Stellt euch folgendes vor: Eine Uni an der wir Prüfungen so häufig wiederholen können wie nötig. In Bremen ist daran nicht zu denken, nach 3 Versuchen heißt es “Danke und Tschüss” bzw. Zwangsexmatrikulation. Und der Horror geht weiter: Nach der Zwangs-Ex sind wir im ganzen Bundesgebiet für dieses Studium gesperrt. Da bekomme ich gleich “richtig” Lust auf die nächste Prüfung.
Das es auch anders gehen kann zeigt die Uni Bielefeld. Im Mail-Interview beantwortete mir Mira Schneider, wie es an der Bielefelder Uni dazu kam, dass Studis tatsächlich unbegrenzt viele Wiederholungen haben. Wäre das nicht auch etwas für uns?
Alex Kramer: Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen. Was ist Ihre Postion an der Uni. Was bedeutet Referentin für Studium und Lehre?
Mira Schneider: Mein Name ist Mira Schneider, ich bin 27 Jahre alt und ursprünglich bin ich mal aus dem Saarland gekommen um in Bielefeld zu studieren und danach ganz schnell wieder weg zu gehen. Tja, und nun bin ich seit April wieder hier und arbeite als Referentin für Studium und Lehre, das bedeutet momentan vor allem, dass ich viel im Bereich der Studienreform arbeite. In Bielefeld wird zum nächsten Wintersemester ein ganz neues Studienstrukturmodell starten und es ist ungeheuer spannend (und stressig) das auf den Weg zu bringen.
Alex Kramer: Ich war ziemlich baff, als ich das Gerücht hörte, dass Studis an der Uni Bielefeld so häufig die Prüfungen wiederholen können wie sie wollen. Was ist dran an diesem Gerücht?
Mira Schneider: Ja, das stimmt, in Bielefeld gilt der Grundsatz der unbegrenzten Wiederholbarkeit von Prüfungen, das heißt hier entfallen auch die ganzen Formalia wie Prüfungsanmeldung, Prüfungsabmeldung, Atteste etc. Es wird lediglich das Ergebnis jeder Prüfung im Transcript dokumentiert.
Alex Kramer: Und gilt es tatsächlich für alle Studis?
Mira Schneider: Es gibt einige wenige Ausnahmen: Für die Juristenausbildung gibt es gesetzliche Regelungen an die wir uns halten müssen und momentan gibt es auch Einschränkungen für Studierende im Lehramt, diese fallen aber mit dem neuen Lehrerausbildungsgesetz, also für alle, die ab nächstem Wintersemester hier ihr Studium aufnehmen werden, weg. Dann gibt es noch die Fakultät für Wirtschaftswissenschaften, die wir zum Start des Projektes nicht überzeugen konnten mitzumachen und die daher eine Ausnahmegenehmigung bis 2012 hat. Bis dahin haben wir sie hoffentlich von den Vorteilen des Modells überzeugt.
Alex Kramer: Bis vor einigen Tagen dachte ich noch, dass das Hochschulgesetz des Landes XY solche Regelungen, wie die Wiederholbarkeit von Prüfungen, vorgeben würde. Daraufhin schaute ich bei anderen Unis in NRW, ob sie ähnlich wie Bielefeld verfahren. Aber schon bei Münster und Bochum wurde ich enttäuscht.
Mira Schneider: Ich kenne auch keine andere Hochschule mit ähnlichen Regelungen.
Alex Kramer: Wie kam es also zu der Entscheidung der Uni Bielefeld, sich für solch eine Regelung einzusetzen? Bzw. wer hat darüber entschieden, dass es so ist? (Darf das jede Uni?)
