Zwang zur Einwerbung von Drittmitteln. Ich warb Mittel für die Sudanforschung und für energiewirtschaftliche Vorhaben ein. Als Vertreter der Universität Bremen im Inter-University Centre (IUC) in Dubrovnik, einem Zentrum für Ost-West-Süd-Kooperation, konnte ich dort internationale Kursprogramme durchführen bzw. Kollegen der Universität Bremen motivieren, Kurse anzubieten (vgl. das Foto unten). Die Universität Bremen wurde in den 70er und 80er Jahren zu einem Zentrum für Dritte Welt- und Afrika-bezogene Studiengänge und Forschungen in Deutschland. Ich sorgte für eine Beteiligung unseres Fachbereichs an diesen Programmen.

1st Council Meeting of the IUC in June 1972. Participants: Paul Milhøj, Predrag Vranicki, Ørjar Øyen, Berta Dragicevic, Ante Pazanin, Karl Wohlmuth, and other participants (from left)

1978 Einführungsveranstaltung

©Unversität Bremen

1978 Erstsemesterfeier

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1978 Fußballweltmeisterschaft

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1979 Streikaktion

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1981 Protestaktion

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1982 Die neuen Fachbereiche der Universität

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1990 African Yearbook

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