In Prüfungen ist es essenziell die Ruhe zu bewahren. Leider gibt es keine generelle Empfehlung dafür seine Ziele zu erreichen. Jeder Mensch braucht eine besondere Strategie um die nötige Gelassenheit für eine Prüfungsituation zu erreichen. Der Grund für diese eigene Herangehensweise liegt in der Individualität der einzelnen Personen. Es gibt Menschen, die sich erst sicher fühlen, wenn sie alles können. Es gibt aber auch welche die ihr Selbstbewusstsein nicht verlieren, wenn sie sehr stark auf Lücke gelernt haben. Und dazwischen gibt es noch eine Vielzahl von unterschiedlichen Varianten.
In meinem Leben habe ich schon eine Menge Prüfungen absolvieren müssen und wollen. Führerscheinprüfung, Gesellenprüfung, Meisterprüfung jeweils theoretisch und praktisch (ein wirklich großer Unterschied nicht nur, aber besonders emotional), Klausuren, schriftliche und mündliche Prüfungen zum MSc., Masterthese und Verteidigung. So habe ich schon einige Erfahrung mit der Thematik. Doch hätte mein Leben um einiges Anders verlaufen können, wenn ich in meiner theoretischen Meisterprüfung im Fach Prothetik nicht einen kühlen Kopf behalten hätte. Ich hatte mich autodidaktisch auf diese Prüfung vorbereitet. Während der Woche hatte ich bis 18:00 Uhr gearbeitet und hatte dann zu Hause noch bis 22:00 Uhr gelernt. Am Wochenende hatte ich an beiden Tagen auch noch je 8 Std. in die Bücher geschaut und den Stoff verinnerlicht. Das ganze habe ich ein dreiviertel Jahr lang getan. Ob das genug war ist nicht zu beurteilen. Den Stoff den ich gelernt hatte konnte ich. Und zwar nicht nur auswendig für die Prüfung, sondern ich hatte ihn auch verstanden. Mit diesem Wissen trat ich meine Prüfung an.
Es war ein Donnerstag. 8:00 Uhr morgens. Der Fragebogen wurde ausgeteilt. 14 Fragen. Zwei Std. Zeit zur Verfügung.
Ich hatte mir die erste Frage durchgelesen. Von dem Thema das ich beschreiben sollte hatte ich noch nie etwas gehört. Auch zu der zweiten Frage konnte ich nur schemenhaft etwas sagen. Und so ging das weiter bis zur Frage 14. In der Mitte irgendwo hatte ich zwei Fragen gefunden zu denen ich die Antwort kannte. Das war nicht genug. Diese Situation kann ich heute noch nachfühlen. Es war eines der schlimmsten emotionalen Erlebnisse welches bis zu diesem Zeitpunkt über mich hereinbrach. Und auch jetzt wo ich vor dem Rechner sitze und diese Geschichte aufschreibe spüre ich wieder den Angstschweiß auf meiner Haut. In Gedanken zog an mir das letzte dreiviertel Jahr vorbei. Die ganze Zeit verloren? Nicht nur ich hatte Verzicht geübt. Auch meine Frau. Unsere Ehe war in der damaligen Lern Periode nicht in gutem Zustand. Ich nahm mir 5 min. um die Situation zu evaluieren und zwar in der Retro- und in der Perspektive. Mit dem Ergebnis, das in meiner Lage nur ein kühler Kopf helfen könne.
Also begann ich zu denken. In der Ersten Frage ging es um eine Pivot-Schiene. Wie gesagt kannte ich diese Schiene nicht. Doch ich kannte die Michigan-Schiene und schrieb ich alles auf was ich über die Michigan-Schiene wusste. Immer wenn ich hätte Michigan-Schiene schreiben müssen schrieb ich Pivot-Schiene. Mit diesen Mitteln habe ich mich dann durch diese Fachprüfung geschrieben und mit jedem Wort das ich schrieb kam mein Selbstvertrauen Stück für Stück zurück. Am Ende der Zeit hatte ich zu jeder Frage eine Antwort. Dank meiner Besonnenheit und des daraus entstandenen Tunnelblickes, habe ich diese Prüfung sogar noch mit einer guten Note bestanden. Hätte ich nach 5 min. ein leeres Blatt abgegeben, wäre ich ganz sicher nicht mehr zu einer Meisterprüfung angetreten. Und mein Leben wäre deshalb sicher anders verlaufen.
Das ich damals den Stoff so intensiv, und nicht nur für die Prüfung, gelernt habe, ist mir später immer wieder zugute gekommen. Deshalb hatte ich auch nie das Gefühl mich falsch für diese Prüfung vorbereitet zu haben. Ich hatte halt Pech mit den Fragen. Doch glaube ich andersherum auch nicht das ich eine bessere Note bekommen hätte wenn ich zu jeder Frage von Anfang an ein Antwort gewusst hätte. Zu jeder Prüfung gehört auch ein Quäntchen Glück.