Mira Schneider: In Bielefeld wurden zum Wintersemester 2002/03 nahezu alle Studiengänge auf Bachelor und Master umgestellt. Damals war klar, dass durch das studienbegleitende Prüfen ein Verwaltungsaufwand entstehen würde, dem man mit den Mitteln der Diplom- und Magisterstudiengänge nicht würde begegnen können. Außerdem stellte sich die Frage, ob man ein Studium bereits an Prüfungen zu Studienbeginn u. U. komplett scheitern lassen wollte. Gleichzeitig gab und gibt es keinen Beleg dafür, dass das “Rausprüfen” die Qualität der Lehre verbessert oder die Studiendauer verkürzt (Bachelorstudiengänge wurden ja unter anderem auch eingeführt, weil in den Diplomstudiengängen die Regelstudienzeiten im Schnitt deutlich zu hoch waren). Der damalige Prorektor für Lehre und heutige Rektor hat sich daher sehr stark dafür eingesetzt, auf diese Regelung zu verzichten. Es gab dann sehr lange Diskussionen in allen Gremien, aber schließlich hat der Senat der Uni eine Rahmenprüfungsordnung verabschiedet, die auf Regelungen zur Wiederholbarkeit verzichtet, was de facto eine unbegrenzte Wiederholbarkeit bedeutet. Hätte sich diese Regelung als problematisch erwiesen, hätte man jederzeit die Ordnung ändern können, aber ein solcher Antrag wurde nie gestellt.
Alex Kramer: Ich finde, dass “Leistung” sehr typisch für Deutschland ist. Ständig geht es in Debatten darum, dass die Leistungsträger in der Schule nicht gehindert werden dürfen, Leistung sich wieder lohnen soll, etc. Einer meiner Profs. meinte mal zu mir: “Wissen Sie – Leistung ist Arbeit mal Zeit.”
Persönlich glaube ich zwar nicht, dass man solchen Rufen besonders viel aufmerksam schenken muss, aber wie sieht es mit solchen Argumenten an der Uni Bielefeld aus? Widerspricht sich die unbegrenzte Wiederholbarkeit mit dem Leistungsprinzip? Ich meine, wenn ich z.B. eine Klausur x-mal wiederholen kann, dann höre ich schon einige KommilitonInnen, die sich darüber beschweren, dass das ja unfair wäre. “Schließlich würde ja wahre Leistung im direkten Gelingen bestehen.”
Mira Schneider: Zunächst einmal wird jedes Prüfungsergebnis im Transcript dokumentiert, d.h. ein Studierender, der im ersten Versuch eine 1,0 geschafft hat, könnte immer noch Vorteile geltend machen, gegenüber einem Studierenden, der dort stehen hat, dass er den vierten Versuch gebraucht hat. Die unbegrenzte Wiederholbarkeit kommt aber dem Leistungsgedanken ihres Professors entgegen: Wenn ich als Studierender, vor allem am Anfang meines Studiums, weiß, dass es keine gravierenden Folgen hat, wenn ich die Klausur mal mitschreibe, auch wenn ich mich vielleicht nur 95% vorbereitet fühle, dann schließe ich unter Umständen mein Studium schneller ab, weil gegen Ende meines Studiums nicht die aufgeschobenen Prüfungen warten.
Alex Kramer: Gibt es also Neid und wie stehen sie dazu?
Mira Schneider: Ich nehme an, dass es immer mal Neid gibt, aber bestimmt nicht als generelles Phänomen, dass die gesamte Universität erfasst hätte. Meiner persönlichen Meinung nach, ist die unbegrenzte Wiederholbarkeit von Prüfungen ein Thema, dass unter dem Aspekt “Öffnung der Hochschule” intensiv diskutiert werden sollte. Für Menschen, die eventuell als erste in ihrer Familie ein Studium aufnehmen wollen, ist das oft eine schwere Entscheidung. Unter Umständen gibt es dann in der Familie auch Stimmen, die dazu raten, lieber “was Ordentliches” zu lernen, womit man später Geld verdienen kann, statt sich in die unbekannte Welt der Universität zu begeben, wo das Risiko zu scheitern groß erscheint. Ich denke gerade diesen Studierenden vermittelt die Gewissheit, dass sie eine Prüfung auch wiederholen können Sicherheit. Darüber hinaus finde ich, dass es zur Studienkultur an einer Universität gehören sollte, eine Toleranz für Fehler zu entwickeln und auch das Scheitern an einer Aufgabe als Lernweg zu akzeptieren. Beim nächsten Mal bereitet man sich eben anders vor, oder reformuliert seine Fragestellung.
Alex Kramer: Bleiben wir auf der pessimistischen Welle: Angenommen ich falle in Bremen dreimal durch eine Klausur und werde zwangsexmatrikuliert. Darf ich dann in Bielefeld weiter studieren? Bzw. sollte ich vorher schon nach Bielefeld wechseln?
Mira Schneider: Wenn Sie eine Prüfung an einer anderen Hochschule endgültig nicht bestanden haben, wird Sie die Uni Bielefeld nicht in den gleichen Studiengang immatrikulieren. Da sollten Sie dann schon vorher wechseln.
Alex Kramer: Ein bißchen ketzerisch gefragt: Gibt es wegen der Regelung eigentlich besonders viele faule, planlose, … Studierende in Bielefeld? Ist Bielefeld also das Auffangbecken für die bundesweiten VersagerInnen?
Mira Schneider: Die Statistik spricht zumindest dagegen: Fast die Hälfte der Bachelorstudierenden schließt innerhalb der Regelstudienzeit ab, der Großteil der Studierenden überschreitet die Regelstudienzeit um weniger als 2 Semester. Da ist natürlich noch Luft nach oben, aber die Zahlen sprechen trotzdem dafür, dass unser Modell nicht zu einer Studienzeitverlängerung führt. Außerdem darf man nicht den Trugschluss ziehen, dass unsere Prüfungen nur weil man sie wiederholen kann so oft man will, besonders leicht sind. Selbstverständlich stellt auch die Universität Bielefeld hohe Ansprüche an ihre Studierenden, die sie im Rahmen der Prüfungen einlösen sollen.
Alex Kramer: Zum Abschluss würde mich interessieren wie es an der Uni Bielefeld weitergeht. In der Hochschullandschaft stehen derzeit viele Reformen des BA/MA Systems an. Wird sich dadurch etwas ändern an dieser Regelung der unbegrenzten Wiederholungsmöglichkeiten?
Mira Schneider: Wie gesagt, wir stellen im Moment auf ein neues Studienstrukturmodell um. Auch hier sind wir wieder innovativ, in dem wir zum Beispiel einen “Individuellen Ergänzungsbereich” im Umfang von 30 LP vorsehen, durch eine einheitliche Modulgröße von 10 LP die Polyvalenz zwischen den Studienprogrammen erhöhen und in der Regel nur noch eine Prüfung pro Modul haben werden. Die Rahmenprüfungsordnung für dieses Modell war vor einigen Wochen im Senat. Niemand hat beantragt die begrenzte Wiederholbarkeit wieder einzuführen.
Alex Kramer: Ich möchte mich recht herzlich dafür bedanken, dass Sie sich die Zeit genommen haben, uns Rede und Antwort zu stehen und das so kurz vor Ihrem Urlaub. Wir hoffen Sie haben eine erholsame Zeit.
Nordische Grüße aus Bremen.
Mira Schneider: Herzliche Grüße aus Ostwestfalen
Was denkt ihr? Wäre das eine Option für die Bremer Uni oder widerspricht sich das mit dem Leistungsprinzip? Nutzt die Kommentare!
Edit: Für alle, die es interessiert: Hier noch mehr Infos zur “Rahmenprüfungsordnung” der Uni Bielefeld:
http://ekvv.uni-bielefeld.de/wiki/en/Erl%C3%A4uterungen_zu_den_%22Rahmenpr%C3%BCfungsordnungen%22



Ich bin mir nicht ganz klar darüber, was ich von einem solchen Modell halten soll. Ich habe bei Prüfungen eigentlich nie Angst durchzufallen, sondern eher Angst schlecht zu bestehen. Wenn man dann Prüfungen so häufig wiederholen könnte wie man will, könnte es vielleicht dazu führen, dass die Prüfungen auch schwerer werden. Wenn man jedoch in einem bestimmten Gebiet Probleme hat, ist es sicher total erleichternd, dass man es so oft wie nötig wiederholen kann.
Liebe Grüße
Jaci
Hi Jaci,
danke dir für den Kommentar. Das krasse an der Regelung der Uni Bielefeld ist auch, dass Prüfungen auch zur Notenverbesserung wiederholt werden können.
Dafür gibt es aber eine Begrenzung.
Und zwar muss die Kapazität vorhanden sein. D.h. für die Klausur werden erst einmal die zugelasen, die die Klausur das erste Mal schreiben, die die durchgefallen sind und dann die, die ihre Note verbessern wollen. Sollten vorher schon alle Plätze belegt sein, dann darf man doch nicht die Note verbessern.
Find ich ganz fair.
LG
Alex
hab gehört in bremen gibts auch bald für die physiker die regelung der unbegrenzten prüfungswiederholung – vielleicht schaffen wir es auch, diese auf die ganze Uni Bremen auszuweiten …?